Editorial: Einen Vorrat an Wärme sammeln

Susanne Borée
Susanne Borée

Sommerabend am See. Die Blätter spiegeln sich in dem leichten Kräuseln der Wellen. Ihr Grün erscheint im Wasser dunkler als oben in der Luft. Die Zeit scheint stillzustehen. Nur von ferne dröhnt noch ein verspäteter Rasenmäher. Das Wäldchen, das den See umschließt, scheint die Ruhe auch davor abzuschirmen. Der Wasserspiegel erscheint wie ein samtenes Tuch. Es fängt die letzten Sonnenstrahlen ein. Der Wind streichelt sanft Arme und Gesicht.

Das Grün der Blätter wandelt sich in immer dunklere Schatten. Nun lenkt der See die Blicke auf sich wie ein helles Auge. Wir sammeln einen Vorrat an Wärme und lauem Wind ein für die langen Wintermonate: an Stille und an Kraft. Alles wird ruhig - in mir und um uns herum. Keine Sorgen oder Krisen zählen mehr.

Jeder kennt solche Orte und Momente der Kraft: Mal ist es an einem stillen See oder im eigenen Garten, dann wieder das wilde Meer oder das knisternde Feuer. Sie lassen die Seele langsamer atmen. Und sie bieten einen Gegenpol zu all der Unruhe in unserem Alltag. Zu den Orten und Lebenslagen, Erinnerungen und Gesprächen, die uns Kraft entziehen.

Wir blieben an unserem See, bis es gänzlich dunkel wurde. Auf unserer Rückfahrt frischte der Wind auf. Heftig schlug er uns entgegen. Noch in dieser Nacht brach ein Gewitter aus. Später sahen wir: In dem Baum am See, unter dem wir gesessen hatten, war der Blitz eingeschlagen.

Als Spiegel des 20. Jahrhunderts erweist sich auch die Ausstellung "Kaiser, Kanzler, Rummelsberger", die Thomas Greif in monatelanger Arbeit recherchiert und gestaltet hat. Es zeigt unbeirrbare und beharrliche Lebenswege in ­engem Austausch mit den Entwicklungslinien des 20. Jahrhunderts. Es zeigt aber auch plötzliche Schicksalsstunden. Entscheidungen wurden plötzlich notwendig, die ein ganzes Leben in den Schatten stellen konnten.

Auch dieser aktuelle Sommer zeigt: Es gibt keine Idylle, die für immer gilt. Orte geben uns ihre Kraft nur für einen vollendeten, doch kurzen Moment. Sie ­bleiben nicht sonnendurchstrahlt. Spätestens der Herbststurm kommt gewiss. Doch wir sollten die Zeit nutzen und die Sonnenwärme aufnehmen, die sie uns geben können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete Sommerzeit.

Susanne Borée

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