"Man bekommt mehr zurück als man gibt"

Flüchtlingshelfer
Angelika Mücke (fünfte von links), Flüchtlingsbeauftragter Klaus Neubauer und Margit Schneider (rechts von ihr) engagieren sich für die Flüchtlingsarbeit. Dabei unterstützen sie insbesondere zwei in Kehlbach lebende Familien aus Afghanistan, die sich auf dem Bild im Stricken üben. Foto: Schülein

Lebenslinien in Gottes Hand (68): Angelika Mücke und Margit Schneider helfen Flüchtlingen

Kehlbach. Der Tisch ist liebevoll gedeckt. Apfelkuchen steht bereit, Kaffee und Tee. Es klingelt an der Haustüre. Mit einem Schlag ist es mit der Ruhe vorbei. Die beiden Familien Jamshidi sind an diesem späten Dienstagnachmittag bei Margit Schneider in Kehlbach zu Besuch. Margit Schneider und Angelika Mücke kümmern sich um Flüchtlinge in Steinbach am Wald. Die beiden Frauen unterstützen unter anderem zwei Familien aus Afghanistan, die in Kehlbach untergebracht sind. Die Herausforderungen sind groß, der Zeitaufwand ist immens.

Die eine Familie hat fünf Kinder - zwei Mädchen und drei Jungs im Alter von einem, vier, sieben, neun und elf Jahren, die andere Familie zwei Jungs im Alter von vier und sieben Jahren. Ihr drittes Kind ist bereits unterwegs. Die Begrüßung fällt herzlich aus: Händeschütteln, Umarmungen - die Kinder werden liebkost. "Wie geht es, alles in Ordnung?", fragt Margit Schneider die Schwangere. "Alles in Ordnung!"

"Das ist immer so, wenn wir alle beisammen sind. Da herrscht Leben", lacht Schneider, die der ganze Trubel nicht im Geringsten aus der Ruhe bringt. Während sich einige der jüngeren Kinder in das Zimmer nebenan zum Spielen zurückziehen, nehmen die Erwachsenen und die etwas größeren Kinder am Tisch Platz und lassen sich den Kuchen schmecken. Dabei werden Neuigkeiten ausgetauscht und besprochen, was als Nächstes anliegt - und das ist jede Menge! Ebenfalls zu Besuch ist Angelika Mücke sowie der Flüchtlingsbeauftragte der Gemeinde Steinbach am Wald, Klaus Neubauer.

Seit rund einem Jahr kümmern sich die beiden Frauen als ehrenamtliche Helferinnen um die in Steinbach untergebrachten Flüchtlingsfamilien. Mücke gibt an zwei Abenden in der Woche in der ehemaligen Flurbachschänke in Steinbach am Wald Deutschunterricht. Schneider begleitet die "Kehlbacher Flüchtlinge" insbesondere bei Arztbesuchen sowie Einkaufsfahrten. Das ist gar nicht so einfach. "Ich habe nur ein kleines Auto und wenn die Familien einkaufen, wird das manchmal ganz schön eng", schmunzelt die Kehlbacherin.

"Wir haben derzeit 34 Flüchtlinge in der Gemeinde Steinbach am Wald", erzählt Neubauer. Während sich um die Familien in Kehlbach Margit Schneider kümmert, wird die fünfköpfige irakische Familie in Buchbach intensiv von der Vermieterin Heike Büttner betreut.

Da Steinbach infrastrukturell begünstigt sei, seien für die in der
ehemaligen Flurbachschänke untergebrachten Flüchtlinge "Fahrtdienste" nicht so oft wie in Buchbach oder Kehlbach notwendig. "Termine mit Ärzten und Behörden werden von mir und Angelika Mücke organisiert. Das klappt sehr gut", freut sich der Flüchtlingsbeauftragte. Mit drei Frauen, die den Flüchtlingen Deutschunterricht geben - neben Mücke sind dies noch Birgit Mildenberger und Steffi Wicklein, sei man auch in diesem für die Integration so wichtigen Bereich hervorragend aufgestellt.

Mücke erteilte erstmals im November 2015 Deutschunterricht. Zu ihrer Funktion als Sprachpatin kam sie nicht gezielt. "Nach Eintritt in meinen Ruhestand wollte ich mich ehrenamtlich engagieren und habe deshalb bei der Diakonie nachgefragt, was es hier für Möglichkeiten gibt. Man sagte mir dann, dass Sprachpatinnen dringend gebraucht würden", erinnert sich die Steinbacherin. Vor ihrem Ruhestand arbeitete sie als Reiseverkehrsfrau. Deutsch sei ganz anders als die Heimatsprache der Flüchtlinge, Farsi beziehungsweise Dari. Dies sind persische Sprachen mit nur kleinen Abweichungen. Diese unterscheiden sich sehr vom Deutschen. So sei die Aussprache stark abweichend. Und das Schreiben erfolge mit arabischen Zeichen von rechts nach links.

Die Inhalte der "offiziellen" Deutschlernhefte erachtet die Steinbacherin für die aktuelle Lebenslage der Asylbewerber als vollkommen unangemessen. Daher gestaltet sie den Unterricht weitgehend selbst. Anregungen holt sie sich beispielsweise aus dem Internet. " Die Kinder lernen schnell", freut sie sich. Die Jungen und Mädchen, die die Mittelschule in Windheim beziehungsweise die Grundschule in Steinbach besuchen, fungierten bisweilen auch als Dolmetscher für ihre Eltern. Ihnen falle das Deutsch-Lernen wesentlich schwerer. Sie gäben sich aber viel Mühe, da sie wüssten, dass Deutsch-Sprechen sehr wichtig für sie sei - insbesondere auch bei der späteren Arbeitssuche. "Die erwachsenen Männer würden gerne arbeiten. Sie wollen den deutschen Steuerzahlern nicht auf der Tasche zu liegen. Aber sie werden zum Nichtstun verdammt. Das ist schlimm für sie und ich verstehe das auch nicht", meint Mücke nachdenklich. Die beiden Helferinnen arbeiten ehrenamtlich. Für Fahrten zu Ämtern und Ärzten können Unkosten abgerechnet werden, für Einkaufsfahrten ist von offizieller Seite keine Entschädigung vorgesehen. Sprachkurse für Asylbewerber werden von der lagfa Bayern e.V. im Auftrag des Bayerischen Sozialministeriums gefördert. 

Die meisten in der Gemeinde untergebrachten Flüchtlinge wollen vor Ort bleiben. Aufgrund der besseren Infrastruktur zieht es sie aber direkt nach Steinbach. Bis es soweit ist, liegt aber noch ein weiter Weg vor ihnen, da sich die Anerkennungen oftmals in die Länge ziehen. So werden sie sicherlich noch eine ganze Zeit die Hilfe der engagierten Helferinnen in Anspruch nehmen.

Diese bekunden, ihr Ehrenamt trotz des enormen Zeit- und Arbeitsaufwands weiterführen zu ­wollen. "Es ist viel Arbeit und es kostet viel Kraft. Aber es macht auch sehr viel Spaß und es ist eine große Freude, diesen Familien helfen zu können", bekunden die beiden. Der schönste Lohn für sie sei die Dankbarkeit der Flüchtlinge und das Leuchten in den Augen der Kinder. Dies entschädige sie für alles. "Man bekommt mehr zurück als man gibt", sind sie sich einig. 

                        Heike Schülein



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