Vom Wundern und wandern

Maria Herrmann und Sandra Bils
Maria Herrmann und Sandra Bils von der ökumenischen Bewegung "Kirche2" mit Moderator Simon Laufer bei der Konferenz "W@nder" und der Frage, wie Kirche in Zukunft aussehen könnte. Foto: Fessmann

W@nder - eine Kirchen-Zukunftskonferenz

Wie sieht die Zukunft der Kirche aus? Seit etwa zehn Jahren stellen sich Haupt- und Ehrenamtliche aus der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers und dem Römisch-Katholischen Bistum Hildesheim diesen Fragen gemeinsam. Im Februar 2013 gab ein Kongress dieser ökumenischen Bewegung einen Namen: Kirche2.

Seitdem sind mit Pastorin Sandra Bils und Maria Herrmann zwei Theologinnen jeweils von Landeskirche und Bistum beauftragt, zusammen und gemeinsam mit einem vielseitig und wechselnd aufgestellten Team aus den beiden Großkirchen und darüber hinaus, zukünftige Perspektiven zu entdecken und entwickeln.

Auf der Suche nach zukünftigen Gestalten und Formen von Kirche begegnen ihnen immer wieder rote, grüne, blaue und gelbe Fragefäden, die Entwicklungsmomente der Kirche aufzeigen. Zum Beispiel wie sehen neue Gottesdienstformen aus, die auch für Kirchenferne eine Sprache finden? Wie entwickelt man kirchliche Innovationen? Oder auch: wie nimmt man achtsam und hoffnungsvoll Abschied von kirchlichen und gemeindlichen Strukturen, die nicht mehr funktionieren? Einer wiederkehrenden Fragestellung widmeten die Verantwortlichen der ökumenischen Bewegung Mitte Februar viel Zeit und Raum: Wer sind die Agentinnen und Agenten für einen Wandel in den Kirchen, wer trägt die Veränderungen, wer sorgt für Erneuerungen?

So trafen sich im Februar 120 Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfessionen und Bundesländer - auch aus Bayern - in der Eisfabrik in Hannover zu "W@nder". Es wurde für 24 Stunden ein Ort für Wanderer und Wundernde (welches in der Wortschöpfung W@nder vereint ist) in der Kirche. Menschen, die sich in der ein oder anderen Weise fremd in ihrer Kirche fühlen, die zwischen ihren Gemeinden und der eigenen Lebenswelt immer wieder hin und her wandern und nicht begreifen, warum dazwischen so viel Platz ist. Menschen, die das Gefühl haben, in Kirche und Gemeinde nicht hineinzupassen. Auch welche, die immer wieder sich und anderen mit unbequemen Fragen an Grenzen bringen und trotzdem den Glauben an Gott nicht loslassen können oder wollen.

Beteiligt waren aber auch Menschen in Verantwortung innerhalb kirchlicher Strukturen, die in diesem Fremdeln eine transformierende Kraft für die Kirche sehen: In dieser Fremde steckt eine missionarische Ahnung. Dahinter steht die Idee, dass es den ganz anderen, nämlich denjenigen außerhalb der Kirche, mit dem Fremdsein an den wunden Punkten der Kirche nämlich genauso gehen könnte. Und dass ihr, also der Kirche mit einem achtsamen Umgang mit dem Gefühl der Fremde als Fingerzeig für die Menschen außerhalb der Kirche ein Platz innerhalb geschaffen werden kann.

Unter dieser Perspektive begann die Konferenz mit dem Erzählen dreier Biografien: Die Autorin und Journalistin Hanna Buiting, die Kulturpädagogin, Psychodramatikerin und Organisationsentwicklerin Steffi Krapf und der Pfarrer Sebastian Baer-Henney eröffneten W@nder mit biografischen Notizen zum eigenen Wander- und Wundererleben. Sie zeigten persönlich und nahbar, gleichermaßen inspirierend und zerbrechlich auf, wie vielfältig sich das Phänomen der Fremde in der Kirche darstellt.

Die Frage nach dem Wandern und Wundern ist im Grunde keine neue. In einer besonders ausgeprägten Form findet man derzeit eine Beschäftigung damit in der Church of England - in der anglikanischen Gemeinschaft wieder. Dort bilden Jonny Baker und Susann Haehnel in Oxford Pionierinnen und Pioniere aus. Sie gründen die in Kontexten neue Gemeinden, in denen Menschen zunächst mit Kirche noch nie etwas zu tun hatten und so zum Glauben kommen. Im Englischen nennt der Theologe Jonny Baker das Phänomen der Fremde das "pioneer gift" - die Pionier Gabe. Es beschreibt das Gefühl, nicht in kirchliche Strukturen hineinzupassen und als Gabe bzw. Geschenk zu verstehen.

Sich deshalb als Pionierin oder Pionier auf neue Wege zu machen, ist eine ungewohnte, aber befreiend und gleichermaßen entlastende Perspektive. Denn bisher wird das Anecken oder gerade eben nicht Anpassen an bestehende Strukturen vielmehr als Defizit wahrgenommen. 

Mit der neuen Perspektive sorgen, laut Baker und Haehnel, Pionierinnen und Pioniere, und mit ihnen deren Ermöglicher in den kirchlichen Strukturen für regenerative, missionarische und zukunftsstiftende Prozesse in der Kirche. Zu den beiden Gästen aus England referierte mit Anna Brandes, eine Frau aus der Kreativwirtschaft in Hannover, die von einem vergleichbaren Erleben als Reisekauffrau in einem großen Unternehmen zu berichten wusste und damit gewissermaßen auch für Entlastung sorgte: Die Frage nach dem Hineinpassen stellt sich in jeder menschlichen Organisation und ist kein kirchliches Spezifikum. Warum sich auch nicht bei den Lösungsansätzen vielfältig inspirieren lassen?

Neben diesen verschiedenen Vorträgen und Vortragsformaten, lag bei W@nder allerdings der größte Schwerpunkt der Konferenz auf der Partizipation aller Teilnehmenden: Menschen miteinander auf Augenhöhe ins Gespräch bringen, sich wechselseitig inspirieren und gemeinsam reflektieren. Ohne Grenzen im Alter, in Milieus, in der Konfession oder Frömmigkeit, ohne Ansehen von Funktion und Auftrag. So gab es zwischen den einzelnen Programmpunkten ausgiebige zeitliche und räumliche Möglichkeiten für einen Austausch.

Dazu gab es am Anfang und Ende der Veranstaltung sogenannte "Seilschaften", die die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip miteinander ins Gespräch brachte. Anschließend fanden schließlich zwei sogenannte "Wanderrouten", statt, die durch spontan vorbereitete Workshops der Teilnehmenden gefüllt wurden. Von den Teilnehmenden und deren Feedback wird nun auch abhängen, wie es weitergeht mit dem Wandern und Wundern. Vielerlei Anfänge sind gemacht.   

                       Maria Herrmann

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