Leben und Sterben in Gott: Trost im Wandel

Feldpostkarte
Feldpostkarte. Archiv Heber/Christliches Jahrbuch

Lebenslinien in Gottes Hand (74): Können wir uns vergangenen Gefühlswelten nähern?

Reformationstag 1914. "Jeder lebt in Gott, jeder stirbt in Gott." Dieses Wort gibt der Feldgeistliche den Soldaten mit auf den Weg. Nach dieser "zu Herzen gehenden" Predigt beginnt für den Nürnberger Leonhard Heubeck und seine Kameraden seine erste Schlacht vor Ypern im Westen Belgiens. Der 24-Jährige beschreibt detailliert diese Stunden. Sein Kriegstagebuch gibt herausragende Einblicke in seine Gefühle: "Die Stimmung war äußerst ernst: nochmals ein kurzes Zurückdenken an die Lieben zu Hause und vorgegangen wurde mit der größten Kaltblütigkeit und Gleichgültigkeit mit festem Gottvertrauen." Das erscheint schon seltsam distanziert. Umso mehr dann die folgenden Sätze, als beim ersten Sturm schon der Zugführer fiel: "Dies erweckte wohl für den Moment Mitleid, doch um so roher ging's nun weiter drauf los."

Es ist wie ein erster Fingerzeig: Kurz darauf erwischte es Heubeck selbst. "Ich hatte im Lauf des Tages schon mal einen Moment, in welchem ich bald den Mut verloren hatte und hat mich nur mein Gottvertrauen auf bessere Gedanken gebracht." Halt: Stunden über Stunden lag er bewegungsunfähig, aber bei klarem Bewusstsein mitten im Kampf. Menschliche Gefühle haben keineswegs kulturen- und epochenübergreifend Bestand. Über Generationen hinweg erscheinen sie kaum noch verständlich. Sie haben keine Überreste hinterlassen: keine Tonscherben oder Splitter. Haben dieselben Wörter noch gleiche Inhalte?

Heubeck füllt sein "Gottvertrauen" nicht inhaltlich. "Die getreue Seele aber führe hinaus in Dein ewiges Licht, wo alles Schattenwerk aufhöret, wo keine Finsterniß seyn wird." Dieser Satz liegt rund 200 Jahre vor Heubeck. Der Pietist Nikolaus Ludwig von Zinzendorf formulierte ihn im frühen 18. Jahrhundert.

Aus der pietistischen Tradition stammt die "Erfindung" des Tagebuchs. Die ursprünglichen Ziele: Die Selbsterforschung der Seele. Ihre Reinigung und Läuterung gerade im Angesicht des Todes. Die Vergänglichkeit und eigenes Lebensschicksal werden mit der Passion Christi in Verbindung gesetzt. Ostern 1770: "Laß mich doch nicht so lange bey deynem grab stehen, sonder zeige dich mir das du lebest", so der Schweizer Kleinbauer und Deserteur Ulrich Bräker in seinem Tagebuch.

Leonard Heubeck machte so viel später eine ganze Passion durch: "Eine große Angst überkam mich nun, verwundet in Gefangenschaft zu geraten." Die Gefahr, tödlich getroffen zu werden, war viel unmittelbarer: "Meine Feldflasche, die neben mir gelegen hat, wurde von 2 Kugeln getroffen." Zumindest lag noch ein zweiter Schwerverwundeter in seiner Nähe. "Wir glaubten nicht, daß wir mit unserem Leben noch davonkämen und fassten fast den Gedanken uns selbst zu erschießen." Dies hat Heubeck bezeichnenderweise in die Reinschrift seines Kriegstagebuches nicht übernommen, nur: "Ich überließ mich nun meinem Schicksal."

Immer wieder scheint er sich selbst von seinen Gefühlen zu distanzieren. Plötzlich aber brechen sie durch: "Verlassen lag ich da", schreibt er. Dann doch einmal "Todesangst überkam mich." Das sind bei ihm immer wieder "Momente".

März 2017: "Augenblick mal!" So lautet der Titel des neuen Fastenkalenders "7 Wochen ohne". Gegen die Hektik unserer Zeit sollen wir innehalten und nicht sofort unseren Impulsen nachgeben. Früchte reifen lassen. Innehalten. Den Augenblick auskosten. Mehr denn je geht es um die Gestaltung unseres Diesseits.

Montag, 6. März 2017: Hier findet sich im Fastenkalender ein Bericht, wie Eltern nach einer "stillen Geburt" den einzigen Tag mit ihrem Baby begehen - bis man ihm "mehr und mehr ansieht", dass es nicht auf diese Welt gelangt ist. "Ein Foto nach dem anderen" - kein Seelsorger tritt auf, kein Blick über den Rand des "endgültig" hinaus, kein Gebet.

Heubeck dagegen: "In diesen Momenten, da lernt jeder wieder das Beten." Dann wieder gibt es für ihn "schon mal einen Moment, in welchem ich bald den Mut verloren hatte und hat mich nur mein Gottvertrauen auf bessere Gedanken gebracht." Es folgen wieder ganze Absätze, in denen er sich gleichsam von außen zu beobachten scheint. Ist es eine Art Abspaltung vom eigenen Körper - um das Leid auf Distanz zu halten? Es geht aber darüber hinaus.

Denn er hat das genaue Gegenteil eines "guten Todes" vor Augen: Wie ein solcher zu erfolgen hat, ist um 1900 genau definiert: Idealerweise erfolgte das Sterben im vertrauten Kreis, nachdem vorher alles gewissenhaft geordnet war. Dazu kam: Der Sterbende hatte dem Tod gelassen und gefasst gegenüber zu treten.

Das versucht auch Leonhard Heubeck. Doch immer wieder bricht durch die Schale der Konventionen seine Verlassenheit hindurch. Ebenfalls springt die Spannung zwischen der rührenden Feldpredigt und seiner Distanzierung zum eigenen Leid ins Auge. So weit es Heubeck erinnert, sprach der Geistliche vom Kaiser, von Pflicht und Mut und eben dass "jeder in Gott stirbt" - auch allein. Über diese Grenze schaut er nicht hinaus - auch Heubeck nicht.

"Protestantisch fühlen lernen" so titelt Monique Scheer. Gefühle müssen immer darauf hinterfragt werden, ob sie einerseits 'tief' genug gehen, andererseits den Normen entsprechen. Diese Erziehung zur Gefühlskontrolle präge die Selbst- und Weltwahrnehmung. Die Gehirnforschung unterscheidet zwischen Grundaffekten und kulturell gelernten Empfindungen. Die genaue Grenze ist umstritten. Ist die Unterscheidung überhaupt sinnvoll? Die Angst Leonhard Heubecks scheint uns ganz nahe zu sein - auch wenn sich heute wohl noch nicht viele in einer vergleichbar extremen Situation befanden. Seine Gefasstheit weniger - obwohl sie ihm offenbar mehr Trost zu geben vermochte.

Erst nach diesem 1. November 1914 konnte Leonhard Heubeck geborgen werden. Er überlebte. Der Krieg war nach diesem einen Tag für ihn vorbei. Bis Mitte 1915 blieb er im Lazarett. Noch Jahre später ging er am Stock. Erst im März 1930 konnten weitere Knochensplitter entfernt werden. Heubeck starb im Mai 1939. Die Knochensplitter hat er zuvor archiviert, so dass sie bis heute erhalten sind. "Und ich muß hier sagen, daß ich in diesen Stunden unserem Herrgott wieder ganz nahe gekommen bin. Ein ganz besonderer Stern muß über mir gewaltet haben."

Welchen Trost gibt es heute?

- Die Aufzeichnungen Heubecks finden sich in dem Aufsatz von Andreas Jakob: Wer, wohin, wie viele? Soldaten aus der Region Nürnberg im Ersten Weltkrieg (S. 129-164). In: Der Sprung ins Dunkle, Ausstellungskatalog, Die Region Nürnberg und der Erste Weltkrieg, Hg.: Steven Zahlaus, 2014.

- Peter Dinzelbacher (Hg.): Europ. Mentalitätsgeschichte, Stuttgart 2008.

- Ute Frevert: Vergängliche Gefühle, Göttingen 2016.

- Isabel Richter: Der phantasierte Tod. Bilder und Vorstellungen vom Lebensende im 19. Jh., Frankfurt/M. 2010.

                      Susanne Borée

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 19. November 2017:

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