Unmögliche Träume?

Brücke
Foto: Bek-Baier

Dies ist das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, schaute über Juda und Jerusalem. Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!"

                      (Jesaja 2,1-5)

In der 10. Klasse konnte ich meine "Kinderschultasche" nicht mehr ­sehen. Es musste eine "Erwachsenenschultasche" her. Also erstritt ich mir einen braunen Aktenkoffer. Und den habe ich dann mit Aufklebern "verschönert". Diese Aufkleber brachten meine politischen und religiösen Überzeugungen zum Ausdruck. Einer der wichtigsten Aufkleber trug die Aufschrift  "Schwerter zu Pflugscharen". Ein muskulöser Arbeiter schmiedete aus einem Schwert eine Pflugschar. Auf dem Höhepunkt der Nachrüstungsdebatte nahm das Emblem aus der Dresdner Studierendengemeinde schnell seinen Weg von Ost nach West auf meinem Koffer. Und auch hier erregte die provokante Botschaft des jüdischen Propheten Aufsehen.

Was Jesaja von Gott zu hören und zu sehen bekam, ist der Widerspruch zur Realität. Die Welt wird nicht so hingenommen, wie sie ist. Das hat mir aus dem Herzen gesprochen. Ich dachte, eine Welt ohne Waffen ist möglich - wir schaffen das.

Heute sehe ich, dass es nicht so einfach ist, wie es mein Sticker auf dem Aktenkoffer glauben machen wollte. Heute sehe ich auch, dass ich damals einen Hinweis aus diesem Bibelabschnitt glatt überlesen habe: "Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem". Heute erkenne ich, dass die Utopie dieses Textes in Gott gegründet ist. Von ihm kommt sie. Ich meine, damit wir lernen, über den Tellerrand der vorfindlichen Gegegebenheiten hinauszuglauben.

Noch ist es eine Utopie, dass es alle Völker dieser Welt zu den Weisungen Gottes zieht wie die Bienen zu den Blüten. Martin Buber meint, dass Gott dazu eine "zweite Tora" an die Völker geben wird, nach der ersten Weisung, die das Volk Israel in der Wüste erhalten hat. Und ich denke dabei sofort an Jesus, der unweit von Tempelberg und Zion gestorben und auferstanden ist.

Denn: Genauso wie sich die Völker auf den Weg machen werden um Weisung von Gott zu erhalten, kann ich mich heute schon aufmachen, um Weg-Weisung im besten Sinne von Gott zu erhalten, um im Licht des Herrn zu wandeln. Der Aufkleber an meiner alten Aktentasche ist längst abgegangen und verloren. Die Botschaft des Jesaja, dass Gott eine neue, bessere, friedliche Welt etablieren wird, ist geblieben und wird bleiben.                

               Diakon Friedrich Rößner, Reichenschwand

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