"Erfolg von Versöhnung über Verbitterung"

Claudia und Herbert Dommel
Claudia und Herbert Dommel. Foto: Meyer

Lebenslinien in Gottes Hand (58): Briefe des jüdischen Geschäftsmanns Amson Schloss

Bechhofen. Viele Jahrzehnte nach der nationalsozialistisch bedingten Vertreibung der Juden aus der Pinselmachermetropole Bechhofen waren dort zahlreiche Briefe aufgetaucht. Geschrieben hatte sie ein damals vertriebener Textilwarenhändler nach den Kriegswirren aus seiner neuen Heimat in den USA. Sie gingen an seine frühere Haushälterin und Mitarbeiterin Anna Bühler. Der örtliche Heimatpfleger Herbert Dommel und seine Tochter Claudia nahmen dies zum Anlass, die Briefe in einem beeindruckenden Buch zu sammeln und mit biografischen Anmerkungen zu versehen. In der evangelischen Kirchengemeinde stellten sie es nun vor. Zeuge tiefer Verwurzelung

Die Marktgemeinde Bechhofen kann auf eine umfangreiche und langjährige jüdische Vergangenheit zurückblicken. Ein gut erhaltener Judenfriedhof ist noch heute ein stummer Zeitzeuge einer ehemals tiefen Verwurzelung - bis die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht ergriffen. Auch die Bechhöfer Juden mussten ihre Heimat Hals über Kopf verlassen. Eine beeindruckende Synagoge fiel der Reichspogromnacht zum Opfer.

Einer der damals Betroffenen war der jüdische Geschäftsmann Amson Schloss. Er ließ sein Anwesen mit dem Geschäft an Anna Bühler überschreiben. Daraufhin ging er zunächst nach München, um von dort aus zwei Jahre später in die USA zu fliehen. Bis über das Kriegsende hinaus gab es keinen Kontakt mehr zwischen den beiden.

Erst im August 1945 sandte der Emigrierte ein erstes "Lebenszeichen", wie er seinen Brief selbst deklarierte, aus der neuen Welt an seine Vertraute in der alten Heimat. Nur über Umwege konnte das Schreiben damals zugestellt werden. Der Postverkehr war noch sehr eingeschränkt. Fortan wandte er sich in Abständen von mehreren Monaten regelmäßig an seine Bekannte in Bechhofen, die ihm bereitwillig antwortete.

In den Briefen wurden persönliche Ereignisse ebenso ausgetauscht wie das aktuelle Zeitgeschehen. Die Briefe von Amson Schloss waren sowohl von einer großen Herzlichkeit geprägt, aber auch von einem starken Interesse an den aktuellen Geschehnissen in seiner alten Heimat. Ihr erschien er trotz der Ereignisse immer noch stark verbunden. Bis ins Jahr 1958 sollten 21 weitere Briefe folgen.

Amson Schloss stellte in den zahlreichen weiteren Schreiben die persönliche Bindung zu Anna Bühler und das Interesse an seinem Heimatort über Unannehmlichkeiten und Schmähungen sowie Kränkungen. Daher bezeichnete Pfarrer Philipp Beyhl die nun vorgestellte Publikation als eine "Geschichte des Erfolgs von Versöhnung über die Verbitterung".

Anna Bühler hatte die Briefe bis zu ihrem Tod im Jahre 1971 aufbewahrt. Sie blieben auch später im Ort erhalten, bis sie vor zwei Jahren an Herbert Dommel übergeben worden waren. Zusammen mit seiner Tochter Claudia und einem hinzugezogenen Co-Autor machte sich der Ortsheimatpfleger daran, die Briefe der Nachwelt zu erhalten. Darüber hinaus versah er sich mit umfangreichen Anmerkungen der jüdischen Ortsgeschichte.

Aufwendige Recherchen

Vor allem die biografischen Detailerläuterungen zu den in den Briefen erwähnten Personen machten aufwendige Recherchen notwendig. Darüber hinaus wird das Buch mit dem Titel "Mit meinem Herzen blieb ich in Bechhofen und in Gedanken unter Euch" mit zahlreichen weiteren ortsgeschichtlichen Kapiteln bereichert.
Das Werk erschien jetzt in einer Auflage von 2.000 Stück im GHV Verlag und ist im Buchhandel sowie im Rathaus der Gemeinde erhältlich. Auch in der Vergangenheit hatte Herbert Dommel mit zahlreichen Publikationen schon zur Aufarbeitung der jüdischen Vergangenheit in seiner Heimatgemeinde beigetragen. Alexander Küßwetter, Vorsitzender des Trägervereins "Jüdisches Museum Franken", bezeichnete ihn deshalb jetzt als das "gute Gewissen Bechhofens", was den Umgang mit der jüdischen Vergangenheit anbelangt.

Wegen seiner Bedeutung für die Ortshistorie wurde das Werk von zahlreichen Einrichtungen und Institutionen finanziell unterstützt. Der Ansbacher Landrat Jürgen Ludwig lobte jetzt auch das Bestreben der Autoren, die Briefinhalte vor einen gesellschaftlichen und politischen Hintergrund zu stellen. Die Präsentation im Evangelischen Gemeindehaus war mit jüdischen Liedbeiträgen, an denen die Mitautorin Claudia Dommel mitwirkte, musikalisch bereichert worden.   

                     Heinz Meyer

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