Verbrannt, aber nicht ausgelöscht

Hexenturm
Im Stadtturm von Zeil befindet sich heute das "Dokumentationszentrum Zeiler Hexenturm". Foto: Meißner

Lebenslinien in Gottes Hand (67): Zeil am Main spürt Hexenprozessen vor 400 Jahren nach

Vor 400 Jahren brannten auch in Franken Dutzende an ''Hexen''. Die Stadt Zeil am Main hat den Opfern Namen gegeben und spürt ihren Lebenslinien nach.Einen ''Höhepunkt'' erreichten die Hexenverfolgungen im Jahr 1617. 

Damals verbrannten in Zeil am Main in einem einzigen Monat mehr als 40 Menschen auf den Scheiterhaufen. Insgesamt wurden in Zeil 400 Personen verbrannt, darunter auch Bamberger ''Hexen und Trudner''. Ihre Namen sind im ''Dokumentationszentrum Zeiler Hexenturm'' verzeichnet. Damit haben die heutigen Bewohner von Zeil für sich und alle Besucher die Möglichkeit geschaffen, den Opfern und ihren Lebenslinien nachzuspüren. 

Die Stadt liegt heute politisch im unterfränkischen Landkreis Haßberge. Ihre evangelischen Christen gehören zum Dekanat Rügheim und die katholische Pfarrei zum Bistum Würzburg. Sie wurde im 17. Jahrhundert von Bamberg aus regiert. Seit dem 11. Jahrhundert prallten hier die Macht- und Herrschaftsansprüche der Bistümer Bamberg und Würzburg aufeinander. Aber es war dem Hochstift Bamberg gelungen, den Ort Zeil als nördliche Enklave gegen Würzburg zu halten. Die Verfolgungen gingen vom Hochstift Bamberg aus. In Zeil hatte es den Brandgeruch nicht so direkt vor der eigenen Haustür.

Die Zeit der Hexenverfolgungen gehört zu den düstersten Kapiteln der Kleinstadt. Die erste vermeintliche Hexe wurde hier am 26. November 1616 verbrannt. Der Volkskundeprofessor Günter Dippold von der Universität Bamberg gab in einem Vortrag Hintergründe bekannt. Einige der einst Verfolgten und unschuldig hingerichteten Menschen erhielten durch ihn eine Stimme. Er verlas Zitate aus Protokollen des Zeitzeugen Johann Langhans und legte Fakten dar, die aus alten Originaldokumenten zusammengetragen waren. 

Für die Hexereiprozesse im Bistum Bamberg sei laut Dippold "ein erfahrener Henker" aus Thüringen herbeigeholt worden. Harte Praktiken gegen "Hexen" habe man angewendet, insbesondere ab 1616, als ein besonders dürrer Sommer Futtermangel und Not bewirkt hatte. Man unterstellte den vermeintlichen Hexen, dass sie "Wetter machen" würden. Zudem habe man aus dem Taubertal von Nachtfrost in der Walpurgisnacht erfahren, also "müsste es mit Zauberei zugegangen sein". In Gamburg an der Tauber etwa forderten Menschen, "die Zauberinnen nicht leben zu lassen". Dippold belegte mit diesen Beispielen die Erkenntnis, dass es auch "ein Drängen aus dem Volk heraus gab", denn nicht immer sei es die Obrigkeit gewesen, die zur Jagd auf Menschen antrieb.

Die erste Hinrichtung in Zeil traf Menschen aus anderen Orten. Aber "am 6. März des Folgejahres wurden die ersten Bewohner Zeils hingerichtet". Es waren Barbara Ziegler, Heinz Engel, Clara Biedermann, Nikolaus Glock und andere. Durch Folterung und grausame Misshandlung wurden die Inhaftierten zuvor dazu gebracht, weitere "Sündenböcke" zu nennen, was zu neuen Inhaftierungen führte.
Viele Schicksale sind im Dokumentationszentrum bezeugt, wie etwa das der Christina Morhaubt, Ehefrau des Ratsherren und Bürgermeisters Johann Morhaubt.

Nachdem 1626 im Zusammenhang mit einer Missernte auf der Suche nach vermeintlich Schuldigen eine zweite Hexenprozesswelle aufgeflammt war, verhaftete man Christina Morhaubt am 9. April 1627. Sie wurde mit einer glühenden Zange gefoltert und gestand daraufhin, elf Jahre zuvor während ihrer dritten Schwangerschaft von ihrer Mutter zur Hexerei verführt worden zu sein. Christina Morhaubt fiel den Hexenprozessen zum Opfer und starb am 4. August 1627 in Zeil am Main. 

Ihre Schwester war Anna Haan, ein Mitglied der Familie des Kanzlers Haan, deren sämtliche Mitglieder in Hexenprozessen hingerichtet worden sind. Es begann mit Katharina Haan, der Ehefrau des Kanzlers, die am 24. Januar 1628 verbrannt wurde. Noch beim zweiten Verhör hatte sie jede Beteiligung an Hexerei geleugnet. Drei Personen sagten in ihrer Anwesenheit gegen sie aus, sie habe eine Taufe auf ihrem Dachboden durchgeführt. Daraufhin wurde sie wieder gefoltert und gestand:  Teufelsbuhlschaft vor 25 Jahren. Obwohl sie später alle unter der Folter gemachten Aussagen widerrief, wurden Katharina Haan die Haare geschoren, um nach einem "Hexenzeichen" zu suchen, was auch "gefunden" wurde. Sie gestand, Schadenszauber getan zu haben und wurde hingerichtet. Ihr war Hostienschändung, Teufelsbuhlschaft und Schmieren mit der Teufelssalbe angelastet worden. Auch ihre Tochter wurde nach Folter und "Geständnis" hingerichtet.

"Die Vernichtung nährte sich sozusagen selbst", konstatierte der Historiker. Zeil sei als Zentrum der Hexenverfolgungen und Verbrennungen ausgewählt worden, weil die "Hexenkommission" in Bamberg ein Aufmucken der Bürger in der Residenzstadt befürchtete. Deshalb habe sie die Scheiterhaufen in Zeil errichten lassen. Dort wurden die Inhaftierten durch fortwährende Folterung und grausame Misshandlungen dazu gebracht, "Sündenböcke" zu benennen, die dann als Nächste inhaftiert wurden.
Im "Hexenturm" liegen Schriften und Chroniken aus, die ansatzweise wiedergeben, was die Unschuldigen erleiden mussten. Das Quälen und Morden der vermeintlichen Hexen und Trudner nahm unbeschreibliche Ausmaße an. Es sind zahlreiche Fälle von Angeklagten belegt, die sich unter Folter gegenseitig bezichtigten. Dippold erwähnte einen Prozess in Staffelstein, der 144 Gulden, etwa den Wert eines kleinen Hauses, gekostet habe. Etwaige Defizite aus Verfahren gegen mittellose Personen wurden durch Mehreinnahmen aus Prozessen gegen wohlhabendere Angeklagte, deren Angehörige sprichwörtlich "bluten mussten", ausgeglichen.
1619 endeten die Verfolgungen vorerst. Ab 1626 bis 1631 entstand unter einem neuen Fürstbischof eine neue Verfolgungswelle. Sie ließ Zeil unmittelbar zum Zentrum der Hinrichtungen werden. Die Bamberger Richter und Scharfrichter gingen zielgerichtet vor. Unter ihren  Opfern waren auch Ratsherren der Stadtverwaltung, die als Ketzer und Trudner bezeichnet wurden. Sie mussten Folterung so lange ertragen, bis sie Verbrechen gestanden, die sie nicht verübt hatten.

Davon zeugt in ergreifender Weise ein Brief des Bamberger Bürgermeister Johannes Junius an seine Tochter Veronica, in dem die ausweglose Situation des Vaters zum Ausdruck kommt: "Unschuldig bin ich in das Gefängnis gekommen, unschuldig bin ich gemartert worden, unschuldig muss ich sterben ..." Und weiter schrieb er: "Als mir nun unser Herrgott geholfen hat, habe ich zu ihnen gesagt, verzeihe Euch Gott, dass Ihr einen ehrlichen Mann so unschuldig quält. Ihr wollt ihn nicht allein um Leib und Seele, sondern auch um Hab und Gut bringen."

Nach tagelanger Folter bekannte er seine "Schuld" und benannte weitere angebliche Hexen. Am 6. August 1628 verbrannte er auf dem Scheiterhaufen in Zeil.      

                        Sabine Meißner



Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 19. November 2017:

- Lyrikerin, Fastnachter und Heimatpflegerin erhalten Frankenwürfel

- Seit fünf Jahren hilft bayerisches Wohnprojekt "Scheherazade" bei drohender Zwangsheirat

- Prior Christian Schmidt über zehn Jahre Evangelischer Konvent Kloster Heilsbronn

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo