Abgründe erfahren

Ernest und Ilse Haas
Ernest Haas als kleiner Junge mit seiner Schwester Ilse Margot, um 1927/28. Foto: privat

Lebenslinien in Gottes Hand (69): Aus den Einnerungen des Überlebenden Ernest Haas

Aus den Lebenserinnerungen von Ernest Haas (* 1925), ein Enkel des Colmberger Viehhändlers Alexander Steinberger: 

Indem ich, der einzige aus Neumarkt stammende jüdische Überlebende des Holocaust und seiner Vernichtungslager, die Geschichte meiner Familie aufschreibe, hoffe ich, das Andenken meiner lieben Schwester Ilse Margot Haas, meiner geliebten Eltern, meiner Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen und der restlichen Juden der Gemeinde Neumarkt zu ehren.

Ich begann in Colmberg nahe Ansbach mit der Schule. Der Grund, warum ich dorthin ging, war, dass meine Cousine Else Wittelshöfer auf die Realschule gehen wollte. Da Colmberg mit seinen 700 Einwohnern keine hatte, kam sie zu uns und lebte bei uns. Ein paar Jahre zuvor war Elses einziger Bruder Fritz im Alter von fünf Jahren an Leukämie gestorben. Sein Tod hatte eine große Leere in ihrer Familie hinterlassen und ich wurde gefragt, ob ich nicht eine Weile mit ihren Eltern leben wollte, da ihre Mutter die Schwester meiner Mutter war. Für ein oder zwei Jahre wohnte ich also dort.

Als ich zurückkam, fand ich heraus, dass mein Vater und andere jüdische Männer in Neumarkt gleich nach dem 30. Januar (1933) verhaftet und in Schutzhaft genommen worden waren. Der Hass auf Juden begann zu blühen. Der Lehrer, den ich in Colmberg hatte, war Nazi und ermutigte die anderen Kinder, mich zu verprügeln. Ich war das einzige jüdische Kind. Er fragte die anderen Kinder einmal, ob er dem Judenjungen ein paar tüchtig hinten drauf geben sollte, aus keinem anderen Grund als aus seinem Hass heraus.

Mein Vater war Frontkämpfer im 1. Weltkrieg und Schwerkriegsbeschädigter. Er hatte einen Lungenschuss abbekommen und hatte einen Anspruch auf eine Pension, was er aus patriotischen Gründen abgelehnt hatte. Ich erinnere mich noch, wie ein Major vom Wehrkreisamt Neumarkt zu meinem Vater sagte: "Aber Haas, warum machen Sie sich denn Sorgen? Sie sind Frontkämpfer und Schwerkriegsbeschädigter!" Aber zu diesem Zeitpunkt hatte sein voriger Dienst für das Land schon keine Bedeutung mehr.

(Haas beschreibt nun ausführlich, wie auch seine Onkel und sein Großvater die Ehrungen aus dem 1. Weltkrieg aberkannt bekamen, obwohl viele von ihnen auch schwer kriegsbeschädigt waren.)

Irgendwann, ich denke es war 1937, gab es bei uns eine weitere große Schikane. Beamte der Kriminalpolizei Regensburg kamen in unser Haus und durchsuchten alles vom Dachboden bis zum Keller - nach was? Einer von ihnen war ein wenig anständig. Als er mit meiner Mutter allein war, sagte er ihr, dass der Brief eines jungen Mädchens an meine Schwester Ilse abgefangen worden war. Sie und ihre Familie hatten kurz zuvor Neumarkt verlassen und waren nach Palästina gegangen und sie schrieb, wieviel besser das Leben dort sei. Der Beamte sagte, dass meine (damals 13-jährige) Schwester anti-deutsche Propaganda verbreitete. (Weitere Schikanen folgten.)

Am 23. November 1941 wurde uns mitgeteilt, dass wir am 27. November in den Osten deportiert werden würden. Unsere Wohnung wurde versiegelt und unser ganzes Hab und Gut versteigert. (...) Am 2. Dezember 1941 hielten wir auf einem Abstellgleis und erfuhren, dass wir uns außerhalb Rigas befanden, der Hauptstadt Lettlands. Der Kommandant, ein Unterscharführer namens Seck, machte seine Absicht von Anfang an sehr deutlich: Er sagte uns, dass er schon tausende Juden getötet hatte und dass ein paar mehr oder weniger ihn nicht kümmern würden. Er hatte schon einen auf dem Weg nach Jungfernhof erschossen, einen jungen Mann aus Fürth, der ihm vermutlich nicht schnell genug ging.

(Es folgt nun eine ausführliche Beschreibung aller Schikanen und Quälereien. Ernest Haas wurde von seiner Familie getrennt.)

Eine andere wichtige Begebenheit in meinem Leben ereignete sich im Frühjahr 1944. Ich war in Kaiserwald und ein Trupp Gefangener kam aus Strasdenhof. Einer von ihnen hatte etwas für mich dabei, das ihm meine Mutter gegeben hatte. Es war eine Art weißes Taschentuch, das zusammengenäht worden war und auf dem mein Name stand. Zwei Scheiben Brot befanden sich darin. Ich gab dem Überbringer eine Scheibe ab, dafür dass er so ehrlich war und sie mir gebracht hatte. Ich war sehr aufgewühlt deswegen, da wir jeden Abend nur eine Scheibe erhielten. Es bedeutete, dass meine Mutter ihre Ration an zwei Abenden nicht ge- gessen hatte, um sie mir zu schicken. Ich besitze diesen kleinen Beutel noch immer, er ist heute in Plexiglas eingeschlossen. Mein Name ist verblasst und kaum mehr lesbar. Er ist einer meiner größten Schätze. (Die Mutter wurde bald darauf ermordet.)

Ich habe bisher nie über diese Tage gesprochen, aber wenn ich und die wenigen anderen Ü̈berlebenden solche Erinnerungen für uns behalten und nichts über den Abgrund dieser Gräueltaten erzählen, könnte sie die Welt vergessen.

In der ersten Märzwoche (1945) befahl die SS allen, die noch marschieren konnten, die Baracken zu verlassen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mich nicht mehr bewegen und lag nur noch auf dem Boden der Baracke und erwartete den Tod. Einige Wochen später fanden wir heraus, dass sie alle in den Wäldern ringsum erschossen hatten. Ich glaube, es waren um die 2.700. Sehr wahrscheinlich dachte die SS, dass die Zurückbleibenden sowieso fast tot waren, deshalb musste man sich nicht mehr die Mühe machen, sie umzubringen. Ein paar Tage später, am 11. März 1945 befreiten uns die Russen.

(Nach mühsamer Genesung gelangte Ernest Haas über Berlin und Fürth nach Neumarkt. Eine Bekannte riet ihm) niemandem zu erzählen, dass ich Jude war. Ich hegte jedoch den starken Wunsch, Deutschland zu verlassen. Ich lebte mit dem Gefühl, dass wir hier aus unseren Häusern vertrieben worden waren und der Großteil meiner Familie ermordet worden war. Meiner Meinung nach waren viele Menschen Juden gegenüber 1945 noch hasserfüllter als während der Nazizeit. Ich erinnere mich daran, wie ich mich im Oktober/November 1945 mit einem Fremden in Nürnberg unterhielt und er Folgendes zu mir sagte: "Das Einzige, was der Führer falsch gemacht hat, ist, dass er den Krieg verloren hat.?

Es gibt viele weitere Erinnerungen, die mir wieder einfallen, manche lebendiger als andere. Jedoch hatte ich Angst davor, die Erzählungen aufs Papier zu bringen. Es war ein brutales Regime mit vielen willigen Helfern und zu wenigen, die zögerten teilzunehmen.

                     Ernest Haas (2010/12)

Herausgegeben von Gerhard Jochem (vollständige englische Originalfassung unter http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/EN_BY_JU_haas.pdf), ins Deutsche ü̈bersetzt von Andrea Hartmann (deutsche vollständige Fassung unter http://ak-israel.de/up­loads/media/Ernest_Haas_Neumarkt-­Fuerth-Riga-USA__01.pdf).

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