''Sei getreu bis in den Tod ..."

Elsa Seubert
Elsa Seubert mit dem Hochzeitsbild ihrer Eltern vom

Lebenslinien in Gottes Hand (70): Späte Spurensuche nach dem kriegsgefangenen Vater

Unsere Leserin Elsa Seubert forschte der Kriegsgefangenschaft ihres Vaters nach. Hier ihr Bericht:Mein Vater (Jahrgang 1925) hatte seinen Konfirmationsspruch zeitlebens parat. Und bei seiner Beerdigung im Oktober 1984 griff der Pfarrer das Bibelwort aus der Offenbarung des Johannes noch einmal auf: "Die Krone des Lebens!" Kann überhaupt einer von uns Nachgeborenen ermessen, was das für einen wie Friedrich Lutz bedeutet hat? Der als 17-Jähriger 1942 aus dem Kreis Feuchtwangen zu Arbeits- und Kriegsdienst herangezogen wurde, als Soldat den Partisanenkampf auf dem Balkan durchmachen musste, und in fast drei Jahren russischer Kriegsgefangenschaft nicht nur beinahe verhungert wäre, sondern beim Straßen- und Tunnelbau auch mehrmals lebendig verschüttet worden war ...

Keine Frage: Mein Vater, der so viele Kameraden hatte sinnlos sterben sehen, wusste sein Leben in Gottes Hand. Uns Kindern der 50er Jahre waren die Entbehrungen der "schlechten Zeit" trotz vieler Erzählungen doch kaum zu vermitteln! Warum nur bestand Papa bei Tisch immer derart eigensinnig auf seinen persönlichen Löffel? In den Stiel des billigen Aluminiums hatte er als Kennzeichnung ein Loch gebohrt. Jedes Mal vor einem Familienfest ließ Mama das in ihren Augen peinliche Besteckteil heimlich verschwinden.

Dafür aber beachtete sie seine einzige Eigenheit in punkto Essen: keine Hülsenfrüchte! Denn die Verpflegung bei Schwerstarbeit im russischen Lager hatte fast nur aus Erbsen, Bohnen und Rüben bestanden, gekocht in einer kraftlos-dünnen Brühe und mitsamt der obenauf schwimmenden Käfer, Maden und Spinnen.
Hätte ich mich doch damals mehr für all das interessiert. Erst als Papa längst gestorben war, beschäftigte ich mich damit. Leider waren keine Unterlagen mehr vorhanden, in welchem Lager er gewesen war.

Erstmals 2013 entdeckte ich einen Zeitungsartikel, in dem es um den Suchdienst des Roten Kreuzes in München ging. Jetzt erinnerte ich mich an die alten Erzählungen. Denn auch mein Vater war nach Kriegsende lange Zeit vermisst und der Suchdienst des Roten Kreuzes die einzige Hoffnung. Die Leitung hatte der rührige Pfarrer Löhr, der in Feuchtwangen bis Ende der 1960er-Jahre außerdem auch eine der vier Pfarrstellen innehatte. Ihn sehe ich noch vor mir: Ein großer hagerer Mann, gestützt auf einen Gehstock, da durch seinen Dienst als Militärpfarrer selbst kriegsversehrt. In der Nachkriegszeit aber Anlaufstelle für verzweifelte Angehörige im weiten Umkreis.

Es müssen damals bange Jahre für alle daheim auf unserem Hof gewesen sein. Bis Anfang 1945 kam wenigstens noch ab und zu ein Feldpost-Brief durch. Die beigelegten Fotos zeigen Fritz vor einem Flak-Geschütz oder im getarnten Unterstand. Aber obwohl er wusste, wie die Mutter sich grämen wird, konnte er doch nicht verschweigen, dass er im Lazarett war, weil er den Rücken voller Granatsplitter hatte. In den Sümpfen Albaniens und Mazedoniens hatte er sich außerdem mit Malaria angesteckt. Immer wiederkehrende Fieberschübe traktierten den geschwächten Körper.

Voller Sehnsucht bat er nach einem Foto von seinen Lieben. Dieses unscheinbare, im Frühjahr 1945 entstandene Bildchen im Album berührt mich jedes Mal aufs Neue. Gegen Kriegsende riss die Verbindung ab. Man wusste, dass die deutschen Soldaten an der Ostfront einem ungewissen Schicksal entgegengehen ...

Mein Großvater Karl stellte einen Suchantrag bei Pfarrer Löhr. Viele Male suchte er ihn auf, nur um jedes Mal zu erfahren, dass keine Nachricht vorlag. Wie lange diese ungewisse Situation dauerte, ist nicht mehr nachvollziehbar. Doch eines Tages hatte Pfarrer Löhr die erlösende Mitteilung: Fritz ist in einem russischen Lager. Er lebt! Es entstand wieder ein Briefkontakt, wenngleich die Haftbedingungen den Angehörigen daheim kaum zu vermitteln waren. Nach fast drei Jahren Gefangenschaft erhielt Fritz am 8. Februar 1948 die ersehnte Nachricht, dass seine Entlassung bevorstand. Zwei Wochen später kam er frei.

Vermutlich hat er sich auch in diesem Glücksmoment dankbar an seinen Konfirmationsspruch, an die Krone des - neu geschenkten - Lebens, erinnert. Denn er wünschte ihn sich vier Jahre später, ebenfalls am 8. Februar, einem eisigen Wintertag, um in der Stiftskirche zu Feuchtwangen seinen gemeinsamen Lebensweg mit unserer Mutter Frieda zu beginnen.

30 Jahre nach Papas Tod also versuchte ich über den Suchdienst des Roten Kreuzes doch noch zu erfahren, wo genau dieses Lager war. Ende März 2015 fand ich einen großen Umschlag mit einem Roten Kreuz in meinem Briefkasten. Die Sachbearbeiterin Grozdenka Aleksandrova-Behrendt hat es verdient, dass ich ihren Namen erwähne. Lückenlos zeichnet sie den Weg meines Vaters von seiner Gefangennahme am 9. Mai 1945 in der Tschechoslowakei, über die zwei Monate in Neuhammer in Schlesien/Polen bis zum Lager Nr. 414 in der Region Kiew auf, von wo er am 21. Februar 1948 "aus dem Gewahrsam entlassen" worden ist. Alles ist belegt mit Kopien seiner Akte und Karteikarte, Landkartenausschnitten, einem Lagerspiegel und vielen ergänzenden Informationen zur Geschichte der Kriegs­gefangenen im Osten wie Lagerstärke, Verpflegung, Krankheiten und Sterbequote.  
Diese Auskünfte bedeuten für mich, eine jahrzehntelang abgespeicherte Vorstellung zu löschen: Mein Vater war nie, wie von mir angenommen, in Sibirien, sondern in der Ukraine! Mein besonderes Interesse weckt aber die Gegend von "Bessarabien". Genau: Hatte nicht mein Vater immer erwähnt, dass er dort gewesen sei? Nur konnten wir mit diesem Begriff damals nichts anfangen. Denn das Land war nach dem Zweiten Weltkrieg der Sowjetunion einverleibt und von der Landkarte gestrichen worden.

Es war damals, 1948, ein kalter Februartag, als das Wunder geschah, um das Vater Karl und Mutter Maria Tag für Tag gebetet hatten: "Doa kummt etz' aaner die Schtroassa rauf. I heng' amoal in' Hund z'ruck", meinte der nun sechsjährige Ernst noch, als er wie so oft einen der zerlumpten und ausgemergelten Kriegsheimkehrer daherwanken sah. Diesmal war es sein Onkel Fritz.

In den ersten Jahren daheim litt Fritz noch sehr unter den gefürchteten Malariaschüben. Und obwohl ihm der Schweiß nur so von der Stirn rann, ließ er auch beim heißesten Heumachwetter über seinem Hemd noch den Arbeitskittel an. Denn wenn die Granatsplitter in Schultern und Rücken erhitzt wurden, hatte er höllische Schmerzen. Handwerklich jedoch hatte Fritz während der Gefangenschaft viel gelernt. Sogar ihr Werkzeug mussten die Gefangenen selbst herstellen. Dies kam ihm Zeit seines Lebens und dem ganzen Dorf zugute. Er war Schmied, Maurer, Glaser, Schreiner und Zimmermann in einem. Und immer zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wurde.   

                     Elsa Seubert

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