Tankstellen des geistlichen Lebens

Ernst Hofhansl
Der Senior der Evangelischen Michaelsbruderschaft Ernst Hofhansl. Foto: Wollschläger

Lebenslinien in Gottes Hand (84): Über das Leben in der Evangelischen Michaelsbruderschaft

Ich bin als Kind immer gerne in den Gottesdienst gegangen. Zusammen mit meinem Bruder liefen wir eine gute halbe Stunde. Warum? Das kann ich heute nicht mehr sagen.  Aber es war mir wichtig und interessant für mich", erzählt Ernst Hofhansl.

Religion und Kirche waren dem Pfarrer im Ruhestand und Professor mit Lehrauftrag für die theologischen Fächer der Kirchenmusik in Graz schon immer wichtig. "Ich hatte als Kind das große Glück, einen liebevoll gestalteten Religionsunterricht zu haben, der mich für mein ganzes Leben prägte." Noch heute klingen ihm die biblischen Geschichten dieser Lehrer wie ein Lautsprecher in den Ohren. 

Da lag es nahe, dass er als Jugendlicher sich Gleichgesinnten anschloss und zu geistlichen Wochen auf der Hinterbuchholzhütte in Kärnten  kam. Hier trafen sich Buben und Mädchen aus allen sozialen Schichten. Es wurde in der Gemeinschaft gesungen und gebetet. Diese Treffen wurden von Männern aus der Berneuchener Bewegung geleitet. Von ihnen lernte er die Ganzheitlichkeit und die Leibesfreundlichkeit dieser Bewegung kennen, die ihn sehr ansprach. In den 1960er Jahren waren das eine andere Haltung, als die, die er bisher in der ­Kirche kennengelernt hatte. In der Hütte in Kärnten spürten die Jugendlichen eine innere Haltung der Freiheit, die dennoch von Ordnung geprägt war.

Mit 18 Jahren trat der Österreicher der Jungbruderschaft der Michaelsbrüder bei. Nach seiner Aufnahme bekam die Gruppe zum festlichen Agapemahl von einem der Gründerväter zwei Kisten geschenkt. "Eine große und eine kleine", erinnert er sich schmunzelnd. In der einen Kiste waren Zigarren, in der großen Wein zum Feiern für die jungen Männer.

Heute ist er der Senior der Michaelsbruderschaft. Für ihn ist die Bruderschaft wie eine Art Lagerfeuer: Hier darf jeder einen Scheit Holz seines Glaubens hineinlegen. Die Gemeinschaft sitzt um dieses Feuer und kann sich daran wärmen. So haben alle etwas davon. Hier können sich die "Liebhaber der Kirchen treffen, die sich ärgern können, aber nicht bereit sind, sich enttäuschen zu lassen", wie er erzählt.
Immer wieder in der Geschichte gibt es Männer und Frauen, die sich Gedanken um die Erneuerung und eine Weiterentwicklung des geistlichen Lebens machen. Nach dem ersten Weltkrieg entstand so die Berneuchener Bewegung. 1923 trafen sich Vertreter mehrerer evangelischer Kreise der Jugendbewegung und kamen in Angern bei Magdeburg zusammen, um über neue Wege zu beraten. In den Jahren 1923 bis 1928 trafen sich auf dem Gut Berneuchen in der Neumark im heutigen Polen evangelische Theologen und Laien, um miteinander Wege für eine innere Erneuerung der Kirche zu suchen.

Geistliche Besinnung und theologische Reflexion prägten diese Konferenzen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernten, neu auf die Heilige Schrift zu hören, in ihrem Licht alle Bereiche des Lebens zu sehen und Gottesdienst zu feiern. Diese Impulse wollten sie in die Kirche einbringen. So entstand die Berneuchener Bewegung. 1931 wurde dann die Evangelische Michaelsbruderschaft in der Kreuzkapelle der Universitätskirche in Marburg an der Lahn gegründet. Sie ist ein Teil der Berneuchener Bewegung, zu der heute auch der Berneuchener Dienst und die Gemeinschaft St. Michael gehören. Der kämpfende Erzengel Michael stand den Gründervätern als Vorbild für den eigenen geistlichen Kampf vor Augen. Die Urkunde formuliert: "Wir können an der Kirche nur bauen, wenn wir selber Kirche sind."

Heute gibt es Brüder in Deutschland, Österreich, Ungarn, Frankreich, der Schweiz, in Polen und Island sowie Rumänien. Einer davon ist der Österreicher Ernst Hofhansl.

Die evangelische Michaelsbruderschaft ist jedoch auch eine verbindliche Gemeinschaft. In ihren Statuten steht: "Die Arbeit an der Kirche verlangt nicht nur gemein­same Anstrengung, Beständigkeit und festere Bindung, sie verpflichtet die Brüder vor allem, an sich selber zu arbeiten. Die Bruderschaft will Rückhalt und Schule sein für den Dienst der Brüder. Für die Aufgabe der Evangelischen Michaelsbruderschaft und der einzelnen Brüder in der Kirche fand man die griffige Trias 'Leiturgia, Martyria, Diakonia', die heute in der Theologie weitere Verbreitung gefunden hat. Wer aufgenommen wird, verpflichtet sich zum Dienst an der Kirche. Er verpflichtet sich zur Treue im täglichen Gebet und zu einer glaubwürdigen christlichen Lebensweise nach der Ordnung der Bruderschaft. Eines der wichtigsten Elemente des Lebens ist das so genannte Helferamt. Jeder Bruder hat einen anderen Bruder als 'Helfer', der ihm als Seelsorger zur Verfügung steht und dem er Rechenschaft über seine Lebensführung gibt."

Wie wichtig diese Helfer sein können, hat Hofhansl in seinem Leben schon oft erfahren. "Gerade in der Professionalität des Arbeitslebens können die geistlichen Dinge oft zu kurz kommen. Aber die Spiritualität ist wichtig und lässt sich nicht einfach 'machen'. Dafür braucht es Übung und Stille."

Übung und Stille kann man auf dem Kloster Kirchberg in Sulz am Neckar, südlich von Stuttgart, erleben. Hier im Berneuchener Haus gibt es regelmäßige Stundengebete sowie Fürbitten. Manchmal, so erzählt Senior Hofhansl, geht es bei Diskussionen heiß her. "Aber dann läuten die Glocken zum Stundengebet und man geht in die Stille. Und dort passiert etwas."

Oder wie Martin Luther in seiner Torgauer Kirchweihpredigt sagte: "Im Gottesdienst geschieht nichts anderes, denn dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang."     

Mehr über die Evangelische Michaelsbruderschaft gibt es bei www.michaelsbruderschaft.de oder www.klosterkirchberg.de     

 

                           Inge Wollschläger

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 21. Mai 2017:

- Jesus geht - und er bleibt: Gedanken zu Himmelfahrt

- Weltbürger treffen sich in Windhoek: Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes setzte in Namibia Akzente

- Mehr als Berlin - die sechs regionalen "Kirchentage auf dem Weg"

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo