Über Konfessionsgrenzen hinweg

Elisabeth Gnauck-Kühne
Elisabeth Gnauck-Kühne. Foto: KDFB Bundesverband e. V.

Lebenslinien in Gottes Hand (79): Elisabeth Gnauck-Kühne verstarb vor hundert Jahren

Wohltätigkeit war ihr zu wenig. Nachfolge Christi bedeutete für Elisabeth Kühne, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Von einem betont christlichen Standpunkt verband sie die Frauenfrage mit der sozialen Frage. Berührungsängste waren ihr fremd. Dabei entstammte sie iener Zeit, die für Frauen enge Grenzen forderte. Sie wurde am 2. Januar 1850 in Vechelde im Herzogtum Braunschweig als drittes und jüngstes Kind ihrer Eltern geboren. Nach der Ausbildung zur Lehrerin gründete sie in ihrem Heimatort Blankenburg im Harz eine Mädchenschule für "Töchter höherer Stände", die sie bis zu ihrer Heirat 1888 leitete.

Die Ehe mit dem Nervenarzt Rudolf Gnauck endete tragisch. Das Zusammenleben muss eine Katastrophe gewesen sein, denn die junge Frau reichte bereits nach vier Monaten Ehe die Scheidung ein.Nach der Trennung konnte Elisabeth Gnauck-Kühne nicht mehr als Schulleiterin arbeiten. Die damaligen gesellschaftlichen Konventionen ächteten geschiedene Frauen. Sie zog nach Berlin mit dem Wunsch zu studieren. Das war für damalige Verhältnisse aussichtslos, denn Frauen durften keine Universität besuchen.

Mehrere Eingaben des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, Frauen zum Studium zuzulassen, lehnte der Reichstag ab. Dies bedeutete  für Elisabeth Gnauck-Kühne den Anstoß dazu, sich der Frauenfrage zuzuwenden. Sie veröffentlichte 1891 ihre Streitschrift "Das Universitätsstudium der Frau" mit der Forderung: Um unabhängig zu sein, müssten Frauen studieren können.

Durch ihre Veröffentlichung wurde der Berliner Nationalökonom Gustav Schmoller auf die junge Frau aufmerksam. Er erteilte ihr zuerst Privatunterricht. Schließlich erhielt sie 1895 die ministerielle Sondergenehmigung, als erste Frau offiziell an seinen Seminaren teilnehmen zu können.

Während ihres Studiums entdeckte Elisabeth Gnauck-Kühne ein weiteres gesellschaftliches Problemfeld: Die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Fabrikarbeiterinnen, die für sie als Frau aus dem Bürgertum eine unbekannte Welt waren. Um die Lebensverhältnisse von Arbeiterinnen hautnah mitzuerleben, nahm sie im Jahr 1894 die Arbeit in einer Berliner Kartonagenfabrik auf. Das erinnert an Simone Weil, die gleichfalls das Leben und die Arbeit der einfachen Menschen teilen wollte.

Die Frauenfrage ihrer bürgerlichen Klasse führte sie zur Frauenfrage der Arbeiterklasse. Seit 1894 leitete sie als überzeugte Christin die von ihr gegründete evangelisch-soziale Frauengruppe in Berlin. Sie engagierte sich in der evangelischen Frauenbewegung.  Großes Aufsehen erregte Elisabeth Gnauck-Kühne 1895 mit einer Rede auf dem 6. Evangelisch-Sozialen Kongress in Erfurt. Dort forderte sie das Recht der Frauen auf Arbeit, Bildung und Selbstorganisation ein. Sie nahm Kontakt auf mit Vertreterinnen aus der Sozialdemokratie, zu Gewerkschaftlern und Frauen aus der sozialistischen Frauenbewegung. Und sie begann einen Briefwechsel mit Clara Zetkin, der Interessenvertreterin proletarischer Frauen.  

Ihr vielseitiges Engagement führte zu gesundheitlichen Problemen. In dieser als Lebenskrise empfundenen Zeit, in der sie wiederholt über die Heimatlosigkeit ihres Lebens klagte, kam sie mit dem Katholizismus näher in Berührung. Wie Simone Weil fand sie auf ihrer Suche nach spiritueller Tiefe und Geborgenheit zum Katholizismus. Für viele überraschend konvertierte sie 1900 beim Redemptoristenpater Augustin Rösler zum Katholizismus.

Die Konversion der bekannten Publizistin und Frauenrechtlerin geriet in protestantischen Kreisen zum öffentlichen Skandal. Gerade die Hochschätzung der Ehelosigkeit im Katholizismus war für die Frauenrechtlerin als geschiedene, alleinstehende Frau ein Grund für die Konversion, neben dem katholischen Autoritätsprinzip, das Verlässlichkeit und Geborgenheit bot.

Alsbald folgte eine Ernüchterung ihrer hohen Erwartungen an die Kirche, obwohl sie bis zum Tode eine treue Katholikin blieb. Ihre Positionen zur Emanzipation der Frau und ihr Engagement für die Arbeiterschaft ernteten starken Widerspruch in katholischen Kreisen.

Als selbstbewusste Frau ließ sie sich aber nicht entmutigen. Die Frauenfrage und soziale Themen blieben in ihren Schriften und Vorträgen weiterhin ihr zentrales Lebensthema. Elisabeth Gnauck-Kühne knüpfte ab 1903 enge Kontakte mit den Gründerinnen des Katholischen Frauenbundes (KFB, später: KDFB). Er setzte sich dafür ein, die Lebensbedingungen von Frauen zu verbessern und die Frauenfrage in Kirche und Gesellschaft zu thematisieren.

1904 veröffentlichte die "erste deutsche Sozialpolitikerin", wie Helene Weber sie nannte, ihr Hauptwerk: "Die deutsche Frau um die Jahrhundertwende", in dem sie die Lebensverhältnisse von Frauen untersuchte. Elisabeth Gnauck-Kühne sah in Mutterschaft und Ehe durchaus die Lebenserfüllung von Frauen, wie sie im Vorwort schrieb. Doch da Mutterschaft und Ehe statistisch nur einen kurzen Lebensabschnitt von Frauen ausmachen würde, forderte sie, dass es für Frauen auch möglich sein sollte, eine befriedigende Berufstätigkeit auszuüben. Sie sah die weibliche Berufstätigkeit grundsätzlich positiv, ohne sie aber als Voraussetzung für die Frauenemanzipation anzusehen. Die Frauenrechtlerin plädierte sogar für eine Art "Drei-Phasen-Modell" mit Erwerbsleben vor und nach einer Mütterzeit. Durch einen Beruf sollte Frauen auch eine Lebensalternative zur Ehe geboten werden. Dafür forderte sie eine gute Berufsausbildung für Mädchen.

Elisabeth Gnauck-Kühne blieb als Katholikin in Kontakt mit der evangelischen Frauenbewegung, was in einer Zeit scharfer Konfessionsgegensätze und Abgrenzung ungewöhnlich war. In ihrer Arbeit verband sie die evangelische mit ihrer neuen katholischen Welt und kann somit auch als Pionierin der Ökumene angesehen werden.

Am 12. April 1917 starb Elisabeth Gnauck-Kühne an den Folgen einer Erkältung, die sie sich auf einer ihrer Vortragsreisen zugezogen hatte. Sie war eine leidenschaftlich kämpfende und vielseitige Frau:  Sozialwissenschaftlerin, Frauenrechtlerin, Begründerin der evangelischen und katholischen Frauenbewegung  und nicht zuletzt Christin und Konvertitin. Mit ihrem vielfältigen Engagement trug sie wesentlich dazu bei, Ideen und Ziele der Frauenbewegung und soziale Fragen in beide Kirchen und die Gesellschaft zu tragen.

                           Alfred Sobel

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