Wer bittet, der empfängt?

Brücke
Foto: Bek-Baier

Jesus spricht: ''Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan". (...) Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!"    

                      (Lukas 11,5-13)

"Unverschämt!" - "Wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet!" Widersprechen will ich den vor Selbstverständlichkeit strotzenden Worten Jesu.

Er heißt Harun. Seit Jahren lebt er mit der bleiernen Angst. Tag für Tag nur Trümmer und Schutt. An jeder Ecke lauert der Tod. Seit sechs Jahren grauenvoller Krieg! So bricht er schließlich auf. Er flieht, doch er wird niemals finden, was er sucht. Er gehört zu jenen, von denen wir lapidar hörten: Wieder Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken.

Er steht für die vielen Menschen weltweit, die sich Tag für Tag erheben, um ihre Rettung zu finden. Sie pochen an den Gefängnistüren der Unterdrückung, kämpfen um Menschenrechte und Gerechtigkeit, flehen um Wasser und Brot im Sudan. Sie erbitten endlich Heilung, für Ihre Liebsten oder für sich selbst. Und sie beten um Frieden - in  Afghanistan, Syrien, im Jemen. Doch ihre Gebete scheinen sich in der Weite des Himmels zu verfliegen. Ihr Leben ist nach wie vor zutiefst beschädigt. Heilende Rettung ausgeblieben!

Nein, es ist eben keine Selbstverständlichkeit, dass die, die da suchten, auch finden werden. Manch zugeschlagene Tür wird sich nicht wieder öffnen. Und - weiß Gott - nicht jede Bitte findet ihre Erfüllung. Auch am Ende ist nicht alles gut.

Insofern brauchen Jesu Worte unseren Widerspruch. Wer diesem ausweicht, ignoriert die Menschen, deren Leben tatsächlich zutiefst verletzt ist. "Und dennoch! Und trotzdem!", so höre ich Jesus uns zurufen. Seine Worte sind wie ein österlicher Weckruf gegen alle Aussichtslosigkeit. Wie leicht verschafft sie sich bei uns Gehör. Enttäuschungen haben eine lange Nachhallzeit. Und sie sind die klebrigen Gastgeber unserer Bequemlichkeit. Darum ruft Jesus dazwischen. Mit einer kühnen Selbstverständlichkeit unterbricht er uns mitten im Gewohnten - heute. 

Gerade jetzt, da manche Völker sich von der Demokratie abwenden, Länder wieder Zäune bauen, und Menschen in komplexen Zeiten sich Rattenfänger mit einfachen Antworten wünschen, ist es Zeit für Jesu Weckruf. Ich höre die Worte Jesu, als wollte er uns wach rütteln und uns zurufen: Erschöpft Euch nicht in Euch selber, macht Euch nicht gemein mit dem, was ist, sondern denkt Euch weit, macht Euch langfristig und werdet wieder unbescheiden, in Euren Träumen.

Gewiss, jenen Worten haftet eine Unbequemlichkeit an. Suchen und anklopfen - beides erfordert unser Tun und Handeln. Und ja: Diese Zeit braucht unsere handelnde Solidarität mit allen Menschen, sie braucht unsere mutige Geschwätzigkeit an allen Orten, um der Meinungsfreiheit und der Achtung vor einem jeden Menschen das Wort zu reden.  

Mutlos werde ich, wenn ich nur auf mich selber bauen kann. Schnell würde ich an meinen Möglichkeiten scheitern. Sich weit zu machen, heißt über sich hinaus zu blicken, die Kräfte des Himmels und der Erde in Anspruch zu nehmen, sich Verbündete zu suchen und den Beistand des Heiligen Geistes zu erbitten.

Dass er mit seiner lebensspendenden Kraft zu überraschen vermag, davon erzählen uns die Pfingstgeschichten. Mit seiner Hilfe will ich das Unmögliche erbitten und für möglich halten, dass Blinde sehen, Syrer in Frieden leben, und der kranke Mann gesunden kann. So will ich mit Gottes Heiligem Geist rechnen. Wo mir das gelingt, hat mich das Leben wieder. Ich bin am Suchen, am Klopfen und am Bitten: un-verschämt.           

                 Pfarrer Stephan Opitz, Baldham

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