Heiligkreuz-Kirche
Heiligkreuz-Kirche

"Die große Frage heute ist, was will das Luthertum in Lateinamerika?"

An dieser Frage entscheidet sich für Wilckens die Zukunft der lutherischen Kirche. Das Volk sympathisiert insgesamt sehr mit den Pfingstlern. "Ein Pfingstler-Pastor lebt oft mit den Menschen, den Armen Tür an Tür. Auch die katholische Kirche kümmert sich sehr um das einfache Volk. Die Lutherische Kirche hält die Tradition und die lutherische Theologie hoch", sagt er. "Pfarrer sollen fundiert studieren." "Unsere Kirche kam von außen in dieses Land, mit den Immigranten aus Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts. Wir waren stets eine Minderheit."

Die Kirche war angetrieben und unterstützt von außen, so Wilckens. Von 1973 bis 1990 herrschte mit Augusto Pinochet  in Chile eine Militärdiktatur. "In dieser Zeit hatte unsere Sozialarbeit schon einmal einen Höhepunkt." Aber wie steht es heute um die Kirche? "Sollten wir uns auch um Bildung, Armut und globale Probleme kümmern? Wenn ja, ist die weitere Frage: Wieso braucht es dazu die Lutherischen Kirchen?"

Oder, so sinniert Wilckens weiter,  bleibt die Kirche eine ethnische Kirche, für die Nachfahren deutscher Kolonialisten, für die die deutschsprachige Kirche eine Heimat in der Fremde darstellte?

Im 19. Jahrhundert war Spanisch als Sprache für die protestantischen Kirchen sogar verboten. Die mehrheitlich katholische Bevölkerung sollte nicht mit der "Häresie" in Kontakt kommen können. Die ersten Pfarrer kamen als "Deutschlehrer".  Erst in  den 1960er Jahren begann eine Öffnung der lutherischen Kirche zum Chilenischen hin.

"Wir arbeiten jetzt schon viel mit armen Leuten", sagt Pfarrer Obermüller, "damit sie Möglichkeiten für ihre Zukunft bekommen." In der ­politischen Debatte um ein Abtreibungsgesetz hat sich die katholische Kirche strikt dagegen positioniert. Wer aus ihrer Sicht das komplexe Gesetz befürwortet, ist in deren Augen Kommunist.

Ein anderes Thema in Chile ist die Bildung, die sich ­ärmere Schichten für ihre Kinder oft nicht leisten können. Eine lutherische Kirche sollte pastoral denken, für ihre Kirchenmitglieder in Krisensituationen da sein, sagt Wilckens. "Wir haben unsere Berechtigung als Kirche dann, wenn wir uns Menschen in Not annehmen."
Das Stichwort in der evangelischen Kirchengemeinde in Valparaiso ist "Diversität" - Vielfalt. Ja, sie seien schon eine Sondergemeinde in der deutschstämmigen ILCH, erkennt Wilckens an. "Es ist unsere Art hier weltoffen zu sein, wie ein Hafen weltoffen ist.", bekennt Pastor Rudi. "Wir in Valparaiso sehen uns als eine einzige Gemeinschaft - und es ist eine gute Gemeinschaft", ist er überzeugt. Arm und Reich, Nachfahren von Einwanderern und ehemalige Katholiken, Chilenen und Neu-Zugezogene. "Wir bilden Gruppen mit den neuen Gemeindegliedern, sogenannte ,Gruppen des Lebens?", erläutert der Pfarrer.

Darin kann man sich gegenseitig näher kennenlernen. Die Kirche profitiert auch von wohlhabenden Gemeindegliedern. Sie helfen den Ärmeren Arbeit zu beschaffen.
"Rudi Obermüller ist der führende Pastor in der ILCH, der die Vielfalt und Offenheit der Kirche fördert und gleichzeitig mit der Tradition verbindet." Er habe keine Angst mit Neuem und Neuen in Verbindung zu kommen. So dürfte der Kirchenvorstand der lutherischen Gemeinde von  Valparaiso einzigartig in Chile sein. In ihm sitzen Kommunisten und ehemalige Militärangehörige an einem Tisch und ziehen an einem Strang. "Wir besprechen die Unterschiede, streiten auch, aber ohne uns zu bekriegen", beschreibt Obermüller den Umgang miteinander.

Wilckens sieht das als zukunftsweisende Mustergemeinde an. Für solche Gemeinden könnte ein Pfarrer aus Deutschland auch gut sein, überlegt er. Daher hat er vor, zu deutschen Landeskirchen Kontakte herzustellen, die Pfarreraustausch ermöglichen könnten.  

                                    Martin Bek-Baier

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