Nie gelernt, auf andere angewiesen zu sein

E. Katharina Rizzi
E. Katharina Rizzi. Foto: Privat

Lebenslinien in Gottes Hand (59): E. Katharina Rizzi über Dimensionen der Endlichkeit

Was kann ich tun, um Ungelöstes in meinem Lebensumfeld zu klären? Wie gehe ich mit unvermeidlichen, leidvollen Erfahrungen um? Was trägt mich, wenn alles zusammenbricht? Welchen Sinn finde ich in meinem Leben?" Diese Fragen stellt E. Katharina Rizzi. In ihnen finden sich die Dimensionen des Impulstages "Einüben ins Endlichsein" in der Evangelischen Stadtakademie München zusammengefasst. In der kommenden Woche, zum Ewigkeitssonntag, will sie mit einer Gruppe darüber reflektieren. Doch gehören diese vier Himmelsrichtungen der Endlichkeit ebenso schon zum Grundakkord des Buß- und Bettages.

Seit einem Vierteljahrhundert bestimmt die Endlichkeit das Leben von E. Katharina Rizzi. "Aus dem Wohnzimmer heraus" hat sie zusammen mit einigen weiteren Frauen die Hospizarbeit in München entwickelt. 1991 gründeten sie einen gemeinnützigen Verein dafür. Bis 1999 geschah sämtliche Arbeit ehrenamtlich. Seitdem leitet E. Katharina Rizzi hauptberuflich den ambulanten "Hospiz- und Palliativversorgungsdienst DaSein e. V." in der bayerischen Hauptstadt. Inzwischen arbeiten dort 19 festangestellte medizinische, pflegerische und sozialpädagogische Palliativ-Fachkräfte und 60 Ehrenamtliche.

Beim Wachstumsprozess des Hospizes musste sie immer wieder neue Herausforderungen meistern. Sie reifte mit. Dabei war ihr dies Engagement keineswegs in die Wiege gelegt worden. Ursprünglich war sie in der Gastronomie tätig. Aber sie suchte nach einem sinnhaften beruflichen Engagement, in dem sie ihre Persönlichkeit "nicht an der Garderobe abgeben" musste. "Irgendwann kommt jede an den richtigen Platz", ist sie sich sicher.

Es trieb sie um, dass das Leben nicht selbstverständlich ist, sondern "immer wieder neu als Geschenk" erfahren werden kann.

Gerade im Hospiz erlebt es Rizzi immer wieder, dass "Menschen nicht gehen können", weil es so viel Ungelöstes in ihrem Leben gibt. Wie lässt sich damit umgehen?  Es gibt die Brüche, ungeklärte Verwerfungen zu Menschen, die einen "eng begleitet haben". Gerade zwischen Eltern und Kindern oder Lebenspartnern kann so viel stehen, worüber sie sich eine Versöhnung wünschen.

Nicht nur an der Schwelle zum Tod, sondern über viele Phasen des Lebens kann es uns begleiten "wie ein schwerer Rucksack". Viele Menschen wollen zunächst erst ein wenig Gras über einen Beziehungsbruch wachsen lassen, doch je weiter sie diesen Rucksack ungeöffnet mit sich herumtragen, umso schwerer fällt es, ihn endlich abzulegen. Verzeihung zu geben oder zu empfangen - das bleibt dann manches Mal ein unerfüllbarer Wunsch. 

E. Katharina Rizzi und ihre Mitarbeiter versuchen da, Unterstützung zu geben, "wenn es gewollt ist". Natürlich könne man Sterbende "mit missionarischem Eifer" nicht dazu bringen, ihr Leben zu klären. Es ist vor allem erst einmal ein Angebot. Aber für viele ist es eine Befreiung, dies einmal auszusprechen. Oft reicht es ja auch aus, es einem Unbeteiligten zu sagen. Gerade dann, wenn manches nicht mehr zu klären ist. Zum Beispiel, weil die Partner des Konfliktes - etwa die Eltern des Sterbenden - bereits selbst das Zeitliche gesegnet haben. Die Gesprächspartner des Hospizdienstes können bezeugen, "wie schwer es den Betroffenen gewesen ist".

Als weiteren Schritt gibt es auch viele Möglichkeiten, dass Sterbende das Ungelöste aus ihrem Leben nachlassen können - sei es als eine letzte Aussage oder an jemanden gerichtet. Die Gesprächspartner im Hospiz können es auf Wunsch aufzeichnen oder -schreiben.

Ihr Sohn habe sie gelehrt, nie etwas stehen zu lassen, so E. Katharina Rizzi. Wenn er als Jugendlicher zur Schule musste, es eilig war und sich ein Stress aufbaute, kam er doch noch einmal die Treppe hoch. "Ich fand das jetzt so blöd von dir, aber ich liebe dich trotzdem", erklärte er der Mutter, die sich gerade selbst darauf vorbereitete, zu ihrer Arbeitsstelle zu gehen.

Ein plötzlicher Tod wäre für die Palliativ-Fachkraft persönlich sehr schwer zu tragen. "Der letzte Moment bleibt." Und wenn man nichts mehr klären könne oder gar im Streit auseinander gegangen sei, wäre für sie selbst so schrecklich. "Ich möchte mich gut verabschieden können und den Übergang vorbereiten", erklärt sie. Wie sich Schmerzen vermeiden lassen, damit kennt sie sich ja aus. Eines ist ihr aber besonders wichtig: Sie möchte ihren "Keller" - sowohl ganz konkret als auch in übertragener Bedeutung - selbst aufräumen.

Aber: "Fünf Minuten vor Lebensende lässt sich nicht eine Lebensgeschichte umschreiben. Die Sterbenden sind der Maßstab. Nicht alle haben eine psychotherapeutische Grunderfahrung. Die Menschen sterben so, wie sie gelebt haben. Da lerne man Demut bei der Hospizarbeit." In München leben Menschen aus über 190 Nationen. Da gibt es ganz verschiedene Formen des Umgangs mit den vorletzten und letzten Dingen. "Oft verschwindet auch die Zweitsprache bei zunehmender Demenz." Auch mit Dolmetscher sei manchmal eine Verständigung über so Tiefes schwierig. "DaSein" hat sich in den letzten sechs Jahren verstärkt für eine kultursensible Begleitung und Versorgung am Lebensende stark gemacht.

Und dann empfänden sich viele unheilbar Kranke und Sterbende oft als Belastung für die Angehörigen  - ein Problem unserer Zeit, so Rizzi. "Die Menschen leben selbstbestimmt und haben nicht gelernt, auf andere angewiesen zu sein." Wie gehen sie mit Leiderfahrungen um? Oft gäbe es da viel Übung im Verdrängen und in Vermeidungsstrategien. Doch: "Spätestens im Sterben wird es uns einholen." Ihre Seminare helfen Rizzi dabei, diese Fragen immer wieder zu vertiefen, zu "verstoffwechseln", wie sie sagt. Heraus kristallisieren sich "lebenswichtige Bausteine". Bei sich vorher fremden Menschen entstehe so viel Tiefe. Denn diese Fragen rühren bei allen Wesentliches an. 

Anmeldung zum Seminartag "Wie Leben und Sterben zusammengehören. Einüben ins Endlichsein" am 20. November von 9.30 Uhr bis 17.30 Uhr möglichst bald in der Ev. Stadtakademie München unter Telefon 089/5490270, E-Mail info(at)evstadtakademie.de, www.evstadtakademie.de. Die Kosten betragen 85 Euro.

Mehr zum Hospizverein online unter www.hospiz-da-sein.de oder telefonisch unter 089/124705140. Spendenmöglichkeit unter IBAN: DE52 7015 0000 0065 1330 84 beim Hospizdienst DaSein e.V.   

                     Susanne Borée

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 23. Juli 2017:

- Aus einer anderen Welt: Hürdenreiche Begegnung mit Christen aus Papua-Neuguinea

-  Ökumenisches Christusfest in Uffenheim zum Reformationsjubiläum

- Die Mitverantwortung in der Pflege stärken:  Jahresempfang von Diakonie und Kirchenkreis Ansbach-Würzburg in Rothenburg

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo