Zurück ins Licht

Kerstin
Kerstin hat ein neues Leben begonnen und bildet sich weiter. Foto: Boueke

Lebenslinien in Gottes Hand (77): Notfallseelsorge und Opferschutz für Kerstin

Die schlanke, durchtrainierte Frau ist mit ihrem Fahrrad unterwegs. Vor der Kirche wartet sie auf den Beginn des Gottesdienstes. Sie hat eine Vorliebe für sportliche Kleidung in dezenten Farben. Im Sonnenschein des Sonntagmorgens macht sie den Eindruck, als habe sie ihr Leben im Griff. Doch das täuscht. "Hier auf dem Kirchplatz erscheint mir alles sehr hell und sehr licht," sagt sie, während sie ihr Fahrrad abschließt. "Ich merke, dass mir der Gedanke an den Gottesdienst Freude macht und dass ich einmal nicht diesen Geist neben mir herlaufen habe, dieses Unsichtbare, das droht, mich zu ertränken."

Die Frau mit kurz geschnittenen Haaren ist Mitte vierzig. Sie lässt ihren Blick über den Platz schweifen, immer aufmerksam, was um sie herum geschieht. "Mein Name ist Kerstin. Ich tue mich sehr schwer damit, meinen Nachnamen zu sagen. Im Rahmen einer Traumatherapie lerne ich langsam, mich mit meiner Geschichte zu identifizieren. Nach und nach erkenne ich, dass es nie zu spät ist, neu zu beginnen, und dass es viele Menschen gibt, die helfen."

Vor dem Kirchenportal wird Kerstin per Handschlag von dem Pastor begrüßt. Herrmann Rottmann erklärt: "Seit fast zwanzig Jahren bin ich Teil des Netzwerkes Opferschutzhilfe und der Beauftragte für Notfallseelsorge." Vier Monate sind vergangen, seit Kerstin alle Kontakte zu ihrem früheren Leben abgebrochen hat. Sie bemüht sich, die schmerzlichen Erinnerungen an ihre Beziehung mit einem gewalttätigen Mann, der sie immer wieder gedemütigt hat, zu überwinden: "Er hat mir alles genommen. Ich hatte tatsächlich niemanden mehr, der zu mir stand. Aber das braucht man."

Als Opferschutzbeauftragter spricht Hermann Rottmann öfter mit Frauen, die Ähnliches erlebt haben: "Die Opfer sind meist völlig unvorbereitet, wenn sie in eine solche Situation rutschen. Sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Ich erlebe immer wieder, dass das nicht allein gelingen kann. Dazu braucht man Hilfe, Beistand und professionelle Begleitung." Kerstins Augen strahlen. Sie murmelt: "Ich hatte schon gedacht, dass ich den Zugang zum Glauben verloren habe. Aber das scheint nicht der Fall zu sein."

Nachdem ein Verbrechen aufgeklärt wurde, richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit meist auf die Täter. Über sie berichten die Medien, um sie dreht sich das Gerichtsverfahren, von ihnen wird gesprochen. Und die Opfer? Wie wird ihnen ein Weg geebnet, zurück in ein sorgenfreies Leben und zu einer vertrauensvollen Beziehung zu Gott? Pastor Hermann Rottmann ist der Meinung, Kirche und Gesellschaft müssten mehr leisten: "Die Opfer sind über lange Zeit zu kurz gekommen. Wir müssen sie mehr in den Mittelpunkt unserer Hilfsangebote rücken. Die Täter sicherlich auch, das will ich gar nicht in Abrede stellen, aber wir haben einen Nachholbedarf was die Opfer angeht."

Kerstin schaudert, wenn sie sich an die erlebte Gewalt erinnert. "Er hat mich extrem geschlagen. Mein Hals hat geknackt." Kerstin hat Hilfe gesucht und sie gefunden. So ist es ihr gelungen, sich aus der Beziehung zu lösen: "Ich hatte das ungeheure Glück, dass ich einige ganz wichtige Personen gefunden habe, die sich wie ein Kreis um mich geschlossen haben. Dazu gehört auch die Polizei und das Gericht. Die haben mir geglaubt. Ohne diese Unterstützung hätte ich keine Chance gehabt, aus diesem Morast, aus dieser totalen Kontrolle herauszukommen."

Hermann Rottmann ist ein kräftiger, großer Mann. Es gelingt ihm, seine fröhliche Haltung auch dann zu bewahren, wenn er sich den Grauen des Lebens zuwendet. Er hat Erfahrung im Umgang mit Verbrechensopfern, als Telefonseelsorger, als Seminarleiter und in vielen persönlichen Gesprächen. "Das Erste ist, den Menschen Sicherheit zu geben", sagt er. "Manchmal ist es auch gut, mit ihnen zu beten. Es geht ums Zuhören, die ganzen Klagen, die Verzweiflung. Das braucht Zeit."

Lange fühlte sich Kerstin fern von Gott. Erst seit sie wieder alleine lebt, ahnt sie, welche Kraft noch in ihrem Glauben steckt: "Hermann Rottmann gibt mir das Gefühl, dass da noch jemand ist, der in besonderer Weise Zugang zu Menschen wie mir hat. Andere, die solches Leid nicht kennen, die verstehen es einfach nicht. Sie wissen nicht, wie es ist, in diesem Meer der Einsamkeit zu versinken."

Auch Kerstins Leidensweg begann schon in der frühesten Kindheit: "Ich bin die Erstgeborene. Eigentlich wollte mein Vater unbedingt einen Jungen. Deshalb hat er weggeschaut, als ich schwer missbraucht wurde, über einen sehr langen Zeitraum, von einem Verwandten. Dieser Cousin war für meinen Vater wie ein Sohn. Man fühlt sich so lebensunwürdig."

Für einige Erwachsene bleibt das alte Muster bestehen: Derjenige, der mir wehtut, ist zugleich auch die Person, die für mich sorgt. So hat es auch Kerstin erlebt. Der Mann, der sie immer wieder geschlagen hat, war polizeilich als Gewalttäter bekannt. Ihre Eltern hätten einschreiten und ihr helfen können, denn sie haben die Gewalt selbst erlebt, erzählt Kerstin: "Er hat meinen Vater ins Schlafzimmer gezerrt und gedroht, ihm den Kopf abzuschlagen. Meine Mutter hat einen Schlag an die Schläfe abbekommen, mit der Gartenhacke. Immer wieder schrie er, er würde seine Freunde rufen und meine Eltern umbringen. Ich selbst hatte überhaupt keine Möglichkeit mehr, mit irgendjemand zu sprechen. Er hat mich nie allein gelassen." Nach diesem letzten Besuch kamen Kerstins Eltern nicht mehr zurück. Sie halfen ihrer Tochter nicht, erstatteten keine Anzeige. Diesen erneuten Verrat kommentiert Kerstin lakonisch: Sie habe es nicht anders erwartet.

Auf Grund ihrer Erfahrung in der Traumaambulanz hält die Psychiaterin Koch Stöcker religiöse Menschen für besser gewappnet, solche Traumata zu überwinden: "Ihnen fällt es leichter, das Geschehene als Krise zu verstehen und sich neue Ziele zu setzen. Der Glaube gibt ihnen Orientierung." Für Kerstin wird es noch lange Zeit dauern, bevor ihre psychischen Wunden verheilt sind. Sie hat gerade erst begonnen, sich in einem eigenständigen Alltag ohne Bedrohung zurecht zu finden. Aber sie erlebt doch immer öfter Momente, in denen sie hoffnungsfroh in die Zukunft blickt: "Das ist wie eine Wiedergeburt. Als würde ich nochmal auf die Welt kommen und nochmal ganz neu anfangen. Zum Beispiel das Fahrradfahren. Das ist für mich jeden Tag ein Stückchen Freiheit."

Das Gefühl, Opfer zu sein, ist auch ein Ausdruck einer Krise des Glaubens: des Glaubens an die eigenen Fähigkeiten und des Glaubens an Gott. Erst seit Kerstin wieder lernt, selbst über ihr Leben zu bestimmen, fasst sie neues Vertrauen: Vertrauen in andere Menschen und Vertrauen in Gott. "Ich habe erlebt, dass mir geholfen wird, und ich weiß jetzt, dass es für mich nie zu spät ist, mein Glück zu suchen."

                      Andreas Boueke

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 25. Juni 2017:

- Lebensmotto und Lieblingsgericht im Luther-Jahr: Zeiler Gemeindemitglieder geben besonderes Buch heraus

- Wie sich historische Ereignisse bei Freilandtheatern in Szene setzen lassen

- Der lange Schatten der Vergangenheit in Rothenburg: Erinnerung und Geschichtspolitik

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo