Gelbe Galle statt blauer Sehnsucht

Kandinsky und Münter
Kandinsky und Münter

Lebenslinien in Gottes Hand (62): Wassily Kandinsky zum 150. Geburtstag - einsames Genie

Ich bin ja einsam und muss einsam bleiben, ... volles verstecktes Leben, feierlich und unendlich trübe Gedanken, die in mir entstehen und verlöschen, ohne jemanden mitgeteilt zu werden. Und das muß so bleiben. So muß ich bleiben." So schrieb er ihr. Was war geschehen? Ein heiß ersehntes Treffen am Eisenbahnknotenpunkt in Treuchtlingen war geplatzt. Aus ganz banalem Grund - so stellte sich hinterher heraus. Die Post war schlicht zu langsam gewesen.

Vor genau 150 Jahren erblickte Wassily Kandinsky in Moskau das Licht der Welt - am 4. Dezember 1866 des dort noch gültigen julianischen Kalenders oder am 16. Dezember der "westeuropäischen" gregorianischen Zeitrechnung. 1897 entschied sich Kandinsky endgültig gegen eine gutbürgerliche Laufbahn in seiner Heimat. Von seiner Großmutter, einer Baltin, hatte Kandinsky schon vorher gut Deutsch gelernt. In München fand er neue künstlerische Anregungen.

1902 lernte er die elf Jahre jüngere Gabriele Münter kennen. Als Schülerin besuchte sie eine seiner Münchner Malklassen. Eine schwierige, doch künstlerisch und menschlich äußerst spannende Beziehung entwickelte sich zwischen den beiden. Erst 1911 trennte sich Kandinsky von seiner ersten Frau Anna. Aber er heiratete Gabriele auch dann nicht - obwohl er mit ihr jahrelang quer durch Europa gereist war, oder sie sich direkt vor ihrer Haustür in Murnau, Rothenburg oder Würzburg trafen. In München lebte Gabriele Münter ihm zuliebe sehr zurückgezogen.

Gabriele Münter gelang es jahrelang nicht, wirklich von ihm los zu kommen, obwohl ihr diese "Lügen und Heimlichkeiten so zuwider und verhaßt" waren, wie sie in einem Brief schon im Oktober 1902 schrieb. Dabei hatte sich schon früh auch ihr künstlerisches Talent gezeigt. Doch stellte sie lange nicht ihre Herkunft als "höhere Tochter" in Zweifel. In dieser Rolle war es ihr lange unmöglich, von ihrem künstlerischen Talent wirklich zu leben. Sie fügte sich den Wünschen Kandinskys. Gleichzeitig entwickelte sich in der engen Verbindung zu ihm ihr eigenes Talent weiter. Aber was romantisch begann, verwandeltet sich später in bittere Galle.

Können Farben wie Töne sein? Kandinsky entwickelte immer stärkere Parallelen zwischen Musik und Malerei. Offenbar konnte er den Farben andere Sinneseindrücke zuordnen. Blau sei "aromatisch" und "weich". Gelb dagegen ist "scharf". Fällt normalen Sterblichen dazu nur "Senf" ein, so sah er offenbar mehr.
Kandinsky suchte die Kraft und die Sehnsucht der Farben in seinen Kompositionen einzusetzen. In enger Verbundenheit mit dem Komponisten Arnold Schönberg schuf er Grundprinzipien abstrakter Malerei. Er gründete den "Blauen Reiter". Gabriele Münter jedoch blieb dabei: "Für dies Unsichtbare, worauf es ankommt, ist das sichtbar Körperliche das natürliche Symbol." Doch auch ihr Pinselstrich griff weiter aus.

Nach Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 flohen Gabriele Münter und Wassily Kandinsky in die Schweiz. Auch dort konnte er nicht bleiben und kehrte nach Russland zurück. Gabriele Münter lebte von 1915 bis 1920 in Skandinavien. Anfang 1916 trafen sich beide ein letztes Mal im neutralen Stockholm.

Danach herrschte Funkstille. Zusätzlich wirbelte die Revolution in Russland alle Lebenspläne durcheinander. Erst im September 1918 erfuhr Gabriele nach quälenden Monaten, dass er überhaupt noch da war. Statt um sein Leben zu kämpfen, hatte er Nina Andreevskaja geheiratet. 

Zunächst übernahm er Funktionen in verschiedenen Moskauer Gremien, die sich moderner Kunst verschrieben hatten. Nach der russischen Revolution verlor er sein Vermögen, das ihn ein Onkel als Erbschaft hinterlassen hatte.

Schon bald versuchten die neuen kommunistischen Machthaber der neuen Sowjetunion die Kunstfreiheit immer mehr einzuschränken. Ende 1921 gelang Wassily Kandinsky mit Nina über Riga die Ausreise nach Berlin. Er schaffte es lediglich, zwölf seiner Bilder aus Russland mitzunehmen. In Berlin erschien er früheren Freunden als völlig abgerissen. Ihnen fielen besonders seine zerschlissenen Schuhe auf. Mitte 1922 begann er am Bauhaus in Weimar zu lehren. 

Allerdings standen noch viele Kisten mit seinen Besitztümern in Münters Haus in Murnau, das sie im August 1914 eilig verlassen hatten. Nun war sie aber verbittert über sein Verhalten nach 1916. Sie verweigerte die Herausgabe. Er solle selbst kommen und sich die Sachen abholen, soll sie geäußert haben. Später entwarf sie ein Schuldbekenntnis für ihn. Er sollte es unterschreiben, bevor er etwas von ihr bekäme.

Nicht nur verletzt war sie, sondern auch wohl tief depressiv. Sie fühlte keine Inspirationen mehr. Ein langwieriger, kleinlicher Rechtsstreit zwischen beiden schloss sich an. Erst 1926 endete er mit einem Vergleich: Er erhielt 26 Kisten aus Murnau, darunter ein Dutzend Gemälde. Dafür räumte er ihr das volle Recht an allen zurückgelassenen Arbeiten ein.

Nach der Schließung des Bauhauses durch die Nationalsozialisten emigrierte das Ehepaar Kandinsky gleich 1933 nach Frankreich. Seine Kunst galt den Nazis bald als "entartet". Kandinsky kam in Paris wohl nicht mehr recht an. Als die Deutschen 1940 Frankreich überrannten, ließen sie ihn in Ruhe. Da war er auch schon 83 Jahre alt Kandinsky starb Ende 1944.

Gabriele Münter erholte sich Ende der 1920er Jahre langsam durch eine neue Beziehung aus ihrer Schaffenskrise und ihrer Bitterkeit. Einige Nazis versuchten sie zu zunächst zu hofieren. Sie knurrte jedoch, Hitler-Porträts werde sie trotzdem nicht malen. Ab 1937 erhielt auch sie Ausstellungsverbot. Allerdings gelang es ihr, da in Murnau zu überwintern. Und sogar Werke Kandinskys zu verstecken - obwohl sie eigentlich abzuliefern waren. 1957 schenkte sie diese dem Lenbachhaus in München. Noch einmal machte Kandinskys Witwe Nina Rechte daran geltend. Mühsam verglichen sie sich.

Auch Nina vermachte viele Bilder ihres Mannes Museen wie dem Centre Pompidou. 1980 fiel sie einem Raubmord zum Opfer. Macht Kunst, die Sehnsucht Grenzen auszuweiten glücklich? Wassily Kandinsky blieb wohl zeitlebens so einsam wie nach dem gescheiterten Treffen in Treuchtlingen. Gabriele Münter war wohl am ehesten eine Seelenverwandte. Warum blieb Kandinsky 1916 nicht bei ihr? Liebte er die innere Einsamkeit? So verloren sie sich in Kleinlichkeit und Bitterkeit.   

Hildegard Möller: Malerinnen und Musen des "Blauen Reiters", Piper 4. Auflage 2016, ISBN 978-3-492-27492-0, 368 S.

                        Susanne Borée


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