Boten oder Bediente des Pfarrhofes?

Eike Lossin
Kurator Eike Lossin beschreibt die Wanderjahre des späteren Pfarrers Wilhelm Drechsel um 1900 bei der Pfarrhausausstellung. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (91): Lebenszeugnisse fränkischer Pfarrer und ihrer Frauen

''Es war mir ja mehrmals vergönnt, sie in Ansbach zu besuchen, aber die Sehnsucht! Zuerst aber hieß es Geduld haben.'' So schreibt Wilhelm Drechsel vor gut hundert Jahren über seine Verlobte. Als er 1899 in Oberampfrach den erkrankten Pfarrer vertrat, da "lernte ich die älteste Tochter Agnes näher kennen. Ich verlobte mich mit ihr am 25. März 1900."

Beweglichkeit war gefragt - und Bewegung. Ruhe ­- das war lange ein Fremdwort gerade für Pfarrer. Wilhelm Drechsel etwa, 1870 geboren, konnte 1893 seine Vikariatsstelle in Welbingen bei Uffenheim antreten Dort blieb er immerhin drei Jahre. Zwischen September 1896 und November 1901 war er jedoch ständig dabei, seine Koffer zu packen: Elf Mal zog er in gut fünf Jahren um - meist in Franken, aber auch bis nach Lauben bei Memmingen. Ende 1901 war er wieder zurück - in Wiedersbach bei Leutershausen. Zunächst als Verweser. Endlich bekam er dort 1902 die heiß ersehnte Pfarrstelle. Nun endlich konnte er seine Agnes heiraten. Am Ende seiner Pfarrerlaufbahn soll er in 51 Kirchen amtiert haben.

Das Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim und das Museum Kirche in Franken widmen ihre Jahresausstellung den evangelischen Pfarrhäusern (wir berichteten). Wie sah das Alltagsleben der Pfarrfamilien aus - gerade in den ländlichen Gebieten Frankens? Einige "Lebenslinien" lassen sich aus der umfangreichen Sammlung an biografischem Material exemplarisch herausziehen.

Ohne feste Pfarrstelle gab es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein für die Seelsorger wie für Wilhelm Drechsel keine Möglichkeit zur Familiengründung. Dann aber musste möglichst umgehend die Pfarrfrau her! Schließlich war die Stelle des dörflichen Gemeindepfarrers auf die Arbeitskraft von zwei Personen ausgelegt. Ohne Pfarrfrau waren das Gemeindeleben und die Haushaltsführung gar nicht erst zu schaffen. Also so eine immerwährende Katharina von Bora musste her - obwohl Luther weder Gemeindepfarrer war noch das Schwarze Kloster ein Pfarrhaus, wie die Kuratoren herausarbeiten.

Margareta Seiferd, die Frau des Pfarrers Jacob Seiferd in Thiersheim, führte Käthes Tradition fort: Sie verstarb 1623 mit 38 Jahren nach der Geburt ihres elften Kindes: Daneben hielt sie ihrem Mann den Rücken frei zum Studieren und hatte "die gantze Last des Haushaltens daheim vnd auff dem Felde auf sich geladen". Der Tugendkatalog ihrer Leichenpredigt ist noch länger: Sie war bescheiden und ehrerbietig, eine gute Krankenpflegerin ihres Mannes und noch bessere Köchin (Da sprach wohl der Witwer). Sie hatte  zwar wenig davon, aber zumindest erfüllte sie alle idealen Rollen der Pfarrfrau.

Susanne Grosser hat in ihrem Aufsatz im Ausstellungskatalog herausgearbeitet, welche Eigenschaften Maßstäbe setzten. Auf der anderen Seite erfahren wir vom Leben der Pfarrfrauen zunächst nur dann, wenn es Ärger gab: Gemeindemitglieder beschwerten sich, dass die Pfarrfrauen quasi als Pförtnerinnen im Pfarrhaus nicht jeden vorließen. Oder dass sie am "Weiberstreit" beteiligt waren.  Gerne waren sie wohl auch mal die Sittenwächterinnen der Gemeinde. Erst nach der Wende von 1900 meldeten sich Pfarrfrauen selbst zu Wort.

Bis ins 19. Jahrhunderte hinein bildete das Land, das zum Pfarrhaus gehörte, die Grundlage für das Gehalt eines Pfarrers. Pfarrfrauen sicherten den Unterhalt des Pfarrhauses und repräsentierten ihn nach außen. Felder ließen sich da durchaus verpachten. Doch Produkte der Obstbäume und Gemüsebeete bildeten die Grundlage des Pfarrhaushaltes. Hühner, Gänse oder auch mal eine Kuh waren zu versorgen. Auch als die Pfarrer ihren Lebensunterhalt direkt ausbezahlt bekamen, pflegten ihre Frauen oft große Pfarrgärten weiter. Neben Kirschen für den Kuchen bei der Frauenhilfe wuchsen ja auch die Blumen zum Schmuck der Kirche nicht von allein.

"Pfarrern, das ist was für Sie, das können Sie mir abnehmen." So wandte sich der Dorfarzt in den 1920er Jahren an die Pfarrfrau Else Rohmer in Manau. Im Dorf musste eine alte Frau täglich eine Spritze bekommen. Eine Aufgabe für die Pfarrfrau - das war klar! "Meinen Einwand, noch nie eine Spritze verabreicht zu haben, lässt er nicht gelten. Nun wird theoretisch vorgeführt, was zu geschehen hat. Ich bibberte nicht nur die Nacht, sondern auch am anderen Morgen noch am Ort meiner Moritat."

Ohne Ausbildung und ohne Entlohnung, wurde sie also quasi zum ambulanten Pflegedienst im Ort. Ihr diakonisches und soziales Engagement war sowieso im späten 19. Jahrhundert Teil ihrer Aufgaben. Die Aufgaben einer Familienpflegerin oder Dorfhelferin in Notfällen fiel ihr selbstverständlich zu. Sie halfen in Not geratenen Familien ihrer Gemeinde und fremden Bettlern.

Bei einer solchen umfassenden Tätigkeit der Pfarrfrau in der Gemeinde wollte die Kirchenleitung lange ein Wörtchen bei der Auswahl mitreden. Idealerweise entstammte die perfekte Pfarrfrau wie bei Wilhelm Drechsel einer benachbarten Pfarrfamilie. Schließlich wusste sie dann doch am besten, wie alles rund ums Pfarrhaus lief und war gleichzeitig selbst standesgemäß versorgt.

Beim Tod ihres Vaters litten erwachsene ledige Pfarrerstöchter - wie auch Witwen - oft Not. Die Pfarrstelle samt Pfarrhof wurde weiter vergeben. Erst Ende des 19. Jahrhunderts griff eine Absicherung von Versorgungskassen effektiver. Pfarrer Richard Barthel schildert selbst da noch erschrocken das Schicksal zweier Pfarrerstöchter, denen er Lebensmittelspenden überreichte: "Wir mussten lange warten, bis eines der beiden alten Fräulein aufgestanden ist. Denn um Heizmaterial zu sparen, blieben beide lange liegen. Als wir endlich in das Zimmer eintreten konnten, sahen wir ein ergreifendes Bild von Elend und Armut."

Und wenn die Zukünftigen der Pfarrer nicht standesgemäß waren? Pfarrer Johann Winnerling, selbst Sohn eines Zimmermanns, ließ um 1850 die langjährige Freundin seiner Studentenzeit im Stich. Da kam eine bessere Partie vorbei. Die andere Möglichkeit: "Man gab sich Mühe, die Luise Höhn etwas hochzutrimmen, damit sie doch halbwegs so etwas eine Pfarrfrau darstellen könnte." So berichtet diese selbst um 1914, bevor sie als Tochter einer Handwerkerfamilie als würdig erachtet wurde, den Pfarrer Blendinger zu ehelichen. Eineinviertel Jahre dauerte ihre Lehrzeit bei Verwandten ihres Zukünftigen. Da waren "Bräutekurse" der Kirche oft viel weniger intensiv.

Pfarrer Richard Barthel aus Brunn ließ seine Tochter Elisabeth, die im Internat Neuendettelsau lebte, brieflich um 1924/25 am Familienleben Anteil haben. Seine Gemahlin Käthe war demnach fast ständig beschäftigt: mit "Stöbern" - was Susanne Grosser mit "Putzorgien" übersetzt - oder "Waschfesten". Klingt fast so, als hätte der gute Pfarrer lieber einmal ein weniger ordentliches Haus und dafür seine Ruhe gehabt. 

                          Susanne Borée

Mehr im Internet unter:

Freilandmuseum zeigt Evangelische Pfarrhäuser in Franken

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