Aufbrechen, was einengt

Brücke
Foto: Bek-Baier

Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

                      (aus Markus 14, 3-9)

''Wie schnell sind die Leute doch dabei, jemanden in die Schranken zu weisen. "So geht das nicht!'' Bloß keine Verschwendung und ja nichts wagen! Alles in Maßen, exakt, ohne Ausnahme nach den massenhaften, unüberschaubaren kirchlichen Vorschriften. So kenne ich meine Kirche und wünsche mir doch seit über 40 Jahren, dass sie sich mehr an Jesus selbst ausrichtet. Damals habe ich meine erste Predigt gehalten - als frommer Gymnasiast, ohne kirchliche Zulassung zum Predigen, doch von Herzen, und die Kirche war gefüllt mit jungen Menschen. Auch noch heute, abgeschliffen in Jahrzehnten kirchlicher Normalität, kann ich nichts anderes als damals verkündigen: Es ist unser Auftrag als Christen, Jesus verschwenderisch zu verehren.

Nur er selbst mit Haut und Haar kann es doch sein, um den sich unsere ganzen kirchlichen Aktivitäten drehen. Die tiefe Liebe zu Jesus ist der Schlüssel zu einer Kirche, die fröhlich, mit Herz und glaubwürdig die Menschenfreundlichkeit Gottes ausstrahlt. Da werden keine Frauen gedemütigt. Da dürfen Tränen der Rührung fließen. Da dürfen sich Frauen und Männer näher kommen als es angemessen erscheint. Da wird (fast) alles möglich gemacht!

Ich liebe in der Bibel immer mehr das Handgreifliche, das Anschauliche, das Erdverhaftete, mehr als das intellektuell Anspruchsvolle, was ja auf seine Weise auch schön ist. Aber Gott hat den Menschen aus Lehm geformt und ihm einen attraktiven Körper mit Fleisch und Blut gegeben. Im Abendmahl knüpfen wir daran an und empfangen unter dem Nahrhaften und Wohlschmeckenden das Leben. Und die Ewigkeit, die uns Jesus durch sein Sterben eröffnet, ist nicht nur unbeschreiblich, im Himmel fließt ein Fluss, aus dem man trinken kann, da gibt es eine goldene Stadt, es wachsen Obstbäume, deren Blätter den Schaden der Völker heilen.

In dieser Salbungsgeschichte leuch­tet etwas von dem Himmel auf, in dem es schmeckt und klingt und riecht und fühlt. Und weil der Mensch schon im Paradies als Mann und als Frau geschaffen ist, mag es auf himmlische Weise erst recht die entsprechende Spannung geben. Jesus hat die spürbare Ehrung durch die Liebe dieser Frau jedenfalls gerne angenommen und ihr zugebilligt, das Wesentliche erkannt und getan zu haben.

Ich bin Jesus unendlich dankbar, dass er diese Frau nicht zurückgewiesen hat. Wo kämen wir hin, wenn in der Kirche die naive Liebe zum menschgewordenen Gott keinen Platz mehr hätte!             

                 Pfarrer Manfred Staude, München

Gebet:

Vater, es blüht und duftet in Deiner Welt. Wenn sich Menschen etwas Liebes tun, bist Du freudig mit dabei. Schenk auch uns Empfindsamkeit, selbst im Anstößigen das Echte zu erkennen und lass uns mutig aufbrechen, was Deine frohe Botschaft einengt. Amen.

Lied 403:

Schönster Herr Jesu

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