Musik ist seine Sprache

Luke
Andreas Ammon, Leiter des Auhofs bei Hilpoltsein, begrüßt Luke. Dahinter Musiktherapeutin Christa Büttner und Berthold Stubenrauch. Foto: privat

Lebenslinien in Gottes Hand (56): Über einen Jungen, der sprechen kann - aber schweigt

Hellwach, mit neugierigen Augen wartet Luke auf mich, die Musiktherapeutin. Lächelnd reicht er mir die Hand. Der Händedruck ist weich. Eigentlich kaum spürbar: "Grüß dich Gott, Luke!", begrüße ich ihn im Auhof, einer Einrichtung der Rummelsberger Dienste: "Freust dich schon auf deine erste Stunde heute?" Zartes Lächeln ist die Antwort des Blondschopfs.

Immer einige Schritte hinter mir, schlendert der Junge verträumt hinterher bis zum Musiktherapieraum. Trommeln, Gitarren, Xylophone, Gongs, Klavier und Keyboard füllen den einladenden Raum. Schweigend sieht sich Luke alle Instrumente von Weitem an: Anfassen, wie es die anderen Kinder spontan tun, kommt anscheinend nicht in Frage für ihn. Aber an einem Instrument klebt sein Blick fest: Das Keyboard bannt ihn. Ich, als seine Musiktherapeutin, lade ihn ein, darauf zu spielen und auszuprobieren, wie es klingt. "Alles ist richtig, was du spielst. Falsche Töne gibt's nicht. Manches klingt gut in deinen Ohren. Anderes tut dir vielleicht weh beim Hören. Trau dich und merk dir deine schönen Melodien!"

Luke versinkt im Klang seiner Töne. Noch nie zuvor hat er dieses Instrument gespielt. Dass er sich freut, sagt er nicht. Seine eigene Stimme gibt er nicht preis. Wohl aber seine Stimmung. Lachend hält er seinen Kopf dicht über dem Lautsprecher des Instruments. Er lauscht. Aufmerksam verfolgt er die Melodie, die ich für ihn spiele.

Und da kommt es: Eine lange Pause: Die Stille wirkt lang. Warten.

Und plötzlich spielt Luke die eben gehörte Melodie nach. Er wiederholt sie. Sein Körper spannt sich an vor Freude. Dann lacht er - alles lautlos.

Nach dieser ersten Stunde und einem Schlusslied frage ich ihn: "Na, Luke, magst wiederkommen? Nächste Woche um die gleiche Zeit?" Keine Antwort ist zu hören. Ein kleines Lächeln vielleicht. Ein angedeutetes Nicken mag es sein. Wer weiß?

Luke ist Teilmutist. Er kann sprechen. Er versteht alles. Aber er spricht nur, wenn er es für gut befindet. Wann dies ist, bestimmt nur er.

In der Musik kann er sich ausdrücken. Da klingt alles aus ihm heraus.
Neugierig und vorsichtig darf Luke auf der Orgel der Kapelle ?"Zum guten Hirten" seine Keyboard-Melodien spielen und entdeckt dabei die vielen neuen Klangmöglichkeiten.

Aber sprechen - das mag er nicht. "Unser Auhofchor singt in der evangelischen Kirche in Hilpoltstein am Sonntag. Würdest du an der großen neu renovierten Orgel mit echten großen Orgelpfeifen spielen wollen? Eine große Gemeinde würde dir zuhören?"

Ich war mir sicher, dass Luke damit überfordert wäre und sicher nicht mal antworten würde. "Ja!" hörte ich da. Hatte ich mich getäuscht? "Luke, traust du dich, vor anderen Menschen Orgel zu spielen?" "Ja!" Voll Rührung organisierte ich nun "seinen" Auftritt.

Aufgeregt war Luke: Seine Hände schwitzten. Unruhig rutschte er auf der Bank herum, bis es soweit war.

Hochkonzentriert spielte er sein Stück. Der Applaus der Gemeinde, der spontan erklang, ließ seine blauen Augen aufleuchten. Wunderbar. Ein Junge, der nicht spricht. Ein Junge, durch den die Musik sprechen kann.

Nach wenigen Stunden schon zeigt er Interesse an der Gitarre. Schnell lernt der immer noch schüchtern wirkende Bub seinen ersten Griff: A- Dur. Damit kann er auch in der Schulband der Comeniusschule einsteigen.

Nun spielt er dort seit zwei Jahren die E-Gitarre. Auf seine Leistungen ist er sehr stolz. Sein musikalisches Können hört er sich oft auf den CDs der Bandauftritte an. Er sammelt seine Bilder und Flyer von den Auftritten. Die "Großen" der Band akzeptieren und schätzen den nicht sprechenden Luke. Seine Auftritte und den Applaus genießt er im Stillen.

Wenn die Band mit ihrem Leiter und Lehrer, Markus Wengler, auf Tour ist und übernachtet, spricht er sogar. Dies geschieht zwar selten -  aber dabei scherzt er sogar hin und wieder.

"Unser Luke" heißt er nun. Oder: "der Luke von der Schülerband". Er gehört dazu, obwohl er bei wenigen Gelegenheiten, mit wenigen Menschen nur spricht: Seine Sprache ist die Musik. Gott sei Dank!   

                      Christa Büttner

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