Neues Leben nach Bürgerkrieg und Gewalt

Pater Jens Petzold
Pater Jens Petzold berichtete über seine Erfahrungen und die Arbeit im Nordirak. Foto: Meißner

Lebenslinien in Gottes Hand (80): Jens Petzold stößt Versöhnungsprojekte im Nordirak an

Fast täglich gibt es Meldungen über Vorgänge im Irak. Meistens sind es Nachrichten, die erschrecken. Obwohl es "weit weg" ist, macht das Geschehen in der Region Kurdistan vielen Menschen Angst, auch bei uns in Deutschland. Immer werfen die Meldungen Fragen auf. Wie leben die Menschen in der Region, über die uns Nachrichten von Krieg und Terror, Vertreibung und Flucht erreichen? Wie kann man sich informieren? Wie kann man denen helfen, die in Not sind und Hilfe benötigen?

Von derartigen Fragen getrieben, waren wohl viele Zuhörer, die sich zu einem Vortrag des Paters Jens Petzold zusammenfanden. Pater Jens Petzold von der Klösterlichen Gemeinschaft Al-Khalil in der nordirakischen Stadt Sulaymaniyah  berichtete von der interreligiösen Verständigung und der Flüchtlingsarbeit.

Pater Petzold lebt seit 2011 im Norden des Irak und hat dort in Sulaymaniyah, in der autonomen Region Kurdistan, das Marienkloster Mariyam al-Adhra gegründet. Er ist in Deutschland geboren und in der Schweiz aufgewachsen, "in einer atheistischen Familie", wie er selbst sagte. 1994 sei er im Kloster Mar Musa, "mitten in der syrischen Wüste hängengeblieben". Zwei Jahre später habe er dort seine Taufe empfangen und von da an sein Leben dem Glauben gewidmet. Nachdem er ab 2002 über acht Jahre an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom studiert hatte, wurde er 2012 in Sulaymaniyah zum Priester geweiht. Es folgte der Auftrag, die Klostergemeinschaft Mariyam-al Adhra aufzubauen. "Das Anliegen", beschrieb Pater Jens seine Mission, "ist die interreligiöse Versöhnung mit Menschen, die in den letzten zwei Jahren aus dem Nahen Osten zu uns gekommen sind." 

Es seien nicht nur Menschen auf der Flucht, beschrieb er. Unter anderem kämen viele Stipendiaten. "Kurdistan ist ein Völkchen von etwa vier Millionen Menschen, das zwei Millionen Fremde aufnimmt", sagte der Pater. Erstaunlich sei, dass das ohne große Unruhen vor sich gehe. Der Pater berichtete: "Allein die Stadt Dohuk hatte bereits viele Flüchtlinge, als bei etwa 7.000 die Alteingesessenen meinten, die Grenze wäre erreicht. Dann kam der IS und Hunderttausende suchten Zuflucht." Mit der Hilfe der internationalen Gemeinschaft seien Lösungen gefunden worden, etwa indem ein Teil der Menschen in Tälern in Camps untergebracht wurde. Die vielen unterschiedlichen Menschen kämen trotz ihrer verschiedenen Sprachen irgendwie miteinander aus, meinte der Pater und nennt ein Beispiel: "Auf dem Markt, wenn der Kurde das Arabisch nicht versteht, scheint er sich daran zu erinnern, dass er irgendwann selbst einmal Flüchtling war. Das ist fast biblisch, aber irgendwie funktioniert es so untereinander."

Pater Jens beschrieb den Irak als "ein sehr komplexes Land". Die Stadt Kirkuk, eine Universitätsstadt im Norden des Irak und sechstgrößte Stad des Landes sowie Zentrum der irakischen Erdölindustrie, sei quasi "Klein Irak". Hier spreche man vier Sprachen. Für ältere Frauen sei oft nicht mal die Verständigung mit der Nachbarin möglich, weil jede nur ihre eigene, ganz spezielle Sprache beherrsche. Unter den Christen bestehe die Chance der Verständigung darin, dass sie Teil aller Gesellschaftsgruppen sind, der Kurden, Turkmenen und der Christen, die eine arabische Kultur haben und arabisch sprechen. "Das gibt den Christen eine einzigartige Stellung", stellte Pater Jens fest. Die Sprachbarrieren stellten gleichzeitig eine große Herausforderung dar, die es im Alltag zu meistern gäbe, insbesondere in den Schulen.  

Er berichtete aus der Zeit vor sieben Jahren, als er in die Gegend um Sulaymaniyah kam, in die Millionenstadt und Zentrum der kurdischen Nationalbewegung. Hier habe ein Schwerpunkt der gegen die Regierung und die herrschenden Parteien gerichteten Unruhen im Jahr 2001 gelegen. "Damals war es gefährlich, ein offenes Haus zu errichten", sagte er, "inzwischen fängt die Stadt, die als offizielle Kulturhauptstadt Kurdistans und ein Zentrum der Intellektuellen und der Kunst gilt, wieder zu atmen an, auch kulturell."   

Vor dem Einfall der Terrormiliz "Islamischer Staat" in der Region lebten im mehr als 1,5 Millionen Einwohner zählenden Sulaymaniyah 1.500 Christen. Im Sommer 2014 seien dann 4.000 weitere Christen, die geflüchtet waren, dazu gekommen. "Sulaymaniyah ist eine der am schnellsten wachsenden Städte im Irak", informierte der Pater.

Gegenwärtig seien noch gut 3.000 Christen in der Stadt, um die sich die Klostergemeinschaft kümmere. Die wirtschaftliche Lage im Irak beschrieb der Pater als schlecht, wobei es insbesondere "in Kurdistan eine enorme Wirtschaftskrise gibt". Überall im Irak sei es besser als in Kurdistan. Viel Geld fließe in den Krieg. Der schwache Ölpreis trage dazu bei, dass die Wirtschaft keine Erholung erfährt und hohe Arbeitslosigkeit die Existenzen bedroht. Zudem habe das Verhältnis der Menschen zur Regierung einen tiefen Vertrauensverlust erfahren. Überhaupt herrsche tiefes Misstrauen untereinander. "Aber ich denke", konstatierte Pater Jens, "dass die Kurden und die Christen mit Hilfe Europas eine gute Rolle einnehmen können." Die arabische Sprache sei voll von Höflichkeitsfloskeln, die Rückschluss  auf eine lange Tradition im Umgang miteinander zulasse. "Wir müssen das wieder zurück bringen in die Politik und in die zwischenmenschlichen Beziehungen", meinte der Pater.

Ein Versuch in diese Richtung sei vom Bischof der Stadt Kirkuk unternommen worden. Er habe 700 Studenten, die die Exil-Universität von Mossul besuchen, in der Universitätsstadt aufgenommen. Es seien nicht nur Christen, sondern auch Muslime, Juden und Sunniten. Der Bischof verfolge die Hoffnung, dass sie miteinander leben und dabei auftretende Konflikte friedlich lösen mögen. Später, im Beruf würden sie sich daran erinnern. So hoffe er auf die positive Wirkung für das Gemeinwohl, meinte der Pater.    

"Viele Christen sind allerdings schon weitergezogen", fuhr Pater Jens fort, "entweder nach Erbil oder nach Dohuk." Andere würden versuchen, über Jordanien und den Libanon Asyl im Ausland zu bekommen. Viele wollten nach Europa ...  
"Die Diktatoren im Nahen Osten haben 30 Jahre lang sämtliche Autoritäten beseitigt", sagte der Pater. Über zwei Generationen wären unter den Menschen keine positiven Erfahrungen weitergegeben worden, etwa die, für etwas einzustehen. "Wer das machte, wurde umgebracht", sagte Pater Jens. Es wurden gegenseitig Verletzungen zugefügt, nicht nur körperliche. Über Essenverteilung, Nähkurse und andere öffentliche Gemeinsamkeiten müssten die Menschen wieder zueinander gebracht werden, bis sie über den erlittenen Schmerz reden könnten.

Für die Zukunft plant Pater Jens ein Ausbildungsprogramm für junge Menschen. "Es werden Fachkräfte gesucht, Schreiner, Elektriker, aber auch ausgebildete Büroleute", schloss er seinen Vortrag. Dabei könne das Kloster helfen. Ein Begegnungszentrum der Religionen zur Förderung des interreligiösen Dialogs sei sein nächstes Vorhaben. 

                           Sabine Meißner