Was bleibt?

Kunigunda Pichler
Kunigunda Pichler. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (60): Welche Vergangenheit haben demenzkranke Menschen?

"Es hat mich gut erwischt." Bei diesem Satz kämpft Kunigunda Pichler mit den Tränen. Sie blickt auf ihr Leben zurück - bevor es für sie immer mehr in den Nebeln entschwindet. Sie hat gerade erst ihren 80. Geburtstag gefeiert. Seit etwa anderthalb Jahren wohnt sie im "Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz", das die Diakonie Neuendettelsau am Nürnberger Tillypark seit genau zehn Jahren betreibt.

Was bleibt von ihrem Leben? Die Wohnung am Nürnberger Westbad - einst ihr ganzer Stolz - ist längst verkauft. Schließlich wohnt sie jetzt im Kompetenzzentrum.

In acht Wohngemeinschaften leben dort jeweils zwölf Menschen zusammen. Das Zentrum jeder Gruppe bildet die zum Wohn- und Essbereich offen gestaltete Küche. In aller Regel gibt es Einzelzimmer. Sie können mit persönlichen Einrichtungsgegenständen bestückt werden. Die Leitung des Kompetenzzentrums versucht die Bewohner zu aktivieren: gemeinsames Musizieren oder Gärtnern ist Programm. Es gibt regelmäßige Gottesdienste und eine seelsorgerische Begleitung. Durch die Kita nebenan gibt es regelmäßige Besuche der Kleinen, um den Senioren eine Freude zu bereiten.

Die Senioren sind dazu eingeladen, gemeinsam zu kochen, zu backen oder andere hauswirtschaftliche Tätigkeiten zu erledigen. Zweimal wöchentlich gibt es eine allgemeine Frühstücks- und Kochgruppe. Allgemeine Kaffeetafeln, Tanznachmittage, ein Gedächtnistraining oder Gottesdienste ergänzen das Angebot. Kunigunda Pichler hat sich das Haus am Tillypark bewusst ausgesucht, nachdem sie ursprünglich bereits woanders angemeldet war.

Sie freut sich gerade auch auf die Hunde, die regelmäßig ins Heim kommen. Rauhaardackel Emil ist ihr besonders ans Herz gewachsen. Sie wünscht sich auch einmal, Pferden zu begegnen. Ein Ausflug in einen therapeutischen Reitstall sei durchaus möglich, nickt Pflegedienstleiterin Barbara Heitmann. 

Kunigunda Pichler ist auch noch eine der tragenden Säulen der "Köpfchengruppe". Dienstagvormittags treffen sich ein Dutzend Damen und Herren im Tagungsraum des Kompetenzzentrums. Ergotherapeutin Bernadette Philipp hat ihren Koffer mit Gedichten, Rätseln,  aus Holz nachgestaltetem Obst und Kastanien mitgebracht. Heute erinnert sich die "Köpfchengruppe" an frühere Erlebnisse im Herbst.
Draußen im Garten fallen die letzten Blätter. "Gab es früher auch so viel Kürbis zum essen?", fragt Bernadette Philipp. Die "Köpfchengruppe" ist sich da nicht einig. Kunigunda Pichler erinnert sich an die Fürther Kirchweih, die oft nach Michaelis steigt. Schließlich stammt sie daher.

Biographiebögen bleiben

Wenn ihre Eltern in das Kompetenzzentrum aufgenommen werden, erhalten die Kinder oder sonstigen Angehörigen einen sehr ausführlichen Biographiebogen mit 15 Seiten. Allein schon der Umfang erscheint außergewöhnlich. In anderen Seniorenheimen sind oft nur drei oder fünf Seiten auszufüllen. Da bleiben dann nur wenige Zeilen für die Rubrik "Persönliche Lebensereignisse". Dort ist notiert, was von den Bewohnern bleibt, wenn sie sich selbst nicht mehr erinnern können.

Der Biographiebogen im Kompetenzzentrum am Tillypark fragt aber nicht nur den äußeren Lebenslauf der Bewohner ab. Es geht nicht nur um ihren jeweiligen Tagesrhythmus oder Essgewohnheiten. Nein, dort geht es genauso um Kindheitserlebnisse wie Ausflüge oder besondere Urlaubziele. Die Angehörigen sollen gerne Lieblingsthemen benennen, über die ihr Elternteil immer wieder gesprochen hat.

Wichtig ist dem Kompetenzzentrum auch die "Musikalische Biografie": Welche Trostlieder aus der Kindheit gab es? Haben die Bewohner in ihrem eigenen Elternhaus gesungen? Welche Musik hörten sie mit etwa 25 Jahren? Dies ist neben der Kindheit ein Alter, das nach heutigem Forschungsstand auch noch bei Demenzerkrankten prägend bleibt. Oder ließe sich gar eine CD mit ihren Lieblingsliedern bespielen?

So hilfreich da manches ist, um einen demenzkranken Menschen zu verstehen - die Kinder müssen bei den Antworten teils wohl richtig nachdenken. Oder können sie wirklich dem Pflegeheim gegenüber offen damit umgehen, welche Konflikte es in ihrer Familie gab (und gibt)?

Da können unter Umständen vernarbte Wunden wieder aufreißen, die durch Krankheit der Eltern kaum mehr zu klären sind. Natürlich erklärt es manche Verhaltensweisen von Demenzerkrankten, die sonst als irrational erscheinen.
Aber es gibt auch Grenzen: Haben die Bewohner des Kompetenzzentrums Familienereignisse wirklich so erlebt wie ihre Kinder? Und es gibt einen Unterschied zwischen erzählter und erlebter Lebensgeschichte. Nicht alles will man weitertragen. Die Art des Erzählens verändert die Erinnerung an die Vergangenheit.

Oder bei Demenzerkrankten brechen Wunden auf, die sie nie in ihre eigene Familie hineingetragen haben. Die Demenz verändert die Persönlichkeit. Die einst liebevollste Mutter wird  aggressiv. Oder der Haustyrann gutmütig.
Grundsätzlich müssen sich die Angehörigen in den Biographiebögen schon intensiv mit dem Leben ihrer Eltern beschäftigen: Wie erlebten diese die eigene Kindheit? Oder: "Hatte ihre Mutter, ihr Vater gar einen Lebenstraum?"

Bei Kunigunda Pichler bleibt noch die Sehnsucht nach Spiegelei. Das gibt es nämlich nicht im Kompetenzzentrum. Barbara Heitmann erklärt, gesundheitliche Risiken und lebensmittelrechtliche Vorschriften für ein Seniorenheim sprächen schon dagegen. Also bleibt ihr nur ein Besuch bei der Tochter, um einmal Spiegelei zu bekommen. "Braten brauch ich dort nicht - das bekomme ich ja im Heim", so Kunigunda Pichler.

Kunigunda Pichler bleibt noch die Erinnerung daran, wie sie einst ihren Mann kennenlernte. Damals arbeitete sie in einem Fürther "Textilhandel im Verkauf". Er war gerade frisch aus Westfalen zugezogen und erkundigte sich nach dem Weg zum Rathaus.

Wehmütig blättert sie weiter in einem alten Bildband über Fürth. "Es war alles sehr schön", murmelt sie. Die Kirchweih und die Kinder bleiben ihr noch. Sie nimmt erkennbar Abschied.

                     Susanne Borée

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