Lutherisch sein im Paradiestal

Hans Zeller
Pfarrer Hans Zeller von Mission EineWelt schaut über die Dächer der Hafenstadt hinweg auf den Pazifik hinaus. Fotos: Bek-Baier

Die lutherischen Kirchen Chiles auf dem Weg in die Zukunft

Pfarrer Hans Zeller ist Referent von Mission EineWelt aus Neuendettelsau für die Lateinamerikanischen Kirchen. Er vertritt die Evangelisch Lutherische Landeskirche Bayerns auf seiner Visitationsreise. In erster Linie besucht er Volontäre, Freiwillige, die in Lateinamerika, diesmal in Chile in kirchlichen und sozialen Projekten arbeiten. In Chile trifft er dabei auf die kuriose Situation, dass zwei lutherische Kirchen nebeneinander existieren. Seit vielen Jahren versuchen sie zusammenzuwachsen.Man meint, man ist im Schwarzwald. Die Kirche Heiligkreuz von 1897 sieht im Innenraum aus, als stünde sie in Deutschland: Dunkles, leicht verziertes Gebälk, Empore und Bänke. Hie und da ist ein Bibelvers auf das  Holz gemalt. Daher ist die evangelisch-lutherische Heiligkreuzkirche auf dem Gipfel des beliebtesten Hügels der Stadt Valapraiso in Chile ein Touristenmagnet. Über diese Hügel liegen die bunten Häuser verstreut und ziehen sich verschlungene Straßen und verwinkelte Gassen auf und ab. Die Wände der alten Gebäude und vieler Mauern sind mit ungezählten phantasievollen Graffitis bemalt. Valparaiso ist daher ein beliebtes Touristenziel in Chile. Es gibt auch viel zu sehen in der Hafenstadt am südlichen Pazifik, die zu deutsch Paradiestal heißt.

"Die Kirche wurde nach schweren Erdbeben erst kürzlich wieder renoviert", erzählt der Gemeindepfarrer  Rudolfo Olivera Obermüller. Die Region litt in der jüngsten Vergangenheit unter Naturgewalten. Ein heftiges Feuer hatte erst im Januar Bezirke der Stadt betroffen, in der auch Gemeindeglieder der Kirche leben.

Heiligkreuz gehört zur "Lutherischen Kirche Chiles" (ILCH) und ist eine Gründung deutscher Einwanderer im 19. Jahrhundert. Es ist die erste und somit älteste protestantische Kirche Lateinamerikas mit Glockenturm und Glocke. Begeistert zeigt Pastor Obermüller seine Kirche. Besonders das alte Uhrwerk, das Zifferblatt und Glocken steuert, hat es ihm angetan. Es funktioniert wie am ersten Tag. Die Glocke, zu der der Pfarrer selbst hinaufführt, ist die einzige in ganz Lateinamerika, die nicht für eine katholische Kirche gemacht wurde."Die Orgel ist von 1884 und somit sogar etwas älter als die Kirche", erzählt Obermüller. Sie hat die Gemeinde von der benachbarten anglikanischen Gemeinde.

Ein Kuriosum der Kirche ist eine funktionstüchtige Badewanne, die auf dem Kirchendachboden fest installiert ist. Obermeier vermutet, dass sie aus der Bauzeit der Kirche stammt. Ob sie aber für die Reinlichkeit der ersten Pfarrer spricht, oder ob sie lediglich zum Sammeln des Regenwassers vom Kirchendach bestimmt war, weiß keiner mehr zu sagen. Eine Zisterne für Löschwasser im Falle eines Dachstuhlbrandes?

Rudolf Obermüller hat deutsche Vorfahren. Das hier ist "seine" Kirche. Er wurde hier getauft, konfirmiert und getraut. Und, so sagt er, hier will er einmal beerdigt werden. "Die Deutschen wollten früher hier unter sich bleiben", erzählt Pastor Rudi, wie er meist genannt wird. "Die deutsche Gemeinde ist auch heute noch etwas altmodisch." Aber das ist im Sinne von traditionsbewusst nicht immer etwas Negatives. Mitten in den Gemeinderäumen hängt selbstbewusst ein Mosaik der Lutherrose.

Auch wenn er bewusster Lutheraner ist, Obermüller genießt einen Ruf als progressiver Pfarrer. Dadurch ist er hier sehr beliebt. Manchmal halten Pastor Obermüller oder Vikar Miguel Angel Gottesdienste auf Englisch für große Gruppen. Oft auf Deutsch. Begehrt sind hier in der romantischen Kirche aus dem 19. Jahrhundert Trauungen bei Paaren aus England, USA, Deutschland oder auch Schweden. "Manche der Brautleute haben hier einmal an der Universität studiert und kehren zur Hochzeit zurück."

Ein Problem seiner Gemeinde ist, sagt Pastor Obermüller, dass viele Gemeindeglieder wegziehen. "Es gibt hier außer Tourismus und Wein wenig Arbeit. Ab und an legen Kreuzfahrtschiffe im Hafen an und spülen Touristen in die Stadt." Das gibt allenfalls unregelmäßig etwas für Tagelöhner zu tun und schafft nur wenige dauerhafte Arbeitsplätze. "Es gibt ein Sprichwort in Valparaiso: Der Hafen ruft dich, wenn es Arbeit gibt." Die Jungen ziehen daher in die Hauptstadt Santiago de Chile.

Alexander Wilckens, Generalsekretär der beiden lutherischen Kirchen Chiles kennt die Schwierigkeiten der Gemeinden, wie in Valparaiso. Gemeinsam mit Zeller und einer kleinen deutschen Delegation besucht er Obermüllers Gemeinde. Wilckens erklärt den Gästen aus Deutschland die Traditionen und Strukturen der Kirchen. Es gibt zwei lutherische Kirchen: Zum einen die Iglesia Evangélica Lutherana en Chile, kurz IELCH. Sie ist die kleinere Kirche, die sich längst chilenischem Zuwachs geöffnet hat. Es gibt Chilenen deutscher Herkunft die in fünfter Generation hier leben. Sie verstehen sich nicht mehr als Deutsche. Sie sind längst Chilenen. Die Gemeinde in Valpariso gehört zur anderen, der größeren und älteren Kirche: Die "Lutherische Kirche Chiles" (ILCH) ist eine Gründung deutscher Einwanderer im 19. Jahrhundert. Ihre Nachfahren prägen sie bis heute. Wilckens ist Generalsekretär des Rates beider Kirchen, die sich um eine föderative Vereinigung bemühen.  

"Die große Frage heute ist, was will das Luthertum in Lateinamerika?" => weiter