Herr Luther mischt sich ein: Kapitel 16

Referat
Timo heftete sein Referat sorgfältig ab. Vorbereitung war schließlich alles. Illustrationen: Aaron Jordan

Showdown

(=> Hier geht es noch zur letzten Folge.)

Stundenlang saß Timo an diesem Referat. Eigentlich waren nur zehn Minuten ausgemacht mit Pfarrer Wagner. Aber wie bitte schön konnte man das ganze Leben Luthers in zehn Minuten packen? Timo würde mit dem Religionslehrer sprechen. Nachdem er immer jedes Thema in aller Ausführlichkeit besprach, würde er damit vielleicht gar kein Prob­lem haben.  Außerdem konnte er sich in der Zeit bequem zurücklehnen und musste sich nicht mit den "ignoranten Schülern" herumärgern. Timo grinste, als er daran dachte, wie der Pfarrer sie immer zusammenstauchte. Bis ihm einfiel: Dann wäre er es ja, der sich mit ihnen herumärgern müsste. "Fehler. Totaler Denkfehler!"

Allein der Gedanke an Sebastian Thiele und sein feistes, herablassendes Grinsen lies seinen Magen kurzfristig zu einem Klumpen werden. Immerhin war auch Hanna da. Und sie blickte ihn immer sehr wohlwollend an. Ebenso wie Christian und Thomas.

Er nahm sich fest vor, in ihre Gesichter zu blicken, wenn er vor der Klasse stand. Oder wie seine Mutter immer sagte: "Es kommt immer auf den Blickwinkel an, wie man das Leben betrachtet."

"Himmel hilf! Steh mir bei!"

"Ich bin ja auch noch da. Ich finde, du hast so viel über mich nun doch herausbekommen - da helfe ich dir gerne weiter, wenn du einen Hänger hast", hörte er Luther sagen. "Was meinst du, wie viele Hänger ich auf der Kanzel hatte! Wichtig ist nur, dass man immer weitermacht, als wäre nie was passiert. Einfach so tun, als ob das alles zum Konzept gehört. Das fällt keinem auf. Ich weiß, wovon ich spreche."

Die Vorstellung, Luther mit Lampenfieber auf der Kanzel erheiterte ihn. Nach allem was er von ihm wusste, fehlte es dem polternden und streitbaren Geist eher weniger an Redegewandtheit. Auch Luther hatte also Hänger. Interessant!
Er heftete sechs Seiten sorgfältig ab. In der Schule wollte er den Zeitstrahl für jeden Klassenkameraden kopieren lassen. Das konnte sich alles sehen lassen, fand er.

Eigentlich mochte er Referate. Er mochte es, sich in ein Thema einzuarbeiten, bis er das Gefühl hatte, sehr viel - am besten alles darüber zu wissen. Allerdings: so ausführlich war bisher keines seiner Referate gewesen. Aber gut - er hatte ja auch noch nie eine solche Hilfe dabei gehabt. Und dann war ja auch noch Lutherjahr! "Bäm!", sagte er, als Zeichen für sich, dass er fertig war und den Ordner zuklappte. "Bäm!", sagten gerade alle in der Klasse. Es war wie ein fetter, dicker Punkt unter einem Satz oder Standpunkt. Ab hier keine Diskussion mehr.

In der Nacht schlief er schlecht. Hanna hatte ihm in der Nacht noch geschrieben und ihm viel Glück gewünscht. Auch, dass sie gerade an ihn dachte. Timo wusste nicht, was mehr im Magen kribbelte: Das Lampenfieber oder der Gedanke an Hanna, die an ihn dachte. Er träumte von Hanna und Luther, wie sie zusammen Eis aßen. Das fand er so komisch, dass er aufwachte. Luther, der Judenhasser aß ein Eis mit einer Halbjüdin. Oder umgekehrt? Hanna aß ein Eis mit dem Judenhasser? Vielleicht war es aber ja auch ein Zeichen den Versöhnung? Verwirrt wachte er auf.
Er trank hastig seine Tasse Kakao und stürzte die Treppe hinunter, weil Christian Sturm schellte. Dass er sich das aber auch nicht abgewöhnen konnte!

Auf dem Schulweg gesellte sich Thomas noch dazu und kurz vor der Schule bog Hanna um die Ecke. Nun waren sie zu viert. Timo fühlte sich wohl. Das waren die Menschen, die er - neben seiner Familie - wirklich am liebsten mochte. In ihrer Gegenwart fühlte er sich sicher und geborgen. "... fast wie im Abrahams Schoß!"... vollendete Luther leise kichernd seinen Gedanken. Timo verdrehte die Augen. Er hasste es, wenn Luther sich in seine Gedanken schlich. Gut, dass seine Freunde das nicht wussten. Zu viert liefen sie auf den Pausenhof. 

 

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