"Daheim und doch nicht daheim"

Simon Kotter und Markus Rodenberg
Simon Kotter und Markus Rodenberg, hier in einer Simon Kotter und Markus Rodenberg, hier in einer exemplarischen Inneneinrichtung eines Behelfsheimes, haben die Ausstellung "Volk - Heimat - Dorf" und ihren Schwerpunkt konzipiert. Susanne Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (53): WindsheimerAusstellung buchstabiert "Volk - Dorf - Heimat" neu

"Dann erschießt mich doch hier auf dem Platz." So rief es Marie O. zuständigen amerikanischen Offizieren zu. Dabei sollte sie doch nur in ihre Heimat zurückkehren. 1942 hatten die deutschen Besatzer das 18-jährige Mädchen aus ihrem ukrainischen Heimatort zur Zwangsarbeit auf einen Bauernhof nach Unterlindenbach bei Forchheim gebracht. Im Juni 1945 hatte sie Angst vor der Rückkehr. Der US-Offizier musste ihr bestätigen, dass wohl ehemalige Zwangsarbeiter nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion gleich nach Sibirien kamen.

Marie O. kehrte zu dem Bauern nach Unterlindenbach zurück. Sie blieb dort zeitlebens - als Staatenlose. Nach dem frühen Tod des Jungbauernpaares zog sie in den 1960er Jahren deren kleine Kinder auf. Herbert May, Leiter des Bad Windsheimer Freilandmuseums, ist im Begleitband zur Ausstellung Lebensschicksalen ukrainischer Zwangsarbeiter nachgegangen, die in Franken blieben. Noch kurz vor ihrem Tod fühlte sich Maries Leidensgenossin, Ludia Orichiwiska, in Franken "daheim und doch nicht daheim". Ihr Lebensschicksal gibt dem Titel der Ausstellung einen neuen Akkord.

Im Rahmen der Ausstellung "Volk - Heimat - Dorf" hat sich Kurator Simon Kotter auf die Suche nach Zeitzeugnissen aus den 1930er und 1940er Jahren begeben. Viele Aspekte spricht die Ausstellung auf knappem Raum an. Obwohl zum Erntedank-Wochenende die Mittelaltertage im Zentrum stehen, lässt sich die Ausstellungsscheune "Betzmannscheune" natürlich auch besichtigen.  

"Was änderte sich im Dorf nach 1933?", fragt Simon Kotter. Ist nicht längst dokumentiert, wie Hitlerjugend, Reichsarbeitsdienst und Winterhilfswerk auch in der Provinz Fuß fassten? Da greift die Ausstellung schlaglichtartig wichtige Aspekte des Landlebens auf. "Propagandaschriften über 'Erzeugungsschlachten' und Anleitungen zur Seidenraupenzucht dokumentieren den starken Einfluss der NS-Politik auf die Landwirt­schaft", so Kotter.

"Heimat" war da längst nicht mehr selbstverständlich. Eine Honigschleuder hat am Treibrad das Motto "Sieg Heil". Aber auch "scheinbar harmlose Exponate wie Kochkisten, Kleider und Kinderspielzeug offenbaren auf den zweiten Blick, dass auch das als einfach und idyllisch propagierte Landleben alles andere als unpolitisch war". Pferdefuhrwerke und Gemeinschaftssinn waren gerade in Dörfern zur Zeit des Dritten Reiches gern in Szene gesetzt - Landflucht und der zunehmende Einsatz des Elektromotors noch vor dem Traktor die Realität.

Da die Flüchtlinge und Vertriebenen erst nach dem Krieg kamen, streift die Ausstellung eher am Rande, wie bei ihnen die Fremde zur Heimat werden konnte. Davor kamen aber viele Ausgebombte in die Dörfer.

"Gott sei Dank sind wir allein", so soll Margarethe H. geseufzt haben. Die Nürnbergerin zog mit ihren beiden Töchtern Anfang 1945, nach dem verheerenden Bombenangriff auf die Frankenmetropole, nach Ottenhofen in der Gemeinde Marktbergel in ein so genanntes "Behelfsheim". Sie waren mit einem Landwirt vor Ort verwandt, der das kleine Häuschen am Ortsrand bereits 1944 vorsorglich errichtete.

Damit hatten sie mehr Glück als die meisten Ausgebombten - obwohl sie zu dritt Jahrzehnte lang auf 20 Quadratmetern wohnten. Die Fläche war aufgeteilt in eine Wohnküche und einen Schlafraum. Erst in den 1950er Jahren erfolgte dann ein ­Wasser-, Strom und Gasanschluss im Gebäude. Ihr Häuschen ist gerade ins Freilandmuseum Bad Windsheim gezogen - als Beispiel für diese Art des Bauens. Markus Rodenberg promoviert darüber. Er konnte noch mit Margarethe H.s Tochter Hannelore intensiv über das Behelfsheim in Ottenhofen sprechen. Ihr Häuschen ergänzt nun die Ausstellung. In der Scheune "Betzmannsdorf" findet sich in einem gesonderten Raum eine exemplarische Inneneinrichtung eines solchen Heimes (Foto).

Mit möglichst wenig Material- und Arbeitsaufwand sollten Behelfsheime aus vorgefertigten Barackenteilen, aber gerne auch aus "ortsüblichen Baustoffen" und im Eigenbau gefertigt sein. Eine Million solcher Häuschen waren im Krieg geplant. Realisiert wurde höchstens ein Zehntel. Danach blieben sie aber oft länger im Gebrauch als erwartet. Die H.s blieben bis 1964 in Ottenhofen wohnen. Danach lebte eine alleinstehende Frau bis 1994 in dem Häuschen.

Länger als gedacht blieb auch die Ukrainerin Ludia Orichiwiska, deren Lebensweg die Ausstellung dokumentiert. 1942 kam sie mit 21 Jahren zusammen mit ihrer 14-jährigen Schwester nach Oberfranken. Die deutschen Besatzer hatten angedroht, die neunköpfige Familie zu erschießen, sollten sich nicht zwei Personen "freiwillig" melden. Sie kam auf den Hof des Viehhändlers Haas in Langenloh in der Fränkischen Schweiz. Im Mai 1945 wartete sie in Pegnitz auf den Rücktransport. Da sie von den Repressalien gegenüber den Rückkehrern von Seiten der Sowjetbehörden hörte, kehrte sie nach drei Tagen kurzerhand wieder nach Langenloh zur Familie Haas zurück. Ihre Schwester scheint Richtung Ukraine zurückgefahren zu sein. Sie kam aber niemals bei ihrer Familie oder der heimatlichen Kolchose an.

Ludia Orichiwiska blieb wie Marie O. bis zu ihrem Tod in Franken. Sie stellte 1958 einen Einbürgerungsantrag für die deutsche Staatsbürgerschaft. Nach zwei Jahren Prüfung lehnten die Behörden dies ab. In ihrem handgeschriebenen Lebenslauf hatte man kleinere Fehler gefunden. Somit erachteten die Behörden "die kulturellen Erfordernisse für die Einbürgerung nicht als ausreichend". Sie blieb staatenlos. Aber sie sah auch ihre Heimat selbst nach dem Zerfall der Sowjetunion nicht mehr wieder. Mit fast 90 Jahren starb sie 2009 als "Staatenlose". Eine weitere Ukrainerin, die im Landkreis Neustadt/Aisch blieb, erhielt die deutsche Staatsangehörigkeit erst 1987.

In der Kirchweih-Kapelle im mittelfränkischen Buch am Wald war bald vergessen, dass Peter D. nicht von dort war. Nicht einmal aus Deutschland. Als 17-Jähriger kam er 1942 als Zwangsarbeiter aus den Ostgebieten in das fränkische Dorf zwischen Ansbach und Rothenburg. Und er blieb dort auch nach dem Ende des Krieges. Mit seinem Schlagzeug heizte er bald die Kirchweihen vor Ort ein. Zwanzig Jahre nach Kriegsende heiratete Peter D. eine deutsche Nachbarin.    

Die Ausstellung ist im Freilandmuseum Bad Windsheim bis 29. Oktober täglich 9 bis 18 Uhr zu sehen. Bis 11. Dezember ist das Museum dann täglich außer Montag 10 bis 16 Uhr geöffnet. Wahrscheinlich vom 7. bis 18. November muss die Schau geschlossen bleiben, da der ?Gewürfelte Franke? dort gekürt wird. Weitere Infos unter Tel.: 09841/6680-0 oder E-Mail: info(at)freilandmuseum.de. Begleitband zur Ausstellung: Volk ? Heimat ? Dorf, 288 Seiten, ISBN 978-3-7319-0349-9, 19,95 Euro.

                      Susanne Borée

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