Mit Haut und Haar

Haarbild
Totengedenkbild mit nachgebildeten Trauerweiden aus dem 19. Jh. Foto: © Museum für Sepulkralkultur Kassel

Lebenslinien in Gottes Hand (78): Lässt sich nachempfinden, wie unsere Uromas trauerten?

Ein Kreuzanhänger, eine fein ziselierte Brosche. Wenig wertvoll und nicht weiter erwähnenswert - wenn sie nicht aus einem ungewöhnlichen Material bestünden: menschlichem Haar, das an die Toten erinnern sollte. Es erfüllt uns heute vielfach mit schauriger Faszination - doch vor 150 oder 200 Jahren war dies ganz normal. Finger- und Ohrringe, Armbänder und Kreuzesanhänger, Broschen aus so genannten "Haarblumen" und geflochtene Haarkränze um Erinnerungsfotos gab es zuhauf.

Noch heute heben wir manchmal eine Haarlocke zum Gedenken an einen geliebten Menschen oder als Erinnerung an das erste Haar der Kinder auf. Freunde oder auch Liebende gaben sich bei der Trennung eine Haarlocke. Haare und Nägel werden bei Lebenden geschnitten wie totes Material und wachsen oft noch nach dem Tod ihres "Besitzers" weiter.

Haarschmuck fand vor allem in England, Skandinavien, den USA, Norddeutschland und Holland Verbreitung - also überwiegend protestantischen Gebieten. Im katholischen Raum gab es eher Sterbebildchen bei der Seelenmesse und der Beerdigung - als Erinnerung an den Verstorbenen und als Mahnung, für das Heil der Toten zu beten.

Die filigranen Kunstwerke entstanden jedoch aus Haaren, das Lebenden abgeschnitten wurde. Oft stammte es allerdings wohl nicht direkt vom Kopf der Personen, die die Angehörigen in liebender Erinnerung behalten wollten - auch wenn es idealerweise so sein sollte. Ihr Haar zu verkaufen war auch eine praktikable Einnahmequelle für Arme. Daraus stellten auch professionelle Flechterinnen dann die fragilen Kunstwerke her. Ihre größte Verbreitung fanden sie im 19. Jahrhundert. Ihre Anfänge weisen nur bis in 18. Jahrhundert zurück. Spätestens um 1930 geriet diese Form des Totengedenkens aus der Mode.

Noch einmal griffen die Nationalsozialisten darauf zurück, als sie Haare, Zahngold oder Talg ihrer Opfer in den Konzentrationslagern industriell verarbeiteten. Es war die Perversion von Trauerformen, die damals schon überholt waren - zur zusätzlichen Demütigung der Opfer, anstatt an sie etwa zu erinnern. Vielleicht erfüllen uns die Haar-Andenken verblichener Generationen auch deshalb so mit Grauen.

Können wir noch heute - sogar über das "3. Reich" hinweg - nachempfinden, wie Menschen vor einem guten Jahrhundert trauerten? Wie sie sich schämten oder hassten? Gefühlsgeschichte hat kaum greifbare Überreste hinterlassen. Gleiche Vokabeln lassen sich inhaltlich unterschiedlich füllen. Gefühle sind keineswegs kultur- und epochenübergreifend gleich. Empfanden überhaupt alle Menschen "damals" ähnlich? Schließlich waren sie geprägt durch die Ideale des gebildeten protestantischen Bürgertums.  

Die Trauer "früher" scheint uns heute viel intensiver zu sein - quasi "mit Haut und Haar". Unsere Ahnen - und besonders unsere Urgroßmütter - trugen ausdauernd Trauerkleidung. Noch im Zweiten Weltkrieg wurde von der 20-jährigen Soldatenwitwe gerade auf dem Land erwartet, ihr Leben lang Trauer zu tragen. Da war es aber schon vielfach zur äußeren Form verkommen. Andererseits beklagen gerade Seelsorger heute, dass von Trauernden oft zu schnell verlangt würde, wieder zur "Normalität" zurückzukehren. Ritualisierte Formen wie Trauerkleidung über genau definierte Zeiträume können da bei der Trauerarbeit helfen.

"Das Weib soll sich nicht selber angehören, es lebt nur durch Andere, in Anderen, für Andere." So Caroline Milde, die bereits 1872 den Bestseller "Der deutschen Jungfrau Wesen und Wirken" verfasste. Bis ins 20. Jahrhundert hinein erlebte er 14 Auflagen. Die intensive Trauer um nahe Angehörige gehörte wohl gerade zu den "Aufgaben" der Frauen.

Auch ansonsten erscheinen sie uns damals als viel weniger belastbar: Frauen fielen vor wenigen Generationen reihenweise in Ohnmacht, sobald nur dieses unsagbare Wort "Hose" fiel. Sicher sind Atemnot und Kreislaufschwäche auch mitbedingt durch eine Kleidung, die die inneren Organe extrem einengte. Sobald noch etwas Aufregung oder Scham hinzukam, kollabierte der Körper. Dies empfinden wir heute als hysterisch. Andere Emotionen hingegen waren für die anständige bürgerliche Frau etwa um 1890 tabu - in jeder Lebenslage: Dazu gehörten Neid und Eifersucht, Neugier oder Wissbegierde. Da wiederum erscheinen sie uns seltsam erstarrt zu sein. Aber auch normgerechte Gefühle können "echt" und tief sein.

Rückzug in die Innerlichkeit gepaart mit Selbstdisziplin und äußerster Zurückhaltung war gerade für das Bürgertum prägend. Nur durch vorbehaltlose Liebe zu Gott und bei vorbildhaftem Handeln kann der Gläubige Gnade erlangen. Die Historikerin Monique Scheer definiert es als "protestantisches Gefühl". Das war sicher ein sehr verweltlichter Luther, aber dies Gefühl bestimmte das Leben von Generationen. Nach 1815 - nach Umwälzungen, Hunger und jahrzehntelangen Kriegen - geriet es zur Leitkultur darüber hinaus.

Im Umbruch zum 20. Jahrhundert entdeckte Siegmund Freud, wie schädlich verdrängte Gefühle sind: Wie unterirdische Quellen drängen sie ständig an die Oberfläche. Es käme zur Explosion, wenn sie dauerhaft verschüttet sind. Haben die Frauen "damals" alle unter ihrer Selbstaufgabe gelitten? Vielleicht besonders in Umbruchzeiten - in denen sie bereits anders empfanden, als von ihnen erwartet wurde. Oder auch andersherum: Sie konnten durchaus noch emotional in einer Zeit vor 1918, 1945 oder 1968 leben - während dies ringsherum schon als altmodisch und unecht belächelt war.

Dieser kleine Streifzug zeigt aber auch, wie selbst Formen der Trauer vergänglich sein können. Wichtig ist, in wie weit sie den Lebenden bei der Bewältigung des Unfassbaren helfen können. Es ist längst nicht gesagt, dass unsere Formen der Trauerkultur "besser" sind als andere. Sie können durchaus erstarren, dann aber auch wieder auferstehen.

 

                       Susanne Borée

- Ute Frevert: Vergängliche Gefühle, Göttingen 2016.
- Isabel Richter: Der phantasierte Tod. Bilder und Vorstellungen vom Lebensende im 19. Jh., Frankfurt/M. 2010.
- Johanna Romberg: Großmutter, warum warst du so traurig? In: Geo 1/2015, Seiten 136-143.

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