Editorial: Dass Spuren nicht verwehen ...

Susanne Borée
Susanne Borée

Ihre Gesichter liegen im Schatten.  Was lässt sich über Justas Jurgensen sagen oder über Heinrich Berendts? Diese Seelsorger versorgten über lange Jahre hinweg die evangelisch-lutherische Gemeinde in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Knapp 5.000 kmöstlich von Deutschland liegt sie. Eine ganz andere Welt. Und dennoch hängen im Gotteshaus verschnörkelte Sinnsprüche in deutscher Sprache neben Blumenbildchen: "Gott ist unsere Zuversicht und unsere Stärke." Oder:  "Des Hauses Krohn ist Frömmigkeit, des Hauses Glück Zufriedenheit" (genau so geschrieben).

Der erste Pastor Justas Jurgensen hat sie wohl bereits gelesen. Er  starb noch friedvoll 1932 vor dem stalinistischen Terror. Seine Nachfolger Heinrich und Hedwig Berendts starben elend bei der Zwangsarbeit. Alle, die danach noch die Gottesdienste fortzusetzen versuchten, wurden ebenfalls verhaftet. Ihre Spuren verwehen. In dieser Passionswoche sei an sie erinnert.

Seit 1991 ist Usbekistan wie alle zentralasiatische Republiken der einstigen Sowjetunion unabhängig. Noch immer engagiert sich eine Tochtergesellschaft der russischen Gazprom neben China bei der Förderung der bedeutenden Erdgasvorkommen Usbekistans. Landwirtschaftlich ist das Land gerade vom Anbau der Baumwolle geprägt - Wasser wird dazu in diesem Wüstenland massiv verbraucht. Das "weiße Gold" geht meist nach  Russland, China oder Bangladesch.
Bis 2013 haben größtenteils Schulkinder ab der ersten Klasse die Baumwollernte im Herbst eingeholt. Nach internationalem Druck etwa durch die Weltbank wurde dies wohl deutlich reduziert - doch nun werden gerade Ärzte, Lehrer und andere Staatsbeamte dafür zwangsverpflichtet. Keine gute Zeit, um krank zu werden, von Schulbildung ganz zu schweigen.

Usbekistan erscheint heute immerhin als ein Land im Umbruch. Das Land scheint sich nach dem Tod des Präsidenten Islam Karimow, der das Land seit 1991 bis zu seinem Tod 2016 führte, zu öffnen. Sein langjähriger Premierminister Shavkat Mirziyoyev folgte ihm nach. Doch hinter den Kulissen sieht man auch Ungleichzeitigkeiten und Absurditäten ins Gesicht. Fast scheinen die Anekdoten von Nasreddin Hodscha, des usbekischen Eulenspiegels, und Gafur Guloms "Schelm" wieder zum Leben zu erwachen.

Susanne Borée

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