Lassen sich Erinnerungen beeinflussen?

Ägyptische Porträts

Ramses II. verewigte sich monumental und blieb im Gedächtnis als Pharao des Exodus

Er war der Sohn von Fremden. Doch nichts stand seiner Karriere im Wege: So ist es vom Wesir Neferrenpet im Ägypten des 13. vorschristlichen Jahrhunderts überliefert. Auch wenn seine semitischen Eltern aus den Steppen östlich des Nils stammten, war er der ägyptischen Sprache und - wichtiger noch - der Schrift mächtig. Sein Grabmal erzählt stolz von dieser Lebensleistung. Die Karlsruher Ausstellung im badischen Landesmuseum über Pharao Ramses II. die bis zum 18. Juni geht, zeigt es.

Ein ehemaliger Sklave stieg zum obersten Verwalter auf. Er sieht eine Hungersnot voraus und hat praktikable Vorschläge, um sie zu verhindern. Der Ex-Sklave wird nun zum Obersten in Ägypten. Der Pharao "nannte ihn Zafenat-Paneach und gab ihm zur Frau Asenat, die Tochter Potiferas, des Priesters zu On" (Genesis 41,45). Er hat eine neue Identität bekommen und ist religiös bestens integriert. Dann kommen seine Brüder und deren Familien nach. Sie vermehren sich eifrig zu einem großen Volk.

Immer wieder finden sich ägyptische Hinweise von durchziehenden Beduinen aus dem Sinai (rechtes Bild), die es gerade in Dürrezeiten an den Nil trieb. Sogar Josefs "bunter Rock" spiegelt sich da.

Rund 400 Jahre später führte Mose aus Ägypten ins Gelobte Land. Der Exodus soll unter dem großen Pharao Ramses II. geschehen sein. Die Israeliten führten wohl noch die Überreste Josefs und seiner Söhne mit sich. Der 'ewige Pharao' Ramses, dem die Ausstellung in Karlsruhe gewidmet ist, regierte 66 Jahre, 1279 bis 1213 vor Christus. Er führte sein Land noch einmal zu einer Blüte. Daher hat ihn ein kleines Nomadenvolk wohl mit seinem Gründungsmythos verknüpft.

Die Exodus-Geschichte erwähnt zwar nicht den Namen des Pharaos, vor dem Mose mit seinem Volk floh. Es findet sich dort nur der Hinweis, dass die Israeliten Fronarbeit in den Städten Ramses und Pithom errichteten. Immer noch wühlen sich die Ausgräber durch Pi-Ramesse, das 'Haus' dieses Pharaos. Die Metropole haben Computer in Karlsruhe dreidimensional zum Leben erweckt. 

Bei Ramses geriet alles monumental. Seine riesenhaften Statuen, die sein Abbild tausendfach im Land repräsentierten und bis in alle Ewigkeit bewahren sollten, wogen auch gern mal tausend Tonnen. Die Karlsruher Ausstellung vermittelt einen Eindruck davon: Im Eingangsbereich dominieren die monumentalen Steinbilder des Pharao. Dann öffnet sich die Schau zu Einblicken in die Lebens- und Vorstellungswelten von Menschen vor mehr als 3.200 Jahren.

Die Riesen-Baustelle war ein Schmelztiegel. Doch die Pharaonen rühmen sich, die Sprache von Kriegsgefangenen "ausgelöscht" zu haben. Andere ausländische Fachleute und Händler kamen freiwillig. Immer wieder finden Ausgräber Hinweise auf eine Mischkultur am Nil, die zwar den ägyptischen Gott Seth verehrte, aber auch den kanaanitischen Baal.

Was war zwischen der Josefgeschichte und dem Exodus - die traditionell auf die Mitte des 17. und die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert werden - in Ägypten geschehen? Um 1650 vor Christus überrannten die Hyksos Ägypten. Diese "Herrschaft der Fremdländer", so ihr Name übersetzt, hielt sich ein gutes Jahrhundert. Von ihrem König Apphis heißt es, dass er "keinem anderen Gott diente außer Seth." 

Ein Jahrhundert vor Ramses II. regierte Pharao Echnaton Ägypten. Nicht mehr die traditionellen Götter Ägyptens, sondern allein die göttliche Sonnenscheibe Aton sollte Verehrung erfahren. Eine Staatskrise war die Folge. Erst der Vater Ramses II. überwand die Unruhen.

Es gibt frappierende Ähnlichkeiten zwischen dem Sonnengesang des Echnaton und Psalm 104 sowie der zweiten Schöpfungsgeschichte der Genesis. Waren da religiöse Flüchtlinge unterwegs? Oder ein Hinweis auf  spätere Verbindungslinien?

Obwohl Ramses die alten Götterkulte wieder herstellte, entwickelten sich nun Formen persönlicher Frömmigkeit. Nun erst konnten die Menschen die Götter auch direkt um Hilfe bei Krankheiten und Unheil bitten - ohne den Pharao oder einen Priester.

Ramses II. war ein Meister der Öffentlichkeitsarbeit. Was dem Pharao nicht gefiel, verschwiegen seine Schreiber oder deuteten es um. Im Norden hatten sich die Hethiter zu einem mächtigen Großreich entwickelt. Das Tauziehen zwischen ihnen und Ägypten gipfelte in der Schlacht von Kadesch. Obwohl sie nur mühsam unentschieden ausging, ließ Ramses II. seinen Triumph meterhoch an Tempelwänden verkünden.

Ein Auszug einer ganzen Volksgruppe hätte Ramses II. sicher nicht gefallen. Dennoch soll ein ganzer Beduinenstamm und ihr Anführer Moses eine Massenflucht Richtung Nordosten erzwungen haben. Aus Dankbarkeit sollen die Israeliten nun ihrem Gott treu und seinen bald folgenden Geboten gehorsam sein.

Auf ägyptischer Seite hat diese Flucht und der Untergang eines ganzen Heeresteils von mindestens 600 Elite-Streitwagen (Exodus 14,6) keine Spuren hinterlassen. Auch der Pharao ist offenbar bei dieser Verfolgung in der Exodusgeschichte mit dabei. Es wird dort aber nicht ausdrücklich gesagt, dass er mit unterging. Wie denn auch? Er starb mit 99 Jahren. Seine Mumie hat die Zeiten überdauert.

In wie weit sich hinter dem Text der biblischen Exodusgeschichte ein historischer Kern verbirgt - darüber streiten die Archäologen, Theologen und Historiker trefflich. Sicher ist die Exodus-Geschichte wohl erst Jahrhunderte nach dem behaupteten Ereignis in ihrer heutigen Form komponiert worden. Manche ihrer historischen Details in Ägypten weisen auch eher auf eine Zeit nach dem Jahr 1000 vor Christus hin. Andererseits spiegelt sie zentrale Erinnerungen des Volkes Israel wieder.

Die Frage ist wohl eher: Wie viele Menschen machen "ein ganzes Volk" aus? Die Bibel ist da eindeutig: "600.000 Mann zu Fuß ohne die Frauen und die Kinder" (Exodus 12,37). Die Zahl korrespondiert auffällig mit den Streitwagen, die ihnen nachsetzten. Wahrscheinlicher waren es nicht so viele Menschen wie in manchem Bibel-Monumentalfilm.

Immer wieder gab es ägyptische Feldzüge Richtung Nordosten. Diese Regionen waren zeitweise ägyptisch besetzt. Da hätte sich der Pharao Flüchtlinge wiedergeholt. Nur kurz nach dem Tod Ramses erwähnt eine Siegesstele Israel als eine besiegte Bevölkerungsgruppe. In Jerusalem regierten wohl auch länger Häuptlinge von Gnaden des Pharaos.

Ramses als Pharao des Exodus blieb weit dauerhafter im Gedächtnis der Welt als seine monumentalen Statuen und riesigen Städte, die bald der Wüstensand verwehte. Ob und in welchem Umfang der Exodus unter Ramses II. stattfand, bleibt in der Diskussion. Fest steht: Selbst dieser mächtige Pharao konnte nicht selbst bestimmen, was von ihm bleiben sollte. Nur von Neferrenpet blieb genau das, was er der Nachwelt mitteilen wollte.

                      Susanne Borée


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