Der Reformator und der Regierer der Juden

Christliche und jüdische Gelehrte im Disput
Christliche und jüdische Gelehrte im Disput. Bild zum Artikel

Hätte Josel von Rosheim die Reformation vor den antijüdischen Tiraden bewahren können?

Bis tief in die Nacht hinein disputierten sie - und leerten dabei einen ordentlichen Humpen Bier. Martin Luther und Josel von Rosheim hatten sich 1537 einiges zu sagen.

Denn der Kaufmann und Rabbiner Josel von Rosheim (1476-1554) war überzeugend - selbst in einer ausweglosen Situation. Wusste Luther von dieser Überzeugungskraft? Er lehnte ein Treffen mit dem jüdischen Gelehrten ab. Daher hat es diesen Disput, von dem ich eingangs geträumt habe, auch nie gegeben.
Was wäre geschehen, wenn Martin Luther 1537 das Gesuch des Josel von Rosheim nach einer Unterredung nicht ausgeschlagen hätte? Wenn also der christliche Reformator und der "Regierer allgemeiner Jüdischheit des Reichs" ihre Gedanken hätten austauschen können? Denn Josel von Rosheim vertrat gewandt und mutig die Sache der Juden in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die Juden im Reich hatten ihn zu ihrem Sprecher auserkoren.

Schon auf dem Augsburger Reichstag von 1530 hatte er ein schier aussichtloses Streitgespräch für sich entschieden. Der zum Christentum konvertierte Regensburger Rabbinersohn Antonius Margaritha erklärte, aus erster Quelle von antijüdischen Gräueln zu wissen. Die Widerlegung gelang Josel von Rosheim so überzeugend, dass sein Widersacher aus Augsburg verbannt wurde. Es gelang ihm außerdem eine Reihe antijüdischer Verordnungen, die den Juden Wucherzins und Geldbetrug vorwarfen, zu verhindern. Margaritha ließ jedoch seine Behauptungen drucken.

1536 wies Luthers Landesherr, Kurfürst Johann Friedrich I. die Juden aus seinen Gebieten aus. Daraufhin begab sich Josel von Rosheim an die sächsische Grenze. Er bat Luther brieflich darum, sich beim Kurfürsten für die Mäßigung dieses Verbots einzusetzen. Gleichzeitig hoffte er auf ein Treffen mit dem Reformator.

Martin Luther nannte als Grund für seine Ablehnung, dass seine Schrift "Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei" von 1523 allen Juden "gar viel gedient" habe. Aber da sie seinen Dienst "schändlich missbraucht" hätten, verweigerte Luther eine weitere Fürsprache. Denn die Juden lästerten seiner Meinung nach fortgesetzt Jesus.

Hoffnung auf Bekehrung

Das Werk "Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei" hatte Luther 1523 vor allem deswegen geschrieben, um auf altgläubige Vorwürfe zu reagieren. Der Reformator hatte weder die Jungfrauengeburt noch Gottessohnschaft Jesu geleugnet, das musste er klarstellen. Der Kirchengeschichtler Thomas Kaufmann analysiert Luthers Schriften zu diesem Thema ausführlich in seinem Buch "Luthers Juden":
Luther glaubte, dass das Ende aller Zeiten nah sei. Noch einmal habe die Kirche durch ihn einen neuen Ruf des Evangeliums zur Umkehr erhalten. Genauso dränge diese Mahnung nun auch an die Juden.

In diesem Zusammenhang kritisierte Luther 1523 scharf den bisherigen Umgang mit Juden. Man habe sie "wie hunde und nicht wie menschen" behandelt und ihnen Gewalt angetan. Man habe sie aus der Gemeinschaft der Menschen ausgestoßen und Lügengeschichten über sie erzählt wie etwa die Ritualmordanklage. Im ausgehenden Mittelalter wurde Juden vorgeworfen, verschwundene christliche Kinder, rituell getötet zu haben. Aus dem Blut oder den Körperteilen würden sie Heil- oder Zaubermittel herstellen, mit denen sie weiteren Christen oder der Kirche gezielt schaden könnten.

Im Gegensatz dazu sollte man nach Luther die Juden in rechter Glaubensunterweisung darin überzeugen, dass die Übernahme des Christentums eine Rückkehr zum Glauben ihrer "vetter, der Propheten und Patriarchen" bedeute. Die Juden seien vom "geblutt Christi", während "wir Heiden" in Anlehnung an den Römerbrief eher als "fremdbling" zu gelten haben. Allerdings lehnte der Reformator äußerliche Konversion der Juden unter Zwang oder um möglicher Vorteile willen ab.
Doch Luther ging wie selbstverständlich davon aus, dass das Alte Testament einzig und allein auf Jesus Christus hinweise. Für ihn konnte es keine legitime nachbiblische jüdische Tradition geben, da Jesus und die Apostel auch den Juden den christlichen Weg gewiesen hätten.

Und Josel von Rosheim?

Wer war dieser Josel von Rosheim, der Luther sprechen wollte? Seine Familiengeschichte ist immer wieder durch Verfolgung und Leid geprägt. Schon vor seiner Geburt starben drei Onkel wegen des Vorwurfs eines angeblichen Ritualmordes qualvoll. Nur seinem Vater gelang die Flucht. Kurz vor seiner Geburt musste die Familie weiterfliehen.

Zu seinen Vorfahren soll genauso der jüdische Leibarzt Kaiser Friedrichs III. gehört haben. Dieser soll sogar dem Humanisten Johannes Reuchlin Hebräisch beigebracht haben.

Schon 1507 hatte Josel bei Kaiser Maximilian I. erfolgreich zugunsten elsässischer Juden Fürsprache gehalten. Seit 1510 galt er als Vorsteher und Sprecher der elsässischen Juden. Doch vier Jahre später klagten seine christlichen Nachbarn Josel sogar selbst der Hostienschändung an. Dabei sollten Juden geweihte Hostien entwendet und misshandelt oder zerstochen haben. Denn diese repräsentierten das Fleisch Jesu. So würden die Juden immer wieder die Passion Jesu an den Oblaten wiederholen.

Normalerweise hatten Juden, die unter einer solchen Anklage standen, keine Chance sie irgendwie zu entkräften. Selbst in dieser aussichtlosen Situation gelang es Josel wieder freizukommen. Danach zog er in die elsässische Reichsstadt Rosheim.

Dort lebte er bis zu seinem Tod - wenn er nicht gerade unterwegs war, um sich für den Schutz seiner Glaubensgeschwister einzusetzen. Juden im ganzen Reich baten ihn darum, ihnen bei Verfolgungen oder den zunehmenden Ausweisungen aus größeren und kleineren Städten und Gebieten zu helfen.

Josel tat, was er konnte. Bei der Kaiserkrönung Karls V. in Aachen gelang es ihm sogar, einen Schutzbrief für alle Juden des Reiches zu bekommen. Nicht nur aus deutschen Landen, sondern sogar aus Prag, Ungarn und Italien erreichten Josel die Bitten jüdischer Gemeinden. Sein Ehrentitel als "Regierer allgemeiner Jüdischheit" scheint eigens für ihn geschaffen zu sein.

Martin Luther und Josel von Rosheim hätten sich schon 1521 beinahe begegnen können: Während des Wormser Reichstages, bei dem Luther Kaiser Karl V. sein berühmtes "Hier stehe ich und kann nicht anders" entgegen schmetterte, war auch Josel in der Stadt. Ihm ging es darum, beim Kaiser die Vertreibung Regensburger Juden rückgängig zu machen. Wormser Juden sollen auch mit Luther gesprochen haben, so Thomas Kaufmann. Ein direktes Treffen zwischen von Rosheim und Martin Luther in Worms ist nicht bekannt.

Als Aufständische während des Bauernkrieges Rosheim stürmen wollten, trat Josel ihnen entgegen. Er brachte die Anführer dazu, die Stadt in Ruhe zu lassen.
Nach dem gescheiterten Treffen mit Luther 1537 sah Josel von Rosheim jüdische Interressen offenbar eher vom katholischen Kaiser Karl V. vertreten. Ihn unterstützten Juden nun zunehmend finanziell und hofften auf seinen Schutz, um die Wirren der Zeit am besten überleben zu können.

Zwischen 1530 und 1551 nahm Josel von Rosheim an acht Reichstagen teil, um gegen Beeinträchtigungen der Juden einzutreten. Auch prozessierte er von 1548 bis 1551 für ihre Rechte vor dem Reichskammergericht in Speyer für die Rechte seiner Glaubensbrüder. 

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