Wieviel Luther gibt es in den Jubiläen?

Epitaph
Epitaph Lucas Cranachs d. J. für den Dessauer Fürsten Joachim (+ 1561) als frühes Reformationsgedenken: Anstelle der Jünger umringen Reformatoren wie Luther und Me­lanchthon sowie Dessauer Fürsten Jesus beim Abendmahl. Foto: Borée

Warum und wie Protestanten Reformationsgedenken feiern - Teil 1

Jubiläen und Feste zu runden Geburtstagen reichen selbstverständlich in unseren Alltag hinein. Niemand hinterfragt mehr den Grund. Wie und warum entstand überhaupt die Idee, runde Jubiläen feierlich zu gestalten? Bei so viel Reformationsfeiern drängt sich geradezu die Frage auf: Was machen wir da? Thomas Kaufmann zeigt in seinem Reformationspanorama "Erlöste und Verdammte" (siehe vergangene Woche) Antworten auf. Die Feiern orientieren sich am Jubeljahr aus dem Alten Testament. Damit sollten die Israeliten nach sieben mal sieben Jahren - also einem halben Jahrhundert - aus der Schuldknechtschaft und finanziellem Ruin Befreiung finden.

Papst Bonifatius VIII. ging anno 1300 einen Schritt weiter, so Kaufmann. Er baute die Idee der Befreiung aus. Zum Anlass der runden Zahl rief er anno 1300 Millenium eine Wallfahrt nach Rom aus, die von allen Sünden löste. Weil es so gut lief und die Kassen klingelten, verkürzten seine Nachfolger die Ablassjubiläen auf einen Zeitraum von zuletzt 25 Jahren. So bekam jeder Mensch in seinem Leben die Gelegenheit zu einer sündenbefreienden Wallfahrt - und Rom zu Geld.

"Weil Jubiläum und Ablass historisch ursprünglich zusammenhingen", so Thomas Kaufmann, "lag es wohl nicht fern, auch den Beginn des Kampfes gegen den Ablass als 'Jubiläum' zu begehen." Die einzigen bisherigen Jubiläen, die sich auf ein historisches Datum bezogen, waren Stiftungsfeiern von Universitäten. Alle weiteren politischen Gedenktage, Firmen- oder persönliche Jubiläen sieht der Göttinger Reformationshistoriker in verweltlichter Nachfolge der Reformationserinnerung. Dem Gedenken ging es immer weniger um Luther als um die eigene Selbstdarstellung. Wenn sie gerade nicht dem Zeitgeschehen zum Opfer fielen, erscheinen sie immer wieder merkwürdig je nach eigenen Interessen.

Gerade erst, 1602, hatte die Wittenberger Uni ihr hundertjähriges Bestehen gefeiert. Um sich weiter zu profilieren, war ein erneutes Jubiläum ein willkommener Anlass. Doch erst im Laufe des Jahres 1617 kam man auf die Idee. Das erfuhr Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz. Er wollte lutherische und reformierte Reichsstände in der protestantischen Union weiter einen. Seit Jahrhundertbeginn hatten sich die Gegensätze zu den katholischen Seite weiter verschärft. Als sich Friedrich ein Jahr später zum "Winterkönig" in Böhmen wählen ließ, begann damit der Dreißigjährige Krieg.

Da konnte sich Sachsens Kurfürst Johann Georg I. nicht lumpen lassen. Er erscheint als besonnener protestantischer Gegenpol zu dem Pfälzer. Gleichzeitig wollte er der Welt vor Augen führen, dass er sich in der Nachfolge von Luthers Schutzherrn Friedrichs des Weisen sah - was allerdings dynastisch arg haperte. Schon damals wurde von oben nach unten durchgereicht, wie es "richtig" zu sein hatte: Also erbaulich, sprich kämpferisch. Und bloß nicht: "fressen, sauffen, spiellen, nächtliche(s) tumulieren". Bald war das Reformationsjubiläum geradezu ein triumphales Bekenntnis mit Luther als gottgesandten Propheten, der die (protestantische) Welt von dem papistischen Teufel befreite.

Der Papst reagierte auf den protestantischen Plan. Er rief seinerseits 1617 zum "Heiligen Jahr" aus (wie später auch das Lutherjahr 1983). Damals erneut mit ordentlichen "Ablässen" gegen allerlei fromme Betätigungen. Die Fronten waren schneller geschlossen als ohne Jubelei.

Ein Jahrhundert später, 1717, ging es deutlich ruhiger zu. Die Lage hatte sich nach dem Westfälischen Frieden beruhigt. Sachsen allerdings war als protestantische Schutzmacht ausgefallen. August der Starke war seit 20 Jahren polnischer König und dazu extra katholisch geworden - wenn auch seine sächsischen Untertanen ausdrücklich evangelisch bleiben durften. In Preußen herrschte der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. Der hatte sowieso wenig für Feste übrig. Ansonsten waren Pietisten, frühe Aufklärer und Lutherisch-Orthodoxe uneins, welches Erbe sie vertraten. Aufklärer fanden sich in dem Freiheitshelden, Verfechter der Volksbildung und Tugendlehrer Luther wieder. Hatte er nicht lebenslang gegen die klerikalen Mächte gestritten?

In Schweden ließ sich Karl XII. gerade im Großen Nordischen Krieg von Russland und dessen Zaren Peter den Großen besiegen. Wer feierte da noch Reformationsjubiläum? So richtig groß nur die Dänen, ebenfalls Gegner Schwedens - und die norddeutschen Territorien, die spätestens seit 1648 zu Dänemark gehörten.

Indes hatte Dänemark etwas gegen den Jahrestag 1817. Da wollten sie sich von Deutschen Landen abgrenzen und feierten erst 1836 - den Jahrestag der offiziellen Einführung der Reformation im Königreich.

Jetzt hatte sich endlich auch in Preußen herumgesprochen, dass so ein Reformationsjubiläum ein schicker Anlass für ein erbauliches Festchen war. Dies buchstabierte sich bereits "Nationaler Aufbruch" eines deutschen Luther im Kampf gegen alles Fremde. Preußen schaffte 1817 die protestantische Union zwischen Lutheranern und Reformierten (Mehr folgt). Luther erschien als Vordenker politischer Freiheit von romanischer Unterdrückung. Napoleon war geschlagen, lebte aber noch bis 1821.

Auch hier gleich das Gegenprogramm: Gut 500 Studenten kamen im Oktober 1817 zum Wartburgfest zusammen - das war damals jeder 20. Student im Deutschen Reich. Es "war eine Protestkundgebung gegen reaktionäre Politik und Kleinstaaterei und für einen Nationalstaat mit einer eigenen Verfassung". Dem sächsischen Kurfürsten 200 Jahre zuvor wäre es wohl viel zu chaotisch gewesen. Bei einem Fackelzug verbrannte eine kleinere Gruppe Bücher und obrigkeitsstaatliche Symbole. Burschenschaften gründeten sich. Die Farben Schwarz-Rot-Gold des Lützowschen Freikorps waren ihr ­Symbol. Es gab bereits da einige anti-jüdische Untertöne. "Das war ein Vorspiel nur! Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen", warnte Heinrich Heine.

- Fortsetzung folgt -

                       Susanne Borée

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