Stürme der Angst stillen

Jürgen Floß
Jürgen Floß mit dem "Anliegenbuch", das im "Raum der Stille" des Würzburger Zentrums für operative Medizin ausliegt. Foto: Christ

Lebenslinien in Gottes Hand (47): Engagement als Klinikseelsorger

Würzburg. Die Frau misstraute den Ärzten. Die sagten ihr ständig, alles würde wieder gut werden. Doch die Angst in ihr blieb. Von dieser Angst erzählte die 57-Jährige Jürgen Floß, Klinikpfarrer am Uniklinikum Würzburg (UKW). Der saß bei der Schlaganfallpatientin am Bett und hörte ihr einfach nur zu. "Ich war offensichtlich der erste Mensch, der sie nicht sofort beschwichtigt hat", meint er. Eben das tat der Frau gut. Endlich konnte sie sich einmal alles von der Seele reden.

Als Geschäftsführer der evangelischen Klinikseelsorge hat Floß eine Menge administrativer Aufgaben zu erledigen. Daneben jedoch bleibt genug Zeit, um täglich zu Patienten zu gehen. "Gestern zum Beispiel war ich auf der Intensivstation der Anästhesie", berichtet der 57-Jährige. Dort fand er einen Mann vor, der schon wieder auf der Bettkannte sitzen konnte. Kein übliches Bild auf einer Intensivstation.

Der Patient, einige Jahre jünger als Floß, hatte eine schwere Bypassoperation überstanden. Ob er den Eingriff überleben würde, daran hatte er im Vorfeld oft gezweifelt. Die Erleichterung, am Leben zu sein, war riesig. "Sie hatten offenbar einen Schutzengel?", meinte Floß. Ja, nickte der Mann, gute Mächte hätten ihn wohl behütet.

Von guten Mächten erzählte Floß auch der Seniorin, die nicht glauben konnte, dass sie nach dem Schlaganfall je wieder ein befriedigendes Leben würde führen können. "Als ich bei ihr saß, fiel mir die biblische Geschichte ein, wie Jesus den Sturm stillte." Er fragte die Patientin, ob er ihr davon erzählen dürfte. Sie bejahte. Sie hörte zu. Und wurde plötzlich ganz still. ­Erinnerungen an früher waren plötzlich in ihr hochgekommen: "Ich sehe mich, wie ich als kleines Kind mit meiner Mutter in Dresden im Luftschutzkeller sitze." Um sie herum tobte der Wahnsinn. Bomben fielen. Menschen schrien. Sie und die Mutter beteten: "Plötzlich war alles still. Und wir wussten, wir hatten es überstanden."

Es sind intensive Begegnungen, die Jürgen Floß am Krankenbett erlebt. Er trifft auf Menschen, die unglaublich erleichtert sind, dass sie eine schwere Krankheit mit Hilfe der Ärzte überwunden haben. Er vermittelt, wenn sich nach wenigen Sätzen herausstellt, dass ein Patient deshalb so große Angst vor einer Therapie hat, weil er trotz ärztlichem Aufklärungsgespräch nicht genau weiß, welche Folgen die Behandlung für ihn hat. Und Floß ist da, wenn sich der Weg eines Patienten dem Ende nähert und existenzielle Fragen auftauchen.

In dieser Situation muss der evangelische Pfarrer oft eine Brücke zwischen den Angehörigen und dem Patienten schlagen. Beide trauen sich nicht, den bevorstehenden Sterbeprozess anzusprechen. "Sagen Sie bloß nichts meinem Mann, der würde das niemals verkraften", hört Floß. Er erklärt, dass es wichtig ist, in den letzten Wochen und Monaten offen miteinander umzugehen. Meist wissen ohnehin alle Bescheid: "Doch sie geben es voreinander nicht zu und schleichen um das bedrückende Thema herum."

Klinikseelsorge umfasst allerdings mehr, als Gespräche mit Patienten zu führen. Floß ist auch Mitglied im klinischen Ethikkomitee. Hier setzt er sich mit medizinethischen Fragen auseinander: "Zum Beispiel, wenn es um eine Änderung des Therapieziels oder um Therapieentscheidungen am Lebensende geht." Das 15-köpfige, ökumenische Seelsorgeteam engagiert sich schließlich in der Fortbildung für Pflegekräfte und Ärzte. Kürzlich übernahm Floß zum Beispiel das Modul "Ethik und Religion" bei einer Fachweiterbildung, an der Pflegekräfte aus der Psychiatrie, der Onkologie, der Palliativversorgung und der Kinderklinik teilnahmen.
In den vergangenen Jahren differenzierte sich die Würzburger Klinikseelsorge immer weiter aus. In Arbeitsgruppen werden spezielle Themen vorangetrieben. So gibt es aktuell eine AG "Sakrale Räume". Das Uniklinikum, erläutert Floß, ist permanent mit Um- und Neubauten beschäftigt: "Wir schauen, dass es in den umgestalteten oder neuen Gebäuden auch Kapellen oder Meditationsräume gibt." Was keine einfache Sache ist. Denn die Raumnot ist oft schon im Planungsstadium groß. Für Orte der Andacht und der Stille muss nachdrücklich geworben werden.

Wie wichtig Meditationsräume sind, zeigt wiederum das "Anliegenbuch" im "Raum der Stille" des Zentrums für Operative Medizin (ZOM). Zahlreiche Patienten schreiben dort ihre Sorgen und Ängste nieder. Sehr häufig finden sich auch erleichterte Einträge nach geglückten Operationen und Dankgebete an Gott. Täglich wirft Jürgen Floß einen Blick in dieses Buch. Die Einträge, wird im Vorwort versprochen, verpuffen nicht. Die Klinikseelsorger nehmen sie nicht nur zur Kenntnis, sondern auch in ihre Gebete auf.

 

                      Pat Christ

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