''Edleres hat die Welt nicht gesehen ..."

Druckerpresse
Das Titelblatt des Lobgedichts auf die Druckerkunst zeigt einen stilisierten zweigeteilten Holzschnitt. Links bedient ein Mann den Hebel der Druckerpresse, neben ihm färbt ein Kollege die Druckerballen ein. Rechts ist ein Setzer dabei, eine Buchstabenzeile im Winkelhaken zusammenzufügen. Foto: Archiv Binder

Lebenslinien in Gottes Hand (71): Johann Arnold aus Marktbergel preist den Buchdruck

Seinen Platz in der Literaturgeschichte verdankt er einem Lobgedicht auf die Erfindung des Buchdrucks. Weniger bekannt: seine Rolle im Reformationsgeschehen des Jahres 1517. War Johann Arnold aus Marktbergel, der sich Arnoldus Bergellanus nannte, am Druck der Lutherischen Thesen beteiligt?

Der Sprachwissenschaftler Peter Schoblinkski nennt das Internet Auslöser der "zweiten Gutenberg-Revolution" und verweist damit zwangsläufig auf eine erste. Die wird auf das Jahr 1440 datiert und bezeichnet den Buchdruck mit beweglichen Lettern und Einsatz einer Druckerpresse.

Wenn Zeugen für diese Behauptung aufgerufen werden, steht meist ein "Medienwissenschaftler" der frühen Neuzeit an erster Stelle. Johann Arnold, humanistisch gebildeter Gelehrter, der sich nach seinem Geburtsort Marktbergel Arnoldus Bergellanus nannte. Er pries wortmächtig die epochale Bedeutung des Buchdrucks: "Etwas Edleres als diese Kunst hat die Welt nie gesehen oder hervorgebracht; auch Gold und Silber und Perlen und was nur immer bei den Sterblichen hoch im Preise steht, wird mit Recht hintangesetzt. Diese Kunst hat durch ein ganz einzigartiges Wohlwollen ... der allmächtige Gott den Deutschen geschenkt. Wäre sie in alten Zeiten vorhanden gewesen, welchen Schatz hätten wir jetzt in Händen, welche Bibliotheken klassischer Autoren."

In dem schmalen, nur zweiundzwanzig Seiten umfassenden Werk von 1541 beleuchtet der Autor die Technikgeschichte rund um die Person Gutenbergs und dessen Partner Johann Faust und Peter Schöffer. Er brilliert mit seiner Kenntnis antiker Dichtungen und er geißelt so manche schädliche Entwicklung des gefeierten Fortschritts. Längst haben die Möglichkeiten des Buchdrucks auch das Kommerzdenken beflügelt. Geradezu aktuell auf die heutige Zeit bezogen wirkt die Bergellanus-Kritik am freizügigen Umgang mit dem geistigen Eigentum anderer: Copy and paste anno 1540!

Auch jene Autoren, die sich allzu bereitwillig dem Zeitgeist anpassen, hauptsächlich auf Quote schielen, bekommen ihr Fett weg: "Niemals hat das fruchtbare Afrika so viel ­Ungeheuer hervorgebracht, als jetzt unsere Zeit leichtfertige Schriftsteller . ... Aus einem Munde blasen sie, wie es im Sprichwort heißt, kalt und warm und sprudeln von allzu großer Geschwätzigkeit. Sie treiben mit dem Heiligen Spott und klatschen Unheiligem oft Beifall ?"

Das Lobgedicht auf Gutenberg fand über die Jahrhunderte hinweg Aufmerksamkeit. In den einschlägigen Kompendien behauptet Arnoldus Bergellanus bis auf den heutigen Tag seinen Platz. Die Deutsche Nationalbibliothek weist ihn mit 22 (!) Namensvarianten nach.

Bedauernd merkte Heidenheimer an, dass Arnolds Lebensverhältnisse zu meist unbekannt seien: "Mannigfache Nachforschungen, die ich anstellte, waren ergebnislos." Bis heute hat sich an der dürftigen Quellenlage wenig geändert. Der erste fassbare Hinweis taucht in den Matrikeln der Universität Leipzig auf. Als Joannes Arnoldus de Bergel hat er sich dort im Sommersemester 1515 eingeschrieben und zwar unter den "Bavari". Letzteres lässt den sicheren Rückschluss auf seinen Geburtsort (Markt)Bergel zu. Im Sommer 1517 ist sein Studienabschluss vermerkt.

Spätestens 1520 tritt er als Korrektor und Mitherausgeber in der Leipziger Druckerei von Melchior Lotter d. Ä. (1470-1549) in Erscheinung. Er liefert Anmerkungen zu Ausgaben antiker Autoren wie den Satirenschreiber Aulus Persius Flaccus und den Komödiendichter Titus Maccius Plautus. Auch Bücher bekannter Humanisten (Erasmus von Rotterdam, Baptista Mantuanus) verlassen die Offizin mit Beiträgen von Arnoldus.

1522 versieht er einen theologischen Text des Vorreformators Wessel Gansfort aus Groningen (Farrago) mit einer Widmungsvorrede. Adressat ist Andreas Althamer (um 1500-1539), ehedem Student in Leipzig wie Arnold. Althamer, der sich als Humanist und Reformator in Franken Verdienste erwarb und ab 1528 in Ansbach wirkte, bedankt sich für die Zusendung der literarischen Gabe. Bleibt als letztes gesichertes Datum im Leben des Johann Arnold das Erscheinungsjahr seines Lobgedichtes.

Wann ist er geboren, wo und wann ist er gestorben? Ende der 1920er Jahre befasste sich der Marktbergler Pfarrer und Ortschronist Johannes Blank mit Arnolds Dichtung. Daneben stellte er Familienforschungen in Sachen Bergellanus an. Demzufolge ist die Familie Arnold noch um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Marktbergel nachzuweisen. Vorher stammt sie wohl aus Burgbernheim.

Einige Spuren aus dem 19. Jahrhundert legen nahe, dass Arnold in Straßburg oder Basel als Besitzer einer eigenen Druckerei gestorben sei. Aber für diese Annahme fehlen die Belege. Einen vagen Anhaltspunkt zu seiner Vita liefert Arnoldus selbst. In frühen Jahren habe er "in Geschäften einige Städte am Rhein" besucht. Und er spricht davon, dass er fünfzehn Jahre lang in einer Druckerei seinen Lebensunterhalt gefunden hat. Vielfach wird angenommen, dass sich dieser berufliche Abschnitt unmittelbar an sein im Sommer 1517 in Leipzig beendetes Studium anschloss. Und zwar in Diensten des Druckers Melchior Lotter d. Ä, für den er ja ab 1520 nachweislich tätig gewesen ist.

Wenn dem so war, trifft wirklich zu, was Buchwissenschaftlerin Monika Estermann so kurz und griffig über Arnoldus feststellte: "Er hatte sich also im Zentrum der Reformation befunden." Lotter gilt als ein bedeutender Drucker lutherischer Texte. Mehr noch: Auf seiner Presse - so die offizielle Darstellung der Stadt Leipzig - sollen im Herbst 1517 die 95 Thesen des Reformators schwarz auf weiß als Plakatdruck entstanden sein. Und ein junger Akademiker aus einem Dorf an der Frankenhöhe könnte dabei mit Hand angelegt haben: Arnoldus Bergellanus, ein Sohn Marktbergels, korrigiert vielleicht den Text, der ein neues christliches Zeitalter einläutet.

Siebzehnmal weilte Luther nachweislich in Leipzig, ausreichend Gelegenheit für Arnold, den Reformator persönlich kennen zu lernen. Am ehesten wohl 1519 anlässlich der Leipziger Disputation.

Einen religiösen Reformator hat Marktbergel allem Anschein nach nicht hervorgebracht, aber den Lobsänger einer technischen Revolution - ohne die es die Reformation vielleicht nicht sehr weit gebracht hätte.   

Aus dem Buch: Werner P. Binder: Aysch bringt rote Pfaffenhütlein. Literarische Landschaft zwischen Steigerwald und Frankenhöhe, 533 Seiten; ISBN 978-3-942953-19-1, 39,80 Euro; Bartlmüllner Verlag 2015.

                      Werner P. Binder

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 19. November 2017:

- Lyrikerin, Fastnachter und Heimatpflegerin erhalten Frankenwürfel

- Seit fünf Jahren hilft bayerisches Wohnprojekt "Scheherazade" bei drohender Zwangsheirat

- Prior Christian Schmidt über zehn Jahre Evangelischer Konvent Kloster Heilsbronn

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo