Schicksalsstunden und unbeirrte Lebenswege

Thomas Greif
Thomas Greif führt durch die Ausstellung

Ausstellung zeigt Wirken der Rummelsberger in der deutschen Geschichte

Fast hautnah erlebte der damalige Rummelsberger Rektor Karl Heinz Neukamm 1970 den Kniefall des Bundeskanzlers Willy Brandt vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos mit. Schließlich war Neukamm in seiner Funktion als "Vorsitzender der evangelischen Jugend Deutschlands" unter den 24 Delegationsmitgliedern, die Willy Brandt nach Polen begleiteten. Diese Jugendorganisation engagierte sich bereits seit 1965 um die "Versöhnung mit Polen". So nutzte der Rummelsberger diese Reise, um in Warschau Gespräche mit Vertretern der Kirchen und der Jugendorganisationen zu führen. Im entscheidenden Augenblick der spontanen Geste Brandts war er also zwar in der Stadt, jedoch nicht direkt vor Ort. Dennoch streifte den Rummelsberger Rektor der Atem der Geschichte.

Damit ist er längst nicht der einzige Repräsentant des Diakoniedorfes, die über ihren Kirchturm hinaus blickten. Unter dem Titel "Kaiser, Kanzler, Rummelsberger" hat Thomas Greif, seit einem Jahr Leiter des neuen Diakoniemuseums Rummelsberg, die Beziehungen zwischen dem kleinen Diakoniedorf vor den Toren Nürnbergs und der großen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts anhand von 20 "Fußnoten" auf den Punkt gebracht.

Menschen, die mit der Rummelsberger Diakonie zu tun hatten, seien da auch immer Gewährsleute der Zeitgeschichte gewesen, erklärte Greif. "Die Ausstellung basiert auf der Idee, dass jeder Mensch mit seiner Biografie auch Teil der großen Geschichte sei", so Greif. Dabei geht er davon aus, dass es manchmal überraschende Verbindungslinien zwischen Menschen und historischen Ereignissen gibt. "Forrest Gump lässt grüßen", erklärt Thomas Greif. Diese Filmfigur erlebte über Jahrzehnte hinweg immer "zufällig" große Ereignissen der US-amerikanischen Geschichte.

Hans Siebert (1909-1971) wäre es wohl lieber gewesen, einer solchen Schicksalsstunde nicht ganz so nahe gekommen zu sein. Seit 1936 war er Rummelsberger Brüderpfarrer. Ende 1940 wurde er dennoch zum Kriegsdienst einberufen. Nach einer schweren Verwundung wurde er im Frühjahr 1944 Adjutant bei Otto Ernst Remer, dem Kommandeur des Berliner Wachbataillon "Großdeutschland". Dies sollte am 20. Juli 1944 nach den Plänen des Berliner Stadtkommandanten Paul von Hase, einem Unterstützer des Umsturzversuches, das Regierungsviertel absperren. Und Josef Goebbels verhaften. Remer bekam Zweifel, ob Hitler tatsächlich tot sei. Er beriet sich mit seinem Adjutanten Siebert.

In diesen Gesprächen entstand die Idee, sich erst einmal bei Goebbels genauer zu erkundigen. Denn noch war in Berlin unklar, "wer auf welcher Seite stand und was es mit dem Tod Hitlers auf sich hatte", so Thomas Greif. Josef Goebbels verband Remer telefonisch mit Adolf Hitler. Der Reichskanzler war beim Attentat in der Wolfsschanze zwar verletzt worden, erteilte aber nun den Befehl, den Putsch niederzuschlagen.

Sicherlich trug Otto Ernst Remer damit zum Scheitern des 20. Juli bei. Doch nachdem Hitler überlebt hatte und es den Attentätern nicht gelang, die Kontrolle über Rundfunk und Fernkommunikation zu erlangen, waren die weiteren Erfolgsaussichten wohl ohnehin gering.

Thomas Greif zitiert einen Brief Sieberts vom 1947 an den damaligen
Rummelsberger Rektor Nicol: "Es erschüttert mich auch jetzt noch tief, daß mein Leben so eng mit der Dämonie des Dritten Reiches verquickt ist. Ich war blind genug, das Hoheitszeichen auf der Uniform nicht richtig zu sehen. Und während andere am 20. Juli 44 am Galgen 'erhöht' wurden, wurde ich durch eine Beförderung erhöht." Siebert zog die Konsequenzen: Der Dienst an sozial benachteiligten Menschen prägte nunmehr Sieberts weiteres Leben. Als erster Sozialpfarrer der Landeskirche war er später maßgeblich an der Gründung des "Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) beteiligt.

Um solche Lebensmomente ans Tageslicht zu heben, hat Thomas Greif fast ein Jahr intensiv recherchiert. Er spannte den Bogen von der wilhelminischen Kolonialpolitik bis hin zur modernen Jazz-Musik. Museumsleiter Greif hat aber nicht nur solche historische Schicksalsstunden in Beziehung zu Rummelsberg gesetzt. Nein, er rückt auch Biografien ins Licht, die über Jahrzehnte hinweg längerfristige Entwicklungen spiegeln.

Im Rummelsberger Museum ist seit 2015 die Geschichte der Diakonie von den Anfängen bis zur heutigen Ausdehnung des Sozialunternehmens dargestellt. Die Vitrinen und Schaukästen wurden in Rummelsberger Schreinereien gefertigt. Vier Videowände und drei Audio-Stationen lockern die ohnehin kurzweilige Geschichtsstunde zusätzlich auf. Zwar hat die Ausstellung außerhalb enger interessierter Kreise leider noch nicht breitere Resonanz gefunden - zumal das neue Museumsgebäude tief im Diakoniedorf versteckt liegt. Aber sie läuft noch bis Ende Februar 2018 - genügend Zeit für viele Entdeckungsreisen.

Zu Marie Nicol etwa: Die Ehefrau des langjährigen Rektors Karl Nicol, erlebte vom Ersten Weltkrieg bis in die Wirtschaftswunderzeit viele richtungsweisende Entwicklungen ihrer Zeit mit. Sie prägte als wichtigste Ratgeberin ihres Mannes viele Weichenstellungen. Und sie führte detailliert Tagebuch. Ihr Mann weigerte sich etwa gegenüber einer NS-Delegation, die geistig behinderten Bewohner "abzugeben". Aus Maries Tagebuch wird deutlich, dass die Zeitgenossen sehr wohl die Folgen für die Betroffenen in Betracht zogen. Hier weigerte sich Karl Nicol konsequent.

Beharrlich zeigte sich auch Maries Cousine Annemarie Naegelsbach. Sie lebte das unkonventionelle Leben einer Münchner Künstlerin. Zu ihren herausragenden Werken gehört das Altarfesko in der Rummelsberger Philippuskirche. Daneben illustrierte sie über Jahrzehnte hinweg Bücher. "Aber das Außerordentliche, in die Zukunft Weisende der künstlerischen Leistung habe ich nicht erreicht", gestand sie zum Ende ihres Lebens ein. Gehört nicht auch Größe zu einer solchen ehrlichen Einschätzung?

Ja, und am Ende der Ausstellung gibt es noch ein 21. Porträt für unser neues Jahrhundert. Dazu können die Besucher eine schmale Tür öffnen. Was dahinter zu sehen ist - nun, das kann jeder selbst entdecken.

                      Susanne Borée

Infos: Die Ausstellung läuft bis 25. Februar 2018 im Diakoniemueum neben Bäckerei-Café Rummelsberg. Sie ist donnerstags, freitags und sonntags von 14 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet. Mehr Infos online unter http://kaiser-kanzler-rummelsberger.de, telefonisch unter 09128/500 oder unter E-Mail. Das Buch "Kaiser, Kanzler, Rummelsberger" von Thomas Greif ist für 25 Euro erhältlich.

Die nächsten Veranstaltungen zur Ausstellung: Samstag, 30. September, 19 Uhr, Philippuskirche: Lesung mit Musik aus den Tagebüchern der Marie Nicol im Rahmen des Brüderfrauentages. Samstag, 7. Oktober, 19 Uhr, Besucherzent­rum: Biographische Spurensuche mit Renate Weiß im Rahmen des Diakoninnentages. Freitag, 13. Oktober, 14.30 Uhr, Diakoniemuseum: Führung mit anschließendem Erzählcafé mit Alt-Landesbischof Johannes Friedrich.

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 22. Oktober 2017:

- Deutschlandweite Konferenz "Diakonie und Entwicklung" tagte in Nürnberg

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