Kunstschaffen in der Flüchtlingsunterkunft

Günter Rocznik
Günter Rocznik. Foto: Meißner

Lebenslinien in Gottes Hand (61): "Exodus" und Erwartung in der Kunst und Begegnungen

Forth/Dekanat Erlangen. "Die Wirklichkeit des Unerwarteten" ist der Titel einer Ausstellung, die der Galerist Günter Rocznik mit Unterstützung von Pfarrer Johannes Häselbarth im Wohnheim für Asylbewerber geschaffen hat. Günter Rocznik ist Franke und Kunstverständiger mit vielen Ambitionen. Im ehemaligen Seniorenheim der Diakonie in Eckental-Forth, wo seit einigen Monaten Asylbewerber eine Unterkunft gefunden haben, hat er eine Kunstausstellung gestaltet. "Die Wirklichkeit des Unerwarteten" hat er sie betitelt und weckt damit Interesse. Der Betrachter der Kunstwerke begegnet dem Augenblick und erfährt zugleich Hintergründe fremder Lebenslinien, sozusagen Unerwartetes und Überraschendes.

"Wer in den dritten Stock eines Asylbewerberheims steigt, um eine Galerie anzuschauen", sagt Rocznik, "der rechnet nicht unbedingt damit, auf Kunst und damit verbundene Lebenslinien namhafter Künstler zu stoßen." Er habe die Ausstellung als Galerist nach verschiedenen Gesichtspunkten "komponiert" und ihr bewusst diesen Titel gegeben. Das Asylbewerberheim werde damit zum "Raum für Begegnungen". Die Bürgermeisterin Ilse Dölle lobt: "Unterstützt vom örtlichen Diakonieverein und der Evangelischen Landeskirche soll hier ein Ort der lebendigen Begegnung und Kommunikation entstehen."

Rocznik selbst, der bis vor Kurzem im Landkreis Haßberge lebte und von dort aus künstlerisch wirkte, hat in Vorbereitung der Ausstellung seinen Lebensmittelpunkt nach Forth verlegt. In Pfarrer Johannes Häselbarth fand er einen Unterstützer und Mitstreiter. "Ich bin kein Kunstfachmann", gesteht der Pfarrer, "aber ich bin mit daran schuld, dass Herr Rocznik hier wohnt und arbeitet." Es sei ein längerer Weg zurückzulegen gewesen, denn die Immobilie stand leer und man habe anfangs nicht gewusst, "was mit diesem besonderen Haus passieren soll".

Die früheren Bewohner und Mitarbeiter waren in ein schöneres Seniorenzentrum gezogen. Für die neuen Bewohner unterschiedlicher Nationalitäten hat Rocznik nun mit der Galerie einen Begegnungsraum geschaffen. Hier können sie mit ihren Nachbarn, Kunstfreunden und allen Interessierten zusammenkommen, hier sollen die Geflüchteten "ein Stück Normalität" erleben.

Die Ausstellung zeigt hundert Exponate europäischer Künstler aus der Zeit des 20. Jahrhunderts, Grafiken und Zeichnungen vom Expressionismus bis hin zur Postmoderne. Dazu hat Rocznik einige Werke von Künstlern arrangiert, die aus dem Iran und Irak stammen. Sie kamen einst nach Deutschland ins Exil, möchten aber heute nicht mehr als Exilkünstler betrachtet werden, da sie Fuß gefasst haben. Rocznik hatte sie 1990 im Rahmen seines damaligen Kunstprojektes "Künstler im Exil", einem Projekt in Zusammenarbeit mit dem Kunstdienst der Evangelischen Landeskirche in Thüringen, in der thüringischen Stadtkirche von Jena kennengelernt.

Als aufgrund der aktuellen Situation in Forth ein Gebäude für die Unterbringung von Flüchtlingen gesucht worden war, hat die Landeskirche das Haus gekauft. Ein Zusammentreffen zwischen Rocznik und Pfarrer Häselbarth hatte die Idee zum Projekt "Wohnen in einer Flüchtlingsunterkunft" zur Folge. "Sie haben sehr viel aufgegeben", sagt der Pfarrer zum Galeristen, "haben Ihr Haus in den Haßbergen verkauft, sich von vielen Dingen getrennt, und Sie haben sich in diesem besonderen Haus bei uns eingerichtet." Er freue sich sehr darüber, dass Rocznik da ist, betont Häselbarth. Der Künstler und Galerist habe sich mit einigen Bewohnern der Asylbewerberunterkunft angefreundet. Auch mit der ständig präsenten "Security", die inzwischen dazugehöre, habe Rocznik ein freundschaftliches Verhältnis.

Der Pfarrer hebt hervor, wie wichtig es ist, dass es solche Menschen wie Rocznik gibt. Er führe glaubhaft vor, dass man mit den Gästen auf Zeit sehr wohl zusammenleben könne, dass diese Menschen nicht schlechter oder besser seien als andere. "Sie sind eben nur etwas anders", konstatiert Häselbarth. Kleine Probleme tauchten im Zusammenleben immer auf, meint er. "Die gab es vorher, und die gibt es jetzt", sagt der Pfarrer, "aber sie halten sich in Grenzen."

Als Titelbild für den Flyer zur Ausstellung hat Rocznik den Holzdruck "Exodus" gewählt. Er kennt den Künstler nicht, von dem der Druck stammt, aber Pfarrer Häselbarth kommentiert ihn so: "Der Druck zeigt das Volk Israel auf der Flucht vor der Armee der Ägypter, geleitet von der Wolke, der Gegenwart Gottes. Das Bild passt zum momentanen Lebensthema: Menschen auf der Flucht."

Flüchtlinge gäbe es nicht erst seit dem Syrienkrieg, fährt er fort. Immer werden Menschen unterdrückt und vertrieben, und es seien immer die, die sich nicht wehren können. Sein ganz persönliches Bekenntnis lautet: "Ich glaube, die jetzigen Flüchtlinge sind nicht zufällig bei uns gelandet, sondern sind zu uns gesandt, damit wir wieder dankbar werden für unseren maßlosen Reichtum und damit wir einen Blick dafür bekommen, dass es nicht nur uns auf dieser Erde gibt." Pfarrer Häselbarth wünscht dem Künstler Rocznik, dass er nie bereuen möge, nach Forth gekommen zu sein und Quartier unter den Asylbewerbern genommen zu haben.

Zum Einzug in Forth schenkt er ihm ein kleines Kreuz. "Kreuze sind ja Ihr großes Thema" sagt er und spielt damit wohl auf Roczniks letzte Ausstellung in Hofheim in Unterfranken an, wo er unter dem Titel "Dialog im Kreuz" Kunstwerke ausstellte und verkündete: "Die Fragilität des menschlichen Seins ist der Schwerpunkt meines Arbeitens."   
Nürnbergs Bürgermeister Ulrich Maly skizziert in seinem Grußwort zur Forther Ausstellung Roczniks Lebensweg "vom künstlerisch tätigen Sozialarbeiter zum sozial engagierten  Künstler". Sein Leben sei mit zahlreichen Wendungen und einer großen Portion Lebenserfahrung verbunden. Rocznik, der unter anderem Geschäftsführer des Ausländerbeirates in Schweinfurt war, habe 1988 seine erste Galerie eröffnet und den Arbeitskreis Kunst und Kultur gegründet. Bis heute weise seine künstlerische Tätigkeit "einen starken Bezug auf unsere gesellschaftliche Lebenswirklichkeit" auf.  
  
Die Ausstellung läuft bis zum 22. Dezember 2016 sowie vom 11. Januar bis 31. März 2017 in Eckental-Forth, Bismarckstraße 20. Geöffnet ist sie mittwochs von 16 bis 20 Uhr sowie nach Vereinbarung.

Mehr Information über "Kunst im Asylbewerberheim" im Internet:  www.rocznik-kunst.de  

                     Sabine Meißner

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