Mehr als ''nur'' ein Becher

Hedwigsbecher
Hedwigsbecher. Foto: Kunstsammlungen der Veste Coburg

Landesschau erklärt anhand erlesener Exponate die Zeit der Reformation

Manchmal erzählen Gegenstände ganze Geschichten. Von einem Glas in Coburg lässt sich einiges  über die Hintergründe der Reformation erfahren.Reformation: Die neuen Ideen Martin Luthers prallten auf die alte Welt. In der Landesausstellung "Ritter Bauern, Lutheraner" wird nicht der Reformator selbst in den Mittelpunkt gestellt, sondern das historische Umfeld am Ausgang des Mittelalters und im Eintritt in die Neuzeit sowie die Auswirkungen der Reformation erklärt.

Was wäre, wenn man anhand eines einzigen Gegenstandes einen komplizierten Prozess, ja die ganze Geschichte erzählen könnte? Das "Hedwigsglas" auf der Veste Coburg kann zumindest einen ansehnlichen Teil des Umfeldes der Reformation beleuchten: Es macht anschaulich, wie in der Zeit geglaubt wurde, in der es zur Reformation kam und wie sich die Bedeutung eines Glases binnen weniger Jahre radikal ändern kann.

Der Becher der Heiligen Hedwig soll Wasser in Wein verwandeln können, hieß es. Aus diesem Reliquienglas soll der Überlieferung nach Wöchnerinnen Wein verabreicht worden sein. "Es sind Anfragen an das Franziskanerkloster in Eisenach erhalten, wonach man bat, den Becher ausleihen zu dürfen, um einer kranken Frau im Kindsbett helfen zu können", weiß Sven Hanschke, Kurator für Kunsthandwerk der Kunstsammlungen der Veste Coburg. Das Hedwigsglas gehört zum Bestand dieser Sammlungen. Wie es dahin gelangte, bleibt im Dunkel der Geschichte verborgen. "Der Wein, den die Frau aus dem Becher trank, sollte wie ein Heiltrank wirken." Hanschke berichtet von der Praxis, dass man den Becher im Kloster behielt, lediglich Wein in ihn einschenkte und dann zur Verabreichung an die Bedürftige anderweitig abfüllte.

Als ursprüngliche Besitzerin des Glases gilt die Heilige Hedwig (1174-1243). Sie war die Herzogin und Landespatronin von Schlesien und Polen, von der die Legende überliefert ist, dass sich in ihrer Gegenwart in einem solchen Glas Wasser zu Wein gewandelt habe. Sie soll den Becher zu Lebzeiten an eine weitere, im Mittelalter sehr populäre Heilige, weitergegeben haben: Elisabeth von Thüringen (1207-1231). Sie wurde wegen ihres aufopferungsvollen sozialen Engagements verehrt. Als Elisabethreliquie geadelt, gelangte das Glas an die Herzöge von Sachsen.
Es ist sogar unter Kurfürst Friedrich III. dem Weisen 1507 im "Wittenberger Heiltumsbuch" nachgewiesen, einer Sammlung von Tausenden in Gold und Silber gefassten Reliquien. Das Büchlein, das die Reliquien aufführt, ist im Original in der Schau zu sehen. Man sieht sehr schön, wie das Glas kostbar mit Gold und Silber verziert war. Allerdings kann der Künstler des Holzschnittes - Lucas Cranach der Ältere - das Originalglas nie gesehen haben. Denn er bildete einen zu der Zeit üblichen Krauts­trunkbecher ab.

Friedrich der Weise, der Beschützer Luthers, war ein frommer Mann und sammelte aus diesem Antrieb heraus besonders wichtige und vor allem sehr viele Reliquien. Mit ihnen erhoffte er sich, gemäß der damaligen Lehre und seinem Glauben, einen Ablass auf die zeitlichen Sündenstrafen im Fegefeuer zu erwerben. Damit steht der Hedwigsbecher für jene Glaubens­praxis, die Thema in Luthers 95 Thesen wurde und die der Reformator bestritt und bekämpfte.

"Es gibt 14 Hedwigsbecher", sagt Sven Hanschke. Sie ähneln sich in Material, Machart und Ornamentik derart, dass sie aus der selben Werkstätte stammen müssen, wenn auch jeder einen anderen Weg nach Europa fand - und andere Besitzer. "Allerdings nur der Coburger Becher wird mit Elisabeth von Thüringen und schließlich mit Luther in Verbindung gebracht." Für Hanschke ist dieser Hedwigsbecher daher "das Topstück" der Landesausstellung.

Heute weiß man: Das kunstvolle Glas entstand im 11. Jahrhundert in einer syrischen oder ägyptischen Werkstätte. Im Jahre 1204 plünderten die Kreuzfahrer Konstantinopel. Danach tauchen etwa vier der Becher in Europa auf. Daher vermutet man, dass einige Becher aus diesem Plünderungskreuzzug stammen. Die Herkunft gilt durch einen archäologischen Fund gesichert, erläutert Hanschke. Ein in der Mitte des 11. Jahrhunderts vor der Küste der heutigen Türkei gesunkenes Schiff wurde nun archäologisch untersucht. Es hatte ebensolche kunstvollen Gläser, wohl aus der selben Werkstatt in Syrien geladen. Daher weiß man die ungefähre Entstehungszeit. Der Coburger Glasbecher ist mit floralen und tierischen Ornamenten verziert. So etwas kenne man sonst meist von Bleikristallgefäßen, meint der Kurator. Dieser Becher sei jedoch meisterlich aus Glas gefertigt.

Der Nachfolger Friedrichs III., Johann der Beständige wurde evangelisch. Er hatte das Problem, wie mit den Schulden umgehen, die sein Vorgänger hinterlassen hatte. Ein Weg war, Reliquien zu veräußern. Auch wenn diese nach der Reformation nicht mehr hoch im Kurs standen, konnte man Gold-, Silber und Edelsteine verkaufen, mit denen die Reliquien verziert waren, um ihren besonderen ideellen Wert materiell darzustellen.

Verehrungswürdig

Im Heiltumsbuch ist verzeichnet, wie der Becher einst gefasst war. Die Edelmetalle ließ Johann einschmelzen. Der Glasbecher selbst hatte keinen materiellen Wert. Aber damit das Glas dennoch in Ehren gehalten würde, schenkte es der Kurfürst an Martin Luther. Obwohl er sicher kein Freund von Heiligen und Reliquien war, hielt er Elisabeth für verehrungswürdig. So nahm er den Becher gerne an.

Luther ließ ihn ab 1541 in geselliger Runde als "ein kristallinen Glas, das Sanct Elisabeth sollt gewesen sein", herumgehen. Und so schloss sich der Kreis, weil der Reformator das Glas profanisierte und voller Stolz wieder seiner ur­sprüng­lichen Nutzung als Trinkglas zuführte.

                Martin Bek-Baier

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