Mehr als Fürbitten

Pfarrfrauenbund
Uta Wagner (links) und Beate Peschke (rechts) vom Pfarrfrauenbund in Bayern begrüßen die Budapester Pfarrerin Márta Pintér zur Jubiläumstagung zum hundertjährigen Bestehen in Neuendettelsau. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (54): Pfarrfrauen seit hundert Jahren in enger Verbindung

Schwester Berta konnte es kaum noch im Bett aushalten: Die Matratzen waren schon längst durchgelegen. Doch konnte die alte Diakonisse aus ihrem Bett hoch kommen. Ihre Gemeinschaft in Budapest konnte ihr nicht helfen. Nur noch vier Schwestern unter der Leitung von Hajni Görög hatten die Jahre des Sozialismus und den Beginn des ausufernden Kapitalismus in Ungarn überstanden.

Bei ihrem Besuch in Budapest ließ es Beate Peschke nicht mehr los, wie Schwester Berta sich in ihrem Krankenbett wälzte. Seit 1997 war sie als Kontaktfrau und Organisatorin für den Pfarrfrauenbund immer wieder in Ungarn.

Aber auch bei den ökumenischen Kontakten ist die persönliche Begegnung jenseits der Kirchenleitungsebene für Beate Peschke besonders wichtig. Immer wieder war sie zusammen mit Mitstreiterinnen in Ungarn und ebenfalls bei den Diasporagemeinden in Österreich. Seit 1998 lädt der bayerische Pfarrfrauenbund regelmäßig zwei Schwestern aus Ungarn ein - auch zur Jubiläumstagung nach Neuendettelsau.

Sein hundertjähriges Bestehen feiert nun der Pfarrfrauenbund in Bayern während seiner Herbsttagung. Drei Jahrzehnte davon hat Beate Peschke deren Arbeit entscheidend mitgeprägt. Die 72-jährige Augsburgerin ist seit 1985 Ansprechpartnerin des Pfarrfrauenbundes in Bayern und des übergreifenden Vereins in Deutschland. Erst in diesem Sommer verabschiedete sie sich aus dem Beirat des Vereins, nachdem Renate Karnstein den Vorstand übernahm.

Durch die Patentante ihres Mannes kam sie einst zum Verband. Diese hatte während des Zweiten Weltkrieges die Gemeinde jahrelang weiter geführt, als ihr Mann eingezogen war. Die Patentante gehörte nicht zu der ersten Generation mit diesem schwierigen Auftrag.

Schon 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, beschlossen 15 Pfarrfrauen, eine eigene Schwesternschaft zu gründen. Denn bei der Tagung ihrer Ehemänner mussten sie damals draußen bleiben. Und das zu einer Zeit, als viele Pfarrer an der Front waren. Ihre Frauen versorgten oft allein die Gemeinde. Im "Pfarrfrauen-Schwesternbund", so hieß er zunächst, wollten die Frauen gemeinsam die Bibel lesen, beten und füreinander bitten.

So auch bei Johanna Hippe eine Generation später. Die Pfarrfrau aus Bad Windsheim konnte nun ihren 100. Geburtstag zusammen mit dem Verband in diesem Jahr feiern. Jahrzehnte lang trug sie auch das Rothenburger Sonntagsblatt aus. Ursprünglich war sie in Posen geboren. Ihre Familie verließ schon nach dem Versailler Vertrag die alte Heimat. Auch ihr Ehemann Alfred Hippe war Pfarrer in dieser Provinz. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges begleitete sie ihren Mann dorthin. "Die anfängliche Begeisterung über die Rückholung der Provinz Posen ins deutsche Reich wich sehr bald einer großen Enttäuschung", erinnert sich Johanna Hippe. "Es war empörend  und beschämend zugleich, mitzuerleben, wie die Nationalsozialisten mit der polnischen Bevölkerung umgingen!" Bald waren ihre Männer eingezogen. Die Pfarrfrauen mussten wieder einmal deren Aufgaben übernehmen. Dann im Januar 1945 wieder die Flucht.

Gegenseitige Unterstützung der Pfarrfrauen ist Beate Peschke bis heute wichtig. Die Pfarrfrauen konnten sich auf diese Weise im vertrauten Umfeld einmal aussprechen. Das war in ihren Heimatgemeinden kaum möglich, da sie ja an der Seite ihrer Männer, meist Gemeindepfarrern, eine Sonderrolle einnehmen.

Die Rundbriefe waren streng vertraulich. "Oft versteckte sie die Pfarrfrau selbst vor ihren Kindern", weiß Peschke. Dann schrieb sie ihr eigenes Anliegen dazu und schickte den Brief weiter an die nächste Schwester.

"Pfarrfrau war mein Beruf", erklärt Beate Peschke unumwunden. An der Seite ihres Ehemannes gab sie ihren Beruf als Grundschullehrerin auf. Sie organisierte in der Gemeinde ihres Mannes Angebote für Kinder, Frauen oder Senioren. Besuche am Kranken- oder gar Sterbebett waren ihr ein wichtiges Anliegen. Für ihre Gemeindemitglieder und für ihre fünf Söhne war sie Jahrzehnte lang eine wichtige Ansprechpartnerin.

Natürlich hat sich heute viel geändert. Oft sind Pfarrersfrauen selbst Pfarrerinnen. Oder gehen ihrem eigenen Beruf nach. Darüber hinaus gibt es neben dem Pfarrfrauenbund mittlerweile noch andere Angebote für Pfarrfrauen, Kontakt untereinander zu knüpfen. So bietet etwa das "Team für Pfarrfrauenarbeit" in Bayern eine Anlaufstelle für Jüngere.

Das wirkt sich auch auf den Pfarrfrauenbund aus. Noch 70 Vereinsfrauen gibt es - zu Höchstzeiten waren es rund 200. Ziel der Vereinigung sei es heute daher vor allem, "dass die Gemeinschaft im Alter bestehen bleibt", meint Peschke. So greift Beate Peschke oft zum Telefon - gerade vor der Jahrestagung. Gerade wenn die Schwester selbst schon im Altenheim ist, sind ihr intensive Gespräche umso wichtiger. Und die Berichte von den Tagungen für alle, die nicht (mehr) dabei sein können. Die Pfarrfrauen schließen sich gegenseitig in ihre Gebete ein.

Die persönlichen Kontakte sind auch Uta Wagner besonders wichtig. Sie organisiert regelmäßige Frauentreffen auch jenseits des Pfarrfrauenstandes. Dazu trägt sie die Einladungen persönlich aus. Vor zehn Jahren kam Beate Peschke auf sie zu und lud sie zu einem Treffen des Pfarrfrauenbundes ein.  Die Pfarrfrauen schauten immer wieder über die eigenen Grenzen hinaus: Auch über den Eisernen Vorhang hinweg pflegte der Verband bis 1989 enge Verbundenheit.

Zur Jubiläumstagung ist etwa Márta Pintér aus Budapest nach Neuendettelsau gekommen. Sie ist Frauenbeauftragte der evangelisch-lutherischen Kirche in Ungarn und gleichzeitig Schulpfarrerin in Budapest. Vor mehreren Jahren übernahm die Kirche eine staatliche Schule unweit des Budapester Flughafens, nachdem dort Drogenprob­leme überhand nahmen. Nun habe die Schule dort endlich wieder einen guten Ruf.

Auch Schwester Berta konnte geholfen werden. Beate Peschke erfuhr schließlich rechtzeitig: Im Krankenhaus der diako in ihrem Heimatort Augsburg stand eine Umstrukturierung an. Warum also sollten die überschüssigen Betten nicht nach Ungarn fahren können? Bald schon ging es um mehr als nur um Betten. Vier Lastkraftwagen fuhren voll gepackt Richtung Osten mit einer Lieferung für das soziale Zentrum Sarepta in Budapest. Mit roten Herzen waren dort alle Gaben geschmückt, als Beate Peschke das nächste Mal nach Budapest kam.

Die Wanderausstellung "100 Jahre Pfarrfrauenbund" ist bis 10. Oktober in der Georgskapelle von St. Gumbertus in Ansbach von 9 bis 12 und 14 bis 17 Uhr zu sehen. Nachmittags sind Gespräche mit Pfarrfrauen möglich.    

                      Susanne Borée

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