Leben hinter dem Vorhang

Gabriele Brunsch
Gabriele Brunsch in ihrem Atelier. Dort entwickelten sie die Figuren ihres Papiertheaters und haucht ihnen Leben für die Bühne ein. Foto: Wollschläger

Lebenslinien in Gottes Hand (76): Die Poesie des Lebens

Vorsichtig streicht Gabriele Brunsch über den kleinen ausgeschnitten Fuchs, der vor ihr liegt. Gestern hat sie ihn entworfen - heute soll er Farbe für ein neues Bühnenstück bekommen. Links hinter ihrem Arbeitstisch steht die Probebühne. Ganz klein wirkt sie in dem großen, lichtdurchfluteten Atelier der Papiertheaterspielerin Brunsch.

Verschiedene Einschubmöglichkeiten für ihre Figuren verleihen dem Spiel die nötige Tiefe. "Ich weiß, wie das Publikum das Stück sehen wird. Ich kann es vor meinem inneren Auge sehen. Schon wenn ich die Figuren zeichne, habe ich das im Kopf!"
Ihr Weg war ein weiter, bis sie in ihrem gemütlichen Arbeitszimmer in großer Ruhe und innerlicher Gelassenheit ihre Figuren zeichnen konnte.

Da war ihre Mutter, die ihr die Liebe zur Literatur schon in sehr jungen Jahren nahegebracht hatte. Sie war Erzieherin und mit zwei ihr anvertrauten Kindern 1945 in einer dramatischen Aktion aus Oberschlesien über Dresden nach Esslingen geflohen.  Im Zug lernte die Mutter einen Österreicher kennen. Ihn besuchte sie nach dem Krieg in Kärnten und blieb. Der junge Goldschmied hatte ihr Herz im Sturm erobert. Sie heirateten und Gabriele kam im armen Nachkriegskärnten auf die Welt. Die Bilder, wie ihre Mutter ihr Märchen und unzählige Gedichte in jeder Lebenslage vortrug, hat sie immer noch in ihrem Herzen und profitiert bis heute davon.

Ein leichtes Leben für die Mutter aus Deutschland war es nicht. Sie war "Ausländerin". Und sie blieb es Zeit ihres Lebens. Denn als die Familie Jahre später nach Deutschland umzog, war sie durch ihre Heirat Österreicherin und konnte die deut- sche Staatsbürgerschaft nicht mehr erwerben. Auf der Suche nach Ar- beit landete die Familie in Gelsenkirchen. Damit das Kind Gabriele nicht unter dem Umzug zu leiden hätte - und weil sie ein sehr zartes Kind war - wurde sie für einige Monate zur Kindererholung nach England geschickt. Sogar die Königin hatte sie damals gesehen - ohne jedoch zu wissen, was "Queen" bedeutete, das alle Leute um sie herum enthusiastisch riefen.

Diese Reise und die vielen Kindheitserlebnisse machten sie zum Exoten unter den Kindern. Zu unfassbar waren die Geschichten, die sie zu erzählen wusste. In Gelsenkirchen wohnten sie in einem winzigen Dachkämmerchen. Kärnten war zwar arm, aber hier hatten sie in einem ehemaligen Kloster gewohnt, in dem der Vater als Hausmeister arbeitete.

Jetzt war Gabrieles Bett eine Matratze, die abends unter den Tisch gelegt wurde. Die Folgen des Krieges waren in der Stadt überall zu sehen: In der Straße, in der sie wohnte, stand nur jedes zweite Haus. Die Luft war stickig durch die Kohle- und Stahlverarbeitung. "Wenn man einen Pudding zum Abkühlen auf das Fensterbrett nach außen stellte, war er nach einer Stunde schwarz."  Zum Ausgleich schickte die Mutter die Neunjährige zum Ballett. Dort durfte sie bei einer Märchenproduktion des Stadttheaters einen Zwerg bei Schneewittchen spielen.

"Da habe ich das erste Mal gemerkt,  dass ich nie Schauspielerin - wohl aber Regisseurin werden wollte!" -  "Der Regisseur hatte hin und wieder seine liebe Not mit mir!", erzählt sie lächelnd.

Einige weitere Umzüge später mit vielen Schulwechseln, Mobbing­attacken und unnachgiebigen Lehrern, fanden sie nach Jahren der Wanderschaft Heimat in Kitzingen. Hier lernte sie ihren späteren Mann kennen, der sie faszinierte. Er hatte ein fotografisches Gedächtnis und konnte sich Gedichte, Geschichten und Fremdsprachen im Nu aneignen. Vier Kinder bekamen die beiden. Doch Faszination ist nicht gleichbedeutend mit Liebe. Die Ehe wurde  geschieden.

Nebenbei wurde die junge Mutter Fachlehrerin für Englisch an einer Mittelschule in Kitzingen. Aber das Künstlerische, von Mutter und Vater gefördert und in ihr schlummernd, wollte heraus. Sie fing an, sich ihren Traum vom Theater zu erfüllen.
Sie schrieb die Stücke selbst, die in ihrem Schülertheater aufgeführt wurden. Für Marktbreit, Obernbreit und Kitzingen schrieb und inszenierte sie mit Laienspielern einige abendfüllende Theaterstücke, mit großem Erfolg.

Bis sie das Papiertheater für sich entdeckte. Im "Fernsehen des Bildungsbürgertums des 19. Jahrhunderts" kann sie alles selber machen: Stücke entwickeln und inszenieren, Bühnenbilder und Figuren entwerfen, Stimmen suchen, die sie bei der Herstellung des Hörspiels unterstützen und mit befreundeten Musikern die Untermalung planen und um- setzen. Das alles mit viel Liebe zum Detail und bis aufs Letzte durchdacht und ausgeführt. Auf ihrer kleinen Bühne kann man sich von ihrer warmen und kraftvollen Erzählstimme in den Bann ziehen lassen. Alles, was sie in ihrem Leben bisher erlebt hat - an Schönem  und Schrecklichem - findet hier seinen Ausdruck.

Bei Gabriele Brunsch, die nichts dem Zufall überlässt, ist jeder ihrer Lebensschritte auf der Bühne umgesetzte Poesie geworden.

Das Papiertheater Kitzingen - "Ein Ort der Magie" - ist in der Grabkirchgasse 4 in Kitzingen zu finden. Telefonische Reservierung unter 09332/8692​.

                      Inge Wollschläger

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