Nachts ist alles noch mal schlimmer

Christian Michelberger
Christian Michelberger holt seine Diensttasche ab. Foto: Christ

Lebenslinien in Gottes Hand (48): Seit 25 Jahren Freiwillige beim Würzburger Krisendienst

Als Mitarbeiter der Bahnhofsmission war es Christian Michelberger bekannt, dass es in Würzburg einen Krisendienst für Menschen in seelischen Notsituationen gab. Als er auf eine Anzeige stieß, in der Profis für die ehrenamtliche Mitarbeit abends und in der Nacht gesucht wurden, meldete sich der 43-Jährige sofort. Seit über zehn Jahren ist Michelberger inzwischen für den Krisendienst tätig. Mindestens einmal im Monat holt er seine Diensttasche ab.

In dieser Tasche befinden sich ein Handy, ein Handyladekabel, der Schlüssel für die Räume des Krisendienstes sowie eine dicke Mappe, die unter anderem statistischen Zwecken dient. Wer von den Ehrenamtlichen den Bereitschaftsdienst übernimmt, holt die Diensttasche am Nachmittag ab. Dutzende Male hat das Christian Michelberger inzwischen getan. Unvergesslich ist dem diplomierten Pädagogen das erste Mal 2005: "Ich wusste nicht, was in der Nacht auf mich zukommen würde, darum war ich ziemlich nervös."

Seit 1990 gibt es den Krisendienst in Würzburg. Vor 25 Jahren wurde er um den Bereitschaftsdienst erweitert. Der fand zunächst nur am Wochenende statt. Später wurde er auf jede Nacht ausgedehnt. "Mitarbeiter psychosozialer Dienste wurden hierzu zwangsverpflichtet", berichtet Waltraud Stubenhofer, Leiterin der ökumenischen Einrichtung. Das ging allerdings nicht lange gut, zu groß war der Unmut. Darum stellte der Krisendienst den Bereitschaftsdienst um: Profis wie Pädagogen, Psychologen, Psychotherapeuten oder Ärzte sollten die Einsätze gegen eine Aufwandsentschädigung freiwillig leisten.

Es fanden sich auch tatsächlich genug Profis für das Ehrenamt. Derzeit teilen sich 25 Freiwillige den Bereitschaftsdienst, der täglich von 18.30 bis 00.30 Uhr telefonisch berät. Hinzu kommen zehn Studierende. "Die haben Rufbereitschaft", erklärt Stubenhofer. Sie werden immer dann kontaktiert, wenn ein Anrufer in einer so schweren Krise steckt, dass ein Hausbesuch sinnvoll erscheint: "Diese Hausbesuche werden stets zu zweit gemacht."

Dass er Menschen aufgrund schwerer Krisen zu später Stunde aufsuchen muss, geschieht laut Michelberger jedoch selten: "In all den Jahren kam das bei mir viermal vor." In einem Fall handelte es sich um einen schizophrenen Mann in einer akuten Krise. Eine Angehörige hatte den Bereitschaftsdienst angerufen.

Meist muss Christian Michelberger drei- bis viermal in der Nacht ans Telefon gehen. Es gibt jedoch auch Zeiten, in denen das Handy zehnmal klingelt. Dass Menschen ausgerechnet in der Nacht Hilfe suchen, hat viele Gründe. Nachts sind die Möglichkeiten, sich abzulenken, gering. Leicht verfällt man ins Grübeln. Und plötzlich stürmt alles auf einen ein: Die Krankheit, die Einsamkeit, die verfehlten Lebenspläne.

Nachts eskalieren auch oft Konflikte. So rief kürzlich eine Mutter bei Michelberger an, die wegen der Drogensucht ihres Sohnes ganz verzweifelt war. Der Sohn litt an Depressionen, er nahm Psychopharmaka. Zusätzlich konsumierte er Drogen. "Du bist schuld!", schrieb er in jener Nacht der Mutter per SMS. Damit stach er bei der Frau in eine schmerzhafte Wunde. Schon so oft hatte sie sich gefragt, inwieweit es denn tatsächlich ihre Schuld war, dass es dem Sohn so schlecht ging. Hatte sie wirklich alles falsch gemacht?

Michelberger hörte der Frau zu. Er ließ sie schildern, warum der seit langem schwelende Konflikt mit dem Sohn just heute Abend wieder hochgekocht war. Er riet davon ab, sich in der Nacht auf ein weiteres Hin und Her per SMS einzulassen. Die Anruferin sah ein, dass sie das nicht weiterbringen würde. Sie versprach, nach dem Telefonat mit ihrem Mann noch einmal rauszugehen und einen Abendspaziergang zu machen. Am nächsten Tag wollte sie auf Michelbergers Rat hin den Therapeuten ihres Sohnes kontaktieren und ihm schildern, wie es ihr als Mutter gerade geht. Auch fand sie den Vorschlag gut, sich an eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Suchtkranken zu wenden.

An die von der Arbeitsgemeinschaft "Ökumenische Telefonseelsorge und Krisendienst Würzburg Main-Rhön" getragene Einrichtung können sich Menschen wenden, wann immer es ihnen aufgrund von eigenen Krisen oder aufgrund der Krise eines Angehörigen schlecht geht. "Manche Klienten kennen wir seit Jahren", schildert Waldtraud Stubenhofer. Sie melden sich oft monatelang nicht. Dann folgt erneut eine Phase, wo sie oft Kontakt suchen. Dies geschieht oft dann, wenn Veränderungen anstehen: "Etwa Wohnungsprobleme, finanzielle Schwierigkeiten, Probleme am Arbeitsplatz oder Druck vom Arbeitsamt."

Die Einrichtung ist in erster Linie für Menschen in akuten Krisen da. Allerdings gibt es zahlreiche Klienten, denen es, wie der Mutter des suchtkranken Sohnes, über lange Zeit nicht gut geht. Auch sie können den Krisendienst kontaktieren. So oft sie wollen. Wann immer es ihnen schlecht geht. Und vor allem dann, wenn sich die Problematik mal wieder zuspitzt.

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen versuchen, das Problem, das ihnen ein Klient schildert, ganz aus dessen Sicht zu verstehen. Voreilige Ratschläge gibt es nicht. In den Gesprächen wird allerdings an der Frage gearbeitet, welche Veränderungen vielleicht doch möglich sind - obwohl alles im Augenblick so ausweglos erscheint. Hilfreich ist Stubenhofer zufolge, einen Wechsel der Perspektive herbeizuführen: "Ich fordere die Klienten oft auf, von einem gedanklichen Aussichtspunkt aus ihr bisheriges und zukünftiges Leben zu überblicken."

Auf diese Weise wird sichtbar, dass es schon oft im Leben gelungen ist, Probleme zu lösen. Es gab zwischendurch wohl längere Durststrecken, die alles andere als angenehm waren. Aber immer ging es bisher irgendwie weiter. Der spekulative Blick darauf, wie es vielleicht in 10 oder 20 Jahren sein könnte, macht den Klienten Mut. Vielleicht wird es ja auch diesmal wieder gelingen, das Unglück zu überwinden und neue Lebensfreude zu entdecken.

              Pat Christ

An jedem Werktag ist der Krisendienst von 14 bis 18 Uhr telefonisch unter 0931/571717 erreichbar. Der Bereitschaftsdienst kann an jedem Tag zwischen 18.30 und 0.30 Uhr kontaktiert werden.

 

 

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