Eigene Lebensgeschichte nicht sterben lassen

Andreas Mäckler
Andreas Mäckler. Foto: privat

Lebenslinien in Gottes Hand (75): Andreas Mäckler schreibt private Biographien

Wen interessiert das schon? Die Lebensgeschichte der Eltern oder die Hochzeit der Großeltern? Im Normalfall: Höchstens die Kinder oder die Enkel. Über den engsten familiären Rahmen wohl kaum jemand. Denn nur den wenigsten Menschen ist es vergönnt, etwas ganz Besonderes zu erleben oder zu schaffen.

Und dennoch "sprudeln die Menschen über", wenn man ihnen zuhört. Andreas Mäckler konnte da umfassende Erfahrungen sammeln. Er gestaltet Privatbiografien. In den vergangenen sieben Jahren hat  er 16 private Auftragsbiographien geschrieben. "Jetzt wissen sie viel mehr über mich als meine Kinder", hörte Andreas Mäckler schon einmal von einem Menschen, dessen Leben er aufzeichnete. Ursprünglich veröffentlichte er Krimis. Doch immer mehr wurde ihm klar: Lebende Menschen interessieren ihn viel mehr als Tote - wie dramatisch sie auch sterben.

Zunehmende Sprachlosigkeit auch innerhalb von Familien verbreitet sich immer mehr. Längst schon ist es nicht mehr selbstverständlich, dass Eltern und Großeltern den Kindern vor dem Einschlafen oder an einem verregneten Sonntag die Familiengeschichte erzählen oder Szenen, die sie prägten. "Viele Menschen verfassen ihre Lebensgeschichte, um den Kindern überhaupt zu zeigen, wer ihr Papa oder ihre Mama war."

Schließlich soll die Erinnerung nicht so einfach vergehen. Immer mehr Privatleute wollen nicht nur ihre materiellen Werte vererben, sondern die Erinnerung weitergeben. Es soll nicht einfach so vergehen. Leonhard Heubeck archivierte da die Knochensplitter seiner Kriegsverletzung sorgfältig. Noch bis zum Ende des letzten Jahrtausends tippten ältere Semester mühsam Memoiren mit mehreren Durchschlägen auf der Schreibmaschine.

Inzwischen sollen sie allein schon vom äußeren Erscheinungsbild ansprechender gestaltet sein. Viele Menschen versuchen also mit sehr viel Mühe ihre Privatbiografie am Computer zu gestalten. Im Selbstverlag lassen sich auch kleinste Auflagen eines Buches zu erschwinglichen Preisen drucken. Oder sie engagieren gleich den Autor ihres Lebens.

Mäckler studierte einst in Marburg Kunstgeschichte. Seine erste Veröffentlichung erschien vor genau 30 Jahren im Selbstverlag. Es waren gezeichnete Kalender mit heiteren Motiven und kleinen Gedichten. Nach der Promotion beschäftigte er sich intensiv mit den neuen multimedialen Möglichkeiten. Mittlerweile lebt er in der Region München.

Daneben faszinieren Mäckler auch Lebensbeschreibungen von Künstlern. Die Bandbiograpie der Münchner Rockgruppe Spider Murphy Gang ist gerade in der Endproduktion. Zu ihrem 40-jährigen Bandjubiläum soll das Buch noch in diesem Jahr erscheinen. Aber als "Ghostwriter", als dienstbarer Geist von Prominenten aufzutreten, kann auch mühsam werden. Es ist oft weniger lukrativ und angenehm, als man glauben könnte. Dennoch bietet es "häufig ein interessanteres Umfeld" und die "Spannung eines Glückspiels", bei dem der Autor manchmal das große Los ziehen und zu Ruhm und Geld kommen kann", so Mäckler.

Zum 125. Geburtstag seines Großvaters Justus Geiß, der am 19. März 1882 das Licht der Welt erblickte, begab sich Andreas Mäckler auf Spurensuche und publizierte dessen Lebenserinnerungen. Der Sparkassenverwalter verwirklichte trotz aller Widerstände einen Lebenstraum: Dies Petronella-Quelle in Bergzabern erbohren zu lassen und den Ort zu einem Kurzentrum zu entwickeln. Seiner achtjährigen Tochter schenkt Mäckler jedes Jahr einen eigenen Fotoband. "Das entwickelt ihr Selbst-Bewusstsein."

Bei privaten Auftragsbiographien kalkuliert der Autor die Arbeitszeit.  Er führt mehrere Gespräche mit den Menschen, die ihre Biographie verwirklichen wollen. Aus einer Stunde  aufgezeichneter Gesprächszeit ergeben sich dann bis zu zehn Manuskriptseiten - wenn die Menschen bei ihren Erzählungen nicht zu sehr auf Nebenwege geraten. Seine Aufnahmen bringt Mäckler in Buchform. Er versucht, die Sprache der Erzähler zu übernehmen. Oft ist es aber notwendig, den Stil und den Satzbau bei der Übersetzung von der gesprochenen in die geschriebene Sprache zu glätten. Nach der ersten Runde bespricht er das Zwischen- und schließlich das Endergebnis mit den Auftraggebern. Für ein Lebensbuch mit rund 150 Seiten sind rund 200 bis 250 Arbeitsstunden nicht zu viel.

Neben dem Absender der Lebenserinnerungen und dem Medium, in dem sie aufbereitet sind, benötigen diese private Lebens-Werke auch Leser, die sie erreichen wollen. Meist erscheinen sie dann in einer Auflage von fünf bis zehn Exemplaren für den engsten Familienkreis. "Ich bin froh, wenn das Werk nur für die eigene Familie gedacht ist", so Mäckler. Denn höhere Auflagen eines ganz normalen Lebens sind oft wenig gefragt. Zu viel Vergleichbares ist auf dem Markt.
Daneben gibt es Menschen, die Traumata oder Verlusterfahrungen aufarbeiten wollen. Solche "Problembiographien" gehen öfter mal an die Grenzen einer psychologischen Beratung. Doch die Autoren sollten da genau ihre Grenzen kennen.

Andreas Mäckler ist da aber nicht allein. Einen "besonderen Schwerpunkt meiner Arbeit bildet seit 2004 die Biographiearbeit mit der Gründung des Biographiezentrums". Momentan rund 50 Mitglieder des gemeinnützigen Vereins bieten Hilfen bei privaten Biographien an. Kolleginnen von Andreas Mäckler arbeiten schwerpunktmäßig zu "Abschiedsgeschichten" oder heben "Glaubensschätze".

Für Menschen, die lieber selbst schreiben wollen, hat Andreas Mäckler seit gut sieben Jahren "Biographiekurse" konzipiert. Er versendet regelmäßig Biographiebriefe an die Interessenten. Es gibt die Wahl zwischen einem kleinen und einem großen Biographiekurs sowie thematisch ausgerichteten Einheiten zur "Heilenden Biographie", einem "Glückskurs" oder zur "Heldenreise". Mythische Figuren wie "der Krieger", "die Suchende" oder "der Tänzer" repräsentieren Facetten der eigenen Person mit exemplarischen Herausforderungen und Stationen der inneren Lebensreise zwischen Aufbruch, Herausforderungen und Rückkehr.

Doch heißt es nicht oft: "Am besten ist es in langweiligen Zeiten und Orten zu leben." Kein Krieg, keine Flucht, keine Katastrophen. Das Leben sucht sich einen Rahmen, an dem es sich anpasst. Natürlich verläuft es dann zehntausendfach ähnlich. Innere Herausforderungen der eigenen Entwicklung bleiben. Aber liegt das tiefere Interesse mancher Biographie auch darin begründet, den Szenen des eigenen Lebens einen roten Faden zu geben? Daran zeigt sich, dass spirituelle Sinndeutung längst nicht mehr selbstverständlich, aber durchaus ein weit verbreitetes Bedürfnis ist.

Mehr über Andreas Mäckler und seine Projekte im Internet unter
www.maeckler.com
www.meine-biographie.com oder
www.biographiezentrum.de
und telefonisch unter 08191/3319725.

                      Susanne Borée

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