''Unsere Kirche ist für alle offen''

Evangelisch-Lutherischen Kirche in der usbekischen Hauptstadt Taschkent
Evangelisch-Lutherischen Kirche in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Foto: Borée

Evangelische Gemeinde in der usbekischen Hauptstadt Taschkent will überleben

''Heute waren 46 Besucher im Gottesdienst.'' Spürbar stolz und erleichtert nennt Ludmila Schmidt diese Zahl. Und das bei insgesamt 145 Gemeindemitgliedern. Die Lektorin und Predigerin leitet die evangelisch-lutherische Kirche in der usbekischen Hauptstadt Taschkent geistlich. Ihr Ehemann Viktor führt den Gemeindevorsitz. Dieses Land in Zentralasien zwischen Kasachstan und Afghanistan gehörte bis 1991 zur Sowjetunion. Seitdem ist es unabhängig - und zu 90 Prozent muslimisch geprägt. Der Staat versteht sich als säkular. Er will gerade islamische Bewegungen im Land kontrollieren. Noch reicht die Anzahl der Mitglieder aus, damit  die evangelische Gemeinde staatlicherseits registriert sein kann. Die Zahl der Mindestmitglieder einer Gemeinde liege bei 105.

Damit gehören die Protestanten zu den kleineren christlichen Gemeinschaften. Neben Taschkent gibt es noch eine weitere Gemeinde im Osten des Landes. Die Rentnerin Schmidt erhielt ihre Ausbildung bei theologischen Fernkursen in Novosaratovka bei St. Petersburg.

"Nach jahrelangem Stillstand passiert wieder etwas in Taschkent", berichtet Bischof Alfred Eichholz. Der Theologe aus Kurhessen-Waldeck leitet die evangelische Kirche im Nachbarland Kirgisistan. Darüber hinaus betreut er auch Lutheraner in Usbekistan und Tadschikistan. Ende 2016 konfirmierte er in Taschkent vier neue Gemeindeglieder. Inzwischen gibt es in der Gemeinde wieder eine Jugendgruppe, eine kleine Kindergruppe sowie einen Kirchenchor. Über die gesamte Millionenstadt hinweg sind die Gemeindemitglieder verstreut - und darüber hinaus. Noch aus einer Entfernung von gut 25 Kilometern reisen Gottesdienstbesucher an, erklärt Schmidt. Übertritte auch von Seiten der Muslime seien grundsätzlich erlaubt. "Natürlich ist jedem selbst überlassen, in wie weit er es bekannt machen will."

Der neugotische Kirchenbau von 1896 ist das einzige historische protestantische Gotteshaus in Zentralasien. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts annektierte Russland die Region. Zur Gemeinde gehörten vor allem Kaufleute, Offiziere und Beamte im Dienste des Zaren mit deutschen oder baltischen Wurzeln. Von 1892 bis 1932 leitete Pastor Justas Jurgensen aus dem heutigen Lettland die Gemeinde. Schon bald nach der Oktoberrevolution von 1917 gab es spürbare Einschränkungen für die Gemeinde. Jurgensens Witwe musste noch die Verbannung erleben. Sie konnte erst nach 1953 nach Deutschland ausreisen.

Jurgensens Nachfolger Heinrich Berendts war nicht nur Theologe, sondern auch Jurist. Das half ihm nichts. 1937 verurteilten die sowjetischen Behörden ihn und seine Frau Hedwig zur Zwangsarbeit. Sie überlebten nicht. Erst 1964 wurden beide posthum rehabilitiert. Die Gemeinde zerfiel. Wer sich zu ihr bekannte, wurde ermordet oder verschleppt.

Die Kirche diente nun zeitweilig als Lagerstätte und Hunderevier. Später war sie Sitz des Taschkenter Konservatoriums. Während des heftigen Erdbebens in Taschkent 1966 war die Kirche stark beschädigt. Zunächst war geplant sie gänzlich abzureißen, berichtet Ludmila Schmidt. Dann wandelten Regierungsstellen das Gebäude in ein Konservatorium für klassische Musik um und retteten es so.
Nach 1955 verschlug es viele deutschstämmige ehemalige Deportierte aus Sibirien nach Zentralasien. Besonders nach dem Erdbeben von 1966 in Taschkent waren Fachkräfte gesucht, die die Stadt wieder aufbauten. Ende der 1980er Jahre betrug die Zahl der Lutheraner in Usbekistan angeblich bis zu 80.000. Nach dem Ende der Sowjetzeit erhielt die Gemeinde 1993 das Gotteshaus zurück. Doch sie konnte nur notdürftig saniert werden. Bald danach begann die massenhafte Ausreise nach Deutschland.

Bis Mitte 2015 leitete Bischof Kornelius Wiebe die schnell schrumpfenden evangelischen Gemeinden in Usbekistan. Seit seinem Tod schaut Alfred Eichholz auf sie. Die Gottesdienste hält Ludmila Schmidt auf Russisch. Trotz ihres Nachnamens spricht sie kein Deutsch. Ein Übersetzer ist für das Gespräch nötig. "Nur noch die ganz alten Omas sprechen bei uns Deutsch." Die Gottesdienste würden aber in die alte Heimatsprache übersetzt.  Es gibt noch alte Wandbilder auf Deutsch. Die Gesangbücher sind zweisprachig.

Allerdings spräche sie auch kein Usbekisch, gibt Ludmila Schmidt zu. Diese Landessprache ist eher mit Türkisch verwandt als mit slawischen Sprachen. Sie wird inzwischen mit lateinischen Buchstaben geschrieben. Doch obwohl das autoritär geführte Land auch die allermeisten Menschen russischer Herkunft nach 1991 verlassen haben, käme sie in der Hauptstadt mit ihrer Muttersprache ohne Probleme durch.

Der Großvater Ludmila Schmidts sei in Basel geboren. Er hätte aber bereits in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg lange in Deutschland gelebt und sei als Soldat in der Sowjetunion gelandet. Schließlich verschlug es ihn nach Taschkent. "Zweimal wurde unser Ausreiseantrag nach Deutschland abgelehnt", bedauert die Predigerin. Für deutsche Behörden gilt offenbar die Schweizer Herkunft mehr.
Also hat sich Ludmila Schmidt in Taschkent arrangiert und kümmert sich um die Gemeinde. "Das Kirchendach muss dringend erneuert werden, denn es ist undicht. Stahlträger sind verrostet und Dachbalken verrotten. Die Gesamtkosten sind mit 20.000 Euro veranschlagt", so das Gustav-Adolf-Werk, das sich um evangelische Minderheiten kümmert. Die Gemeinde hat darum gebeten, dass es die Hälfte dieser Kosten übernimmt. Das Werk engagiert sich 2017 gerade in Zentralasien.

Ökumenisch arbeitet die Taschkenter Gemeinde mit allen Minderheitenkirchen gut zusammen. "Die Kirche ist immer offen." Es gäbe ökumenische Gottesdienste. Besonders eng sei die Zusammenarbeit mit der katholischen Gemeinde, die nicht weit entfernt liegt, so Schmidt. Viele Gemeindemitglieder leben in gemischt christlichen Familien. "Wenn einer zu uns kommt, werden alle akzeptiert."   

                          Susanne Borée

Weitere Quelle neben Informationen des Gustav-Adolf-Werkes und dem Gespräch mit Ludmila Schmidt: Bachtjer Chassanow und Alischer Sabirow (Hg.): Zeugen der stalinistischen Repressionen in Taschkent, vom Gedenkmuseum für die Opfer der Repressionen mit Unterstützung des dt.  Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, online unter https://www.dvv-international.de/fileadmin/files/reisefuehrer-stalinismus-zas.pdf. Darin: Rinat Schigabdinow über die Ev. Kirche in Taschkent, S. 61-65.

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