Sehnsucht nach Weisheit

Brücke
Foto: Bek-Baier

Da antworteten ihm einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern und sprachen: Meister, wir wollen ein Zeichen von dir sehen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen, und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden außer dem Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein. Und siehe, hier ist mehr als Jona. Die Königin vom Süden wird auftreten beim Gericht; denn sie kam vom Ende der Erde, Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

                      (Aus Mt 12, 38-42)

Eigentlich ist er erklärter Atheist. Er ist auch nicht religiös aufgewachsen - der Ingenieur. Bei einer Reise in die USA hat ihn ein Bekannter zum Treffen einer kleinen christlichen Gruppierung mitgenommen. Man bat ihn, eine sterbenskranke Einwanderin in einer entlegenen Gegend zu besuchen. Die Frau war in jungen Jahren aus Deutschland gekommen und hatte den Wunsch, vor ihrem Tod noch einmal einen Landsmann zu treffen und ihre Muttersprache zu sprechen. Die Fahrt zu ihr erforderte mehrere Stunden! Trotzdem konnte der Ingenieur nicht nein sagen - und machte die Frau damit glücklich. Den Atheisten beschäftigt seither das Engagement der Christen. Es folgt nicht dem weltlichen Kalkül von Kosten und Nutzen.

Jetzt, Jahrzehnte später und in einer schwierigen Lebenssituation, taucht der Ingenieur trotz seines erklärten Unglaubens in einer Veranstaltung der kirchlichen Erwachsenenbildung auf. Er will nicht oberflächlich unterhalten werden. Bei Luthers Theologie hört der atheistische Ingenieur interessiert zu und diskutiert gelegentlich mit. In den Diskussionen liegt ihm fern, die Gläubigen zu kritisieren. Allerdings kommt ihm auch nicht in den Sinn, christlich zu werden. Ihn bewegt eine eigenartige Sehnsucht nach Weisheit.

Mit dem Interesse an einer Weisheit, die religiöse Fragen mit einschließt, ist der Mann nicht allein. Viele Menschen suchen in unserer Zeit nach Orientierung. Ob es bei ihrer Sehnsucht nach Weisheit um Luthers "Kreuzestheologie" geht oder um religiöse Grundlagentexte - eines erfahren die Suchenden immer wieder: Einen einfachen Weg gibt es nicht. Es braucht die langfristige Beschäftigung, die intensive Auseinandersetzung. Einfache Information und bloße Neugier sind zu wenig. "Schmerz ist der Vater und Liebe die Mutter der Weisheit"; so hat es der große, aus dem Judentum stammende Weise Ludwig Börne festgestellt.

So kann der Prediger der Liebe und Schmerzensmann Jesus auch für ein säkulares Publikum eine ­zentrale Orientierungsfigur sein. Er ist "mehr als Salomo". Ein gewaltiger Anspruch! Jesu Weisheit hat aber mehr als die Salomos mit Schmerz und Liebe zu tun. Er wechselt die Perspektive: Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und die Ersten werden die Letzten sein.

Der Apostel Paulus hat beobachtet, dass das Leiden Jesu in der Welt meist als Torheit gilt. Es folgt keinem Kosten-Nutzen-Kalkül. Aber die Welt mit ihrer Weisheit ist auch noch nicht an ein Ziel gelangt. Sie sehnt sich nach einer größeren Weisheit, nach "mehr als Salomo". Das Falscheste, was wir als Christen tun können, wäre, die Passion Christi schamhaft vor der Welt zu verschweigen. Im Gegenteil: Die höhere, göttliche Weisheit von Schmerz und Liebe zu bekennen, ist gerade unsere Aufgabe.         

                  Gereon Vogel-Sedlmayr, Pfarrer in Baldham bei München

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