Die Lebenszeit der Zuhörer bereichern

Norbert Kober
Norbert Kober. Foto: Privat

Lebenslinien in Gottes Hand (72): Norbert Kober baut Brücken zu neuen Lebenshorizonten

''Mit der Lebenszeit der Zuhörer wertschätzend umgehen'' - das sei die größte Anforderung an einen Erzähler. So fasst es Norbert Julian Kober zusammen. Schließlich lassen sich weder Erzähler noch Zuhörer einfach mal wegklicken. Der Sprachkünstler aus Feuchtwangen weiß, wovon er spricht. Seit Jahren verdient er sein Brot als Erzähler. Längst greift er dabei über Franken oder gar über den deutschen Sprachraum hinaus.

Bei einem persönlichen Auftritt eines Erzählers in einem überschaubaren Rahmen entsteht eine Brücke zwischen ihm und den Publikum. Vielleicht nur so ätherisch fein wie ein Regenbogen. Er verschwindet, sobald sich das Licht ein wenig anders bricht. Aber er schafft nicht nur im Märchen eine Verbindung.

Sogar zwischen den Scherben einer zersplitterten Welt. Das Erscheinen dieses Sonntagsblattes erlebt Norbert Kober in Teheran. Dort ist er gerade Jury-Mitglied bei dem Erzählwettbewerb des internationalen Erzählfestivals Kanoonparvaresh im Iran. Denn im vergangenen Jahr war er ebenfalls bereits dort und kehrte mit zwei Preisen zurück. 

Zusammen mit seinem Übersetzer Mohammad Rafii erzählte er dort die Geschichte von einem kleinen Bären und seinem noch kleineren Boot. Rafii lebte 15 Jahre in Hamburg als Taxifahrer, bevor er als Sprachenlehrer in seine Heimat zurückkehrte. "Binnen zweier Stunden", so Norbert Kober, "hatten wir den Dreh raus." Der kleine Trick: Eine Erzählung ließe sich nicht Satz für Satz übersetzen, sondern "in sinngebenden Einheiten erzählen, um die Übersetzung fließender zu machen". Das ist manchmal nur ein Ausruf - oder auch mal mehrere Sätze.

Also: Der kleine Bär fährt so gerne mit seinem Boot auf den See hinaus. Er verbringt dort seine Tage. Doch dann wird das Boot krank - es schrumpft. Nein: Tatsächlich wächst der Bär. Wie kommt er nun an einen größeren Kahn? Und was geschieht mit seinem alten Boot?

20 Minuten lang hält Norbert Kober hier den Spannungsbogen. Die Zuhörer werden zu Teilnehmern. Die Gesten springen über, sie ergänzen die Szenen.

Einen weiten Horizont hält auch Kobers Leben: 1969 erblickte er in einem oststeirischen Dorf in Österreich - "so klein, dass bis heute noch kein Ortschild angebracht wurde" - das Licht der Welt. Das Studium sah ihn in Wien - im Fach Betriebswirtschaftslehre. Nebenher verdiente er sich sein Taschengeld bei Caféhausführungen für das Fremdenverkehrsbüro. Er ging mit den Touristen durch vier, fünf alte Caféhäuser, in denen die Literaten einst um 1900 gesessen und geschrieben hatten. "Die Leute mitnehmen", so dass sie "lächelnd weitergehen": Das sei ihm da wichtig geworden.

Über Brüssel, Eichstätt und Saarbrücken gelangte Norbert Kober nach München. Da hatte er sich schon längst grundlegend mit Medienpädagogik und den Erzählstrukturen beschäftigt. Wie lassen sich Jahrzehntelange Erfahrungen etwa bei einer Firmenübergabe vom Vater auf den Sohn oder auch nur bei der Pensionierung eines Mitarbeiters zum nächsten weitergeben? Das Wesentliche bleibe oft ungesagt - und ebenso unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Erzählungen transportierten es jedoch gehaltvoller weiter als das beste Schaubild.

Erfüllender waren für Norbert Kober aber bald die Münchner Erzähltage. 2006 organisierte er als Kurator den zweiten Zyklus dieses Ereignisses mit rund 150 Einzelveranstaltungen im Auftrag des Kulturreferates der Stadt München.

Getragen von diesem Schwung gründete Kober die Goldmund-Erzählakademie. Erzählen ist für ihn sowohl Kunst als auch Handwerk. Gerne webt er märchenhafte Stoffe weiter. Wie tragen sie voran? Der Spannungsbogen muss halten, das Thema sollte von "überzeitlicher Gültigkeit" sein, Wendungen dürfen gerne unerwartet kommen, die Charaktere sollten nicht zu trivial gestrickt sein.

Vier Jahre lang arbeitete sich ­Norbert Kober an dem Motiv der Doppelgänger-Erzählungen ab. Ihn trieb es um, dass sie immer wieder tragisch ausgehen. Weil niemand aus seinem Leben herausschlüpfen kann? Doch bleibt für Kober ein Funken Hoffnung: Wenn die Akteure ihr Leben tauschen, nehmen sie aus dem erweiterten Horizont auch etwas mit.

Vor wenigen Monaten verschlug es ihn nach Feuchtwangen. Ein 'märchenhaftes' Haus stand dort zum Kauf. Die fränkische Landschaft hat Kober schon länger fasziniert.

"Oft verbringe ich mehr Zeit zwischen den Büchern als vor dem Pub­likum." Warum er da seine Geschichten nicht für ein größeres Publikum aufschreibt? Direktes Erzählen liege ihm mehr. Längst ist vergessen, dass er als Kind einst stotterte.

Doch, ein Buch hält er in der Hand: Ein Lehr- und Lesebuch zum "Erzählen lernen". Dies ist für Kober ein Prozess in mehreren Schritten. "Zuerst soll der zukünftige Erzähler lernen, was gute Geschichten ausmacht, wie man einen Spannungsbogen verändert, wie man Handlungsträger so erzählt, dass jeder im Publikum sofort wissen will, wie er seine Abenteuer besteht. Dann gilt es, die Geschichte auf die 'Bühne' zu bringen. Das heißt, dass der Erzähler lernt, mit seinem Körper und mit seiner Sprache natürlich und selbstverständlich umzugehen. Und drittens lernt er eigene Gefühle und Bilder zu den Geschichten in Sprache umzusetzen. Die Geheimnisse, die in jeder auch noch so kleinen Geschichte stecken, wollen entdeckt und gelebt werden."

Erzählen ist wie Schreiben wohl Kunst und Handwerk zugleich. Es gibt Werkzeuge, um es jeweils zur Entfaltung zu bringen. Etwa "die emotionalen Inhalte von Geschichten auch im eigenen Erleben zu ankern und damit ein authentischer Erzähler zu werden."

Die Brücke des Regenbogens, auf der ein Funke überspringt, ist nicht immer da. Es braucht einen freien Kopf und innere Beteiligung, "ein brennendes Herz" wie die Bibel weiß. Sie kann aber umso besser auftauchen, wenn man ihr Raum gibt. Und ihr zutraut, dass sie trägt - eine Geschichte lang. Das ist genug.

Erzählkunst konnte auch in Predigten aufblitzen. So viele Kanzeln sind jeden Sonntag zu bespielen. Von ihnen ließen sich lauter kleine Regenbögen hinunter ins Kirchenschiff spannen. Zu jeder Form gehört ein eigener Werkzeugkasten. Doch können die Instrumente letzlich nur greifen, wenn ich ganz bei mir bin. Und gleichzeitig die eigenen Begrenzungen sprenge, mich auf die Regenbogenbrücke traue und innerlich auf die Adressaten zugehe.     

Mehr über den Erzählkünstler im Internet unter www.norbert-kober.de, www.goldmund-erzaehlakademie.de, Tel.: 0174/9149085

Norbert Kober: "Ja, natürlich! Ich erzähle frei."xlibri-Verlag 2015, ISBN 978-3-940190-87-1, 28,50 Euro; 392 Seiten.

Ders.: Lebensspuren. 64 Erzählkarten für Biografiearbeit, Gedächtnistraining und Erzählcafés, Don Bosco Verlag, 17,95 Euro.   

                      Susanne Borée

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