Ein ''Ja'' für den unwägbaren Atem Gottes

Michaela Frölich.
Michaela Frölich. Bild: Habermehl

Lebenslinien in Gottes Hand (87): Biografin Michaela Frölich lässt Glaubensschätze heben

''Warum sind Sie so viele Jahrzehnte zusammengeblieben?" Aufmerksam schaut der Konfirmand auf. Keine Provokation, echtes Interesse blitzt aus seinen Augen. Im Rahmen ihrer "Biografiearbeit mit Glaubensschätzen" organisiert Michaela Frölich immer wieder Treffen zwischen Konfirmanden und Seniorengruppen. Oft seien sie so "berührend". Denn: "Über den unterschiedlichen Zeithorizonten zeigen sich Fragen, die für alle wichtig sind", meint die Biografin.

Und weiter: Auch manche Konfirmanden "haben bereits erfahren, was Krisen bedeuten". Zwar haben sie längst nicht mehr den Krieg und seine Katastrophen erlebt, durchaus aber schon die Trennung ihrer Eltern oder den Tod naher Angehöriger. Zwar hat Michaela Frölich die Konfirmanden oft vorher nur einmal gesehen und die Senioren auch nur höchstens zweimal. Zwar haben sich die Angehörigen der unterschiedlichen Generationen im Gemeindealltag bislang eher beiläufig getroffen, doch es entwickeln sich immer wieder bei diesen Treffen tiefe Gespräche: Über den Umgang mit dem Tod langjähriger Partner. Über Wendepunkte des Lebens. Oder: "Glauben Sie wirklich an Gott?"

Da geht es nicht mehr unbedingt um Bombennächte, Flucht und Vertreibung. Viele Menschen, die jetzt 70 Jahre zählen, sind erst nach dem Krieg geboren. Natürlich spielen für sie andere Themen, "die nicht vordergründig zu greifen", so "allumfassend" sind, eine Rolle. Meist geht es um Familiäres, aber auch viel mehr um Sinnsuche "jenseits der Orientierungslosigkeit".

Meist trifft sich Michaela Frölich allerdings mit den Senioren bei Arbeitskreisen und Seminaren, die intensiver über mehrere Wochen die eigenen "Glaubensschätze" umkreisen. Dann sammelt sie eine ganze Mappe an meditativem und poetischem Umgang mit den Lebensfragen. Natürlich ist es möglich, dass bei einer Fantasiereise zu den Wendepunkten des Lebens eine Teilnehmerin in Tränen ausbricht. Manche stehen auf und gehen hinaus. Natürlich kann es sein, dass "viele Erinnerungen hochgeschwemmt werden". Aber in "95 Prozent der Fälle führt es zur Erleichterung". Denn natürlich dürfe man nicht bei einer solchen Krise stehenbleiben, sondern Kraftpunkte, "Glaubensschätze" aufzeigen, die aus ihr herausgeführt haben.

Neben Einblicken in die eigene Lebensreise schält sich so etwa ein "Glaubensbaum" heraus: Welche Zweige, Äste oder Früchte brachte die Begegnung mit nahen Menschen an alltäglichen oder besonderen spirituellen Orten hervor? Welche Schicksalsschläge oder Glücksmomente bestimmten das eigene Leben? Welche Stationen und Wendepunkte markierten es? Welche alltäglichen oder künstlerischen Gegenstände konnten zu Symbolen für bestimmte Situationen werden? Wie stärkten sie? Und was lässt sich noch im Alter erhoffen oder erbitten?

Langsam entwickelt sich so ein roter Faden des Lebensthemas. Es zeigt sich, welche Punkte besondere Herausforderungen bieten, welche gerade geeignet sind, um in die Tiefe zu steigen. Gerade das Schreiben biete einen intensiven Konzentrationsprozess, weiß Frölich. Erzählen sei flüchtiger: Oft tun sich links und rechts Türen auf, was nebenher oder vorher noch geschehen ist.

Schon früh habe es Michaela Frölich interessiert, wie Menschen an schwierigen Lebenssituationen wuchsen. Die Frankfurterin beeindruckte es bereits in jungen Jahren, wenn irgendwo Plakate mit Kindern auftauchten, die als vermisst galten und verzweifelt gesucht wurden. Wie konnten die Angehörigen damit umgehen? 

Sie wuchs in einem christlichen Elternhaus auf. So zeigten ihr ihre Eltern, wie Menschen trotz aller steinigen Pfade immer wieder neue Perspektiven finden können. Es gäbe natürlich Menschen, die an ihren ­Herausforderungen verbittern oder verzweifeln. Andere "finden ein Ja dafür" und lernen sie anzunehmen. Sie können dann ihre Kraft weitergeben an andere - etwa an ihre Enkel.

Seit 2009 arbeitet Michaela Frölich als Dozentin in der Erwachsenenbildung. Schwerpunktmäßig gibt sie Seminare und Kurse zur Biografiearbeit sowie zum biografischen, kreativen und meditativen Schreiben. Ursprünglich war Frölich nach ihrem Studium der Germanistik und der portugiesischen Sprachwissenschaft im "PR- und Eventmanagement" tätig.

Mit ihrer Biografiearbeit gelang es ihr, ihre Lebensstränge zu verbinden. Nach einer Lebenskrise beschäftigte sie sich selbst mit meditativen Schreibformen und Methoden der Persönlichkeitsentwicklung. Allein durch Zuhören und Fragen setzten sich ganze Erzählprozesse in Gang.

Nach der Geburt ihrer Tochter konzentrierte sich Michaela Frölich dann besonders auf die Erwachsenenbildung. An der Universität Mainz bietet sie viersemestrige Kurse zum eigenen Schreiben von Biografien an. Daneben berät sie bestehende Gruppen oder stellt ihre meditativen Möglichkeiten bei Fachtagungen vor. Viele Menschen trifft sie dabei immer wieder, auch bei anderen Gelegenheiten. Mal bei übergreifenden Kursen, dann wieder beim Nachdenken über das eigene Leben zum Thema "Erntedank".

Wie lassen sich solche religiösen symbolträchtigen Zeiten, Situationen oder Wege als "Orte des Glaubens" mit allen fünf Sinnen erfassen? Gibt es etwa einen Geschmack der Landschaft? Besonders intensiv ist es, ein "Spirituelles Tagebuch" zu führen: ein Bibelvers lässt sich etwa eine ganze Woche lang mit immer neuen Schreibübungen und Verknüpfungen meditieren. Er schreibt dann einen ganzen Lebensweg.

Noch konzentrierter führen kurze Gedichtformen wie Haikus oder Elfchen zu den Lebensthemen. In einem "Akrostichon" lassen sich für jeden Buchstaben eines Glaubenswortes neue Begriffe finden, die mit ihm jeweils beginnen.

In generationsübergreifenden Gesprächen zwischen frischen und goldenen Konfirmanden kann darüber meditiert werden, ob der Bibelspruch dann wirklich ein Lebensbegleiter sein kann. Aus allen diesen Formen kann der Geist Gottes zu atmen beginnen.     

Kontakt zu Michaela Frölich:
Telefon: 069/95733157
www.schreibatelier-froelich.de

Michaela Frölich/Barbara Hedtmann
Biografiearbeit mit Glaubensschätzen
Anleitung für kreative Senioren- und Konfirmandenstunden; 96 Seiten; 22,99 Euro; Verlag Vandenhoeck & ­Ruprecht 2013; ISBN 978-3-525-62010-6 oder -7 als E-Book (18,99 Euro); in Zusammenarbeit mit dem Ev. Regionalverband Frankfurt am Main.    

 

                          Susanne Borée

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