Von Land zu Land getragen

Youssef
Majed Al Madami hilft seinem Sohn Youssef. Foto: Christ

Lebenslinien in Gottes Hand (49): Neun Flüchtlingskinder im Zentrum für Körperbehinderte

Würzburg. Andreas Brühler nimmt Mohamad fest an die Hand, geht mit ihm durch das Klassenzimmer und hinaus in den Gang. Wie Mohamad inzwischen läuft, ist beachtlich. "Als er zu uns kam, ging er kaum", sagt der Heilerziehungspflegehelfer, der sich im Zentrum für Körperbehinderte (ZfK) um das beeinträchtigte Kind kümmert. Der Achtjährige kam im März in die Einrichtung am Heuchelhof. Er ist eines von neun behinderten Kindern aus Flüchtlingsfamilien, die das Zentrum inzwischen besuchen.

Dreimal, erzählt Mohamads Vater Majed Al Madami, habe die vierköpfige Familie versucht, aus Syrien zu fliehen. Beim dritten Mal klappte es endlich. Die Flucht war extrem beschwerlich. Denn nicht nur Mohamad, sondern auch sein jüngerer Bruder Youssef ist schwer körperlich und geistig behindert. "Wir mussten die beiden von Land zu Land tragen", berichtet Majed Al Madami. Zunächst dachten seine Frau und er noch, sie würden die Flucht mit Gepäck schaffen. Irgendwo in der Türkei warfen sie jedoch alles weg. Die Söhne waren schwer - und viel wichtiger als die mitgeschleppten Habseligkeiten aus dem Heimatland.

Während Mohamad den Unterricht besucht, wird Youssef auf die Schule vorbereitet. Er darf noch viel spielen und basteln. Was er auch mit großer Freude tut, berichtet Brigitte Kübert, heilpädagogische Förderlehrerin, die den Jungen unterstützt: "Wir haben den Eindruck, dass er zuvor noch nie einen Pinsel in der Hand hatte." Auch Spielsachen waren für Youssef offensichtlich neu.

Jedes der neun Kinder hat ein bewegendes Schicksal hinter sich, sagt Zentrumsdirektor Hans Schöbel: "Was wir erfahren, ist einfach unglaublich." Mudaser, ein afghanischer Junge, ist seit einem Unfall querschnittsgelähmt. Auch seine Eltern trugen ihn von Afghanistan nach Deutschland. Vor der Flucht standen Vater und Mutter vor einer bedrückenden Entscheidung: Sollten sie bleiben und das Heil aller riskieren? Oder sollten sie mit ihrem behinderten Sohn fliehen, ihr gesundes Kind jedoch in der Heimat lassen? Mit beiden Kindern zu fliehen, das wäre unmöglich gewesen. Sie entschlossen sich schließlich, Mudasers Bruder bei der Familie zurückzulassen.

Auch Marzieh stammt aus Afghanistan. Sie floh mit drei Geschwistern, ihrer Mama und ihrem Papa. Als die Familie vor knapp einem Jahr aufbrach, wusste noch niemand, das Marzieh schwer krank ist. Sie leidet an einer speziellen Bluterkrankung. Spätestens alle drei Wochen muss ihr Blut ausgetauscht werden. Dann fehlt sie für eineinhalb Tage in der Schule."Die Krankheit wurde erst vor neun Monaten diagnostiziert", erzählt ihre Mutter.

Dass sie schwer krank ist, sieht man der Erstklässlerin überhaupt nicht an. Marzieh wirkt fröhlich und ausgeglichen. "Und wie ein Schwamm saugt sie alles auf, was wir ihr beibringen", berichtet ihre Lehrerin Simone Diaz-Kämpf. 

Dass die neun Kinder aus fernen Ländern wie Syrien, Afghanistan oder Iran kommen, wo man eine fremde Sprache spricht, spielt in der schulvorbereitenden Einrichtung und in den Klassenzimmern des ZfK keine Rolle, erklärt Schulleiterin Margot Frühauf. Teilweise sind sie, wie Mohamad und Youssef, so schwer behindert, dass sie ohnehin nicht oder kaum sprechen können. Oder sie sind noch so jung wie die achtjährige Marzieh, so dass sie schnell hineinwachsen in das Sprechen, Lesen und Schreiben der deutschen Sprache.

Hans Schöbel zufolge werden in den kommenden Monaten weitere behinderte Kinder aus Flüchtlingsfamilien in das Zentrum kommen. Angemeldet ist bereits ein Mädchen mit Glasknochenkrankheit. Finanziell ist die Beschulung dieser Kinder kein Problem. Die meisten Familien sind inzwischen als Asylbewerber anerkannt. In diesem Fall zahlt der Bezirk die Kosten.

Bei jenen Familien, die noch auf die Anerkennung warten, kommen Stadt oder Landkreis nach dem Asylbewerberleistungsgesetz für sämtliche Schulkosten auf. Das Zentrum kümmert sich gleichzeitig darum, dass die Kinder über die Krankenkasse Hilfsmittel wie Rollstühle bekommen. "Geld spielt in diesen Fällen für uns prinzipiell keine Rolle", betont der Direktor: "Alle Familien haben so unvorstellbar viel mitgemacht. Deshalb bekämen sie auch dann Hilfe von uns, wenn diese nicht refinanziert würde."

Eine Antwort auf die Frage, wie viele behinderte Kinder aus Flüchtlingsfamilien derzeit in Bayern leben, ist nicht leicht zu finden. "Wir haben hierzu keine Erkenntnisse", sagt Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat in München. Auch anderen Stellen sind keine Zahlen bekannt.

"Zum aktuellen Zeitpunkt stehen kaum ausreichend gesicherte Daten zur Lebenssituation von Flüchtlingen und ihren Familien zur Verfügung", heißt es auch von der Münchner Organisation "Handicap International". Die sucht gerade eine Projektreferentin, die genaue Daten zur Anzahl von Flüchtlingen mit Behinderungen, der Art der Behinderungen und dem Zugang zu verschiedenen Angeboten erfasst.

Inzwischen gibt es in vielen Einrichtungen für behinderte Kinder auch Flüchtlingskinder mit Handicap - zum Beispiel auch in der Würzburger Kinderklinik am Mönchberg. "In den vergangenen neun Monaten nahmen wir 15 bis 20 Patienten aus Flüchtlingsfamilien vom Säugling über Klein- und Schulkinder bis hin zu Jugendlichen auf?", informiert Chefärztin Christina Kohlhauser-Vollmuth. Auch sie hat keine Zahlen, wie viele Flüchtlingskinder mit Behinderung es in Bayern gibt. Die aktuelle Statistik für die stationären Aufnahmen in Kinderkliniken 2015 zeigt der Professorin zufolge eine Erhöhung der Fälle im Vergleich zum Vorjahr: "Aber der Anteil der Flüchtlingspatienten ist nicht separat ausgewiesen."

Die kleinen Patienten, die in der Kinderklinik am Mönchberg betreut werden, erhielten bisher alle notwendigen Therapiemaßnahmen. "Die Kostenträger waren in den meisten Fällen sehr aufgeschlossen", lobt die Chefärztin. Wünschenswert wäre, dass die Patienten an einem Ort bleiben und durch ein konstantes ärztliches und therapeutisches Team begleitet werden können. Dies ist nicht immer der Fall, nicht selten müssen die Familien den Ort wechseln. Was zur Folge hat, dass medizinische Informationen verloren gehen und begonnene diagnostische und therapeutische Maßnahmen unterbrochen werden müssen.

"Außerdem ist für diese Familien eine Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft sehr schwierig", betont die Kinderärztin. Dem stimmt der Bayerische Flüchtlingsrat zu. Da sind sich die Betreuer einig. Familien mit behinderten Kindern sollte grundsätzlich eine private Wohnung gestattet werden.

              Pat Christ

 

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