Recht auf ein glückliches Leben?

Gunter Haug
Gunter Haug. Foto: Archiv Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (55): Spurensuche nach Vorfahren, die im Schatten lebten

Am Straßenrand bricht eine Bettlerin zusammen. Margret, Dienstmagd beim Kronenwirt, will nach ihr sehen. Doch ihr Herr treibt sie an die Arbeit zurück: "Für dieses Gesindel ist jede Minute zu schade. Geh endlich wieder zurück an die Arbeit!" Eine beklemmende Szene. Sie wird noch bedrückender dadurch, dass die Leser wissen: Gerade geht die letzte Gelegenheit unwiderruflich vorbei, dass Margret ihrer Schwester begegnet. In dem Vorgängerbuch "Die Töchter des Herrn Wiederkehr" stand Margrets Leben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Mittelpunkt. Nun wechselt Gunter Haug den Blickwinkel zur verlorenen Schwester. Im Vergleich zeigt sich da, wie unterschiedlich zwei Personen eine Familie wahrnehmen konnten.

In seinen biografischen Tatsachenromanen geht er realen Schicksalen nach. Ihr Leben verlief meist im Schatten. Oft sind nur verschwommene Erinnerungen übrig. Sie hatten kaum eine Chance, sich aus ihrem Elend zu erheben. Wenn sie sich der Wut oder Verzweiflung hingaben - wie Johannas Eltern - verschlimmerten sie ihr Los nur noch.

1829 erblickte  Johanna Friedrich im Dörfchen Treschklingen bei Rappenau westlich von Heilbronn das Licht der Welt. Obwohl sie ihren Vater nicht kannte, war ihr Zuhause unter dem Dach des großväterlichen Bauernhofs wohl geordnet. Das änderte sich plötzlich, als ihre Mutter heiratete. Johanna war das ungeliebte Stiefkind. Nur zur Halbschwester Margret gab es enge Bande.

Aber ihr Stiefvater nahm Johannas ungewollte Schwangerschaft zum Anlass, sie aus dem Haus zu werfen. Für sie begann damit eine lebenslange Suche nach Glück und Geborgenheit. Immer wieder war sie Schicksalschlägen und Tragödien ausgeliefert - und ihrem Widerspruchsgeist. Zwar stellt sich da ab und an die Frage, ob eine Magd Mitte des 19. Jahrhunderts wirklich so denken und reden konnte? Da spricht vielleicht die dichterische Freiheit. Trotzdem ließ Johanna die Hoffnung niemals fahren. Sie versucht sogar nach Nordamerika auszuwandern.

Schon damals war Emigration vor allem die Sache junger Männer. Sie konnten sich am ehesten durchsetzen. Johanna Friedrich gelingt es nicht, in der neuen Welt Fuß zu fassen. Hoffnungs- und mittellos kam sie zurück. Niemand brauchte oder wollte sie dort noch. Ihre alten Heimatrechte waren verwirkt. Und das heißt: Selbst die geringfügigen sozialen Sicherungssysteme damals aus der "guten alten Zeit" gab es nicht mehr für sie. Ihre ohnehin meist mageren Groschen waren durch den Ausflug in die Ferne aufgebraucht.

Damit teilt Johanna das Schicksal von zwei Prozent der Auswanderer, wie Gunter Haug in einem Nachtrag ausführt. Viel mehr noch blieben unterwegs auf der Strecke. Es blieb den Rückkehrern an sich nur ein Leben wie bei Johanna: Als Bettlerin dahinzuvegetieren oder - besser noch - möglichst störungsfrei zu sterben. Ein Wiedersehen mit der Schwester Margret misslingt knapp.  Sie hätte Johanna ohnehin kaum helfen können - war sie doch selbst nur Dienstmagd.

Auch Margareta Schober musste bereits sehr jung ihr Elternhaus verlassen, um im wahrsten Sinn des Wortes ihr "täglich Brot" zu verdienen. Eine Kammer (die sie sich mit anderen Mägden teilte) und kärgliche Kost waren Lohn genug. Dreimal kam auch sie hochschwanger in ihr Heimatdorf, wo sie drei uneheliche Kinder zur Welt brachte. Nach jeder Geburt kehrte sie sofort wieder zu ihrer Arbeit zurück. Um die Kinder kümmerten sich Verwandte.

Ja, konnte es denn sein, dass die Heldinnen in Gunter Haugs Büchern fast reihenweise uneheliche Kinder bekommen? Und das mitten im 19. Jahrhundert - da herrschte doch noch Zucht und Ordnung!

Aber nur theoretisch. Und meist nur für diejenigen, die es sich leisten konnten. Für ein zusätzliches Argument, um voller Verachtung auf die anderen herabsehen zu können. Denn eine anständige Heirat war nicht umsonst. Für Mägde gab es das sowieso nicht. Mehr noch: Sie waren der Willkür - und oftmals  Gewalt - ihrer Herrschaft unterworfen.

Diese "alte" Zeit ist noch gar nicht so lange her: erst ein gutes Jahrhundert. "Gut" war sie sicher nicht. Jedenfalls nicht für die übergroße Mehrheit. Gunter Haug geht hier Lebensspuren nach, die berührend sind. Manches Mal hätte sich der Leser einen Stammbaum gewünscht, um die verwandtschaftlichen Beziehungen und die jeweiligen Bezüge zur Familie des Autors schnell und eindrücklich wieder vor Augen zu bekommen.

Haug, der Autor mit Rothenburger Wurzeln, schreibt mit großem Erfolg seine biografischen Romane, in denen er realen, längst verschollenen Schicksalen nachgeht. Sein Buch "Dieses eine Leben", das im Herbst 2006 erschien, machte bundesweit Schlagzeilen. Denn Haug ging dem Leben und dem gewaltsamen Ende von August Voll, des Großvaters seiner Ehefrau, im Dritten Reich nach. Darin nannte er die Namen von Opfern und Tätern in der kleinen Dorfwelt. Das schmerzte Überlebende und Hinterbliebene.

Haugs Bücher "Niemands Tochter" und "Niemands Mutter" aus dem Rothenburger Umfeld erreichten bislang eine halbe Million Leser. Auch sie waren trotz allen Elends auf der Suche nach dem Glück. Gunter Haug buchstabiert an vielen Stellen durch, wie es ihnen zumeist fern blieb. Margrets Tochter Marie, eine der Kinder des "Herrn Wiederkehr" scheint es nach entbehrungsreichen langen Lebensjahren im Alter wohl tatsächlich mit ihren Urenkeln gefunden zu haben: Sie hat sich trotz ihres beengten Lebens "nie als arm empfunden". Weder verbitterte noch verzweifelte sie.

Gunter Haug: Margrets Schwester -  auf der Suche nach einem glücklichen Leben, 416 S., Landhege Verlag 2016, ISBN 978-3-943066-40-1, gebunden 19,90 Euro, als E-Book 15,99 Euro.

Ebenfalls im Landhege-Verlag ist jetzt erschienen: Arnim Emrich: Der Fremde. Auf der Suche nach Heimat, 336 Seiten, ISBN 978-3-943066-45-6, Broschiert 12,95 Euro, als E-Book 9,99 Euro. Der Autor beschreibt dort das Schicksal seines Großvaters, den es als Jungen durch die Folgen des Zweiten Weltkrieges nach Franken verschlägt. Der Neustart ist alles andere als einfach.

                      Susanne Borée

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 9. April 2017:

- Auf der Suche nach dem Grab Jesu

- ''Mach was draus!'': Mission EineWelt eröffnet auf der Synode ihre Aktion zum zehnjährigen Jubiläum

- Hinter der Pracht des Erhabenen: Schelme der usbekischen Seidenstraße halten der Welt den Eulenspiegel vor

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo