Von der klaren und einfachen Sprache

Doris Bewernitz
Doris Bewernitz. Foto: Privat

Lebenslinien in Gottes Hand (103): Literatur für alle

''Mein Vater zum Beispiel war ein Büchernarr. Er hat immer sehr viel gelesen in seinem Leben, aber in seinen letzten Jahren konnte er sich nicht mehr so gut konzentrieren und lange, komplizierte Sätze nicht mehr erfassen. Das hat ihm zu schaffen gemacht. Er hat gute Bücher mit kürzeren Sätzen gesucht. Ihm hätte es geholfen, wenn es die Kategorie 'Einfache Sprache' in den Buchhandlungen schon gegeben hätte."
Das erzählt die Berliner Autorin Doris Bewernitz. Unsere Leser kennen sie durch das Buch "Wo die Seele aufblüht", welches wir hier als Fortsetzungsroman veröffentlicht hatten. Jetzt hat sie ein Buch in "Einfacher Sprache" geschrieben. Was das ist und wieso sie genau dieses Buch so gerne geschrieben hat, hat sie Inge Wollschläger erzählt.

Sie schreiben Bücher in "Schwerer" und "Einfacher Sprache". Was ist der Unterschied zu Ihren anderen Büchern?

Stimmt, im Unterschied zur Einfachen Sprache schreibe ich auch Bücher in komplexer Sprache (die nicht zwingend "schwer" sein muss), also belletristische Bücher, die man gemeinhin kennt. Ich schreibe ausschließlich für Erwachsene. Im letzten Jahr begegnete mir der Verlag edition naundob. Ich fand das Anliegen der Verlegerin, Bücher für Erwachsene anzubieten, für die es keine Literatur gibt, absolut unterstützenswert. Der Verlag hat jetzt sechs Bücher am Start, zwei für alte Menschen, zwei für Lernbehinderte und zwei für Deutschlerner und Geflüchtete.

Wieso gibt es solche Bücher?

Es ist immer noch so, dass Menschen, denen das Lesen aus unterschiedlichsten Gründen schwer fällt, auf Kinderbücher zurückgreifen müssen, wenn sie Lust auf Bücher haben. Sie haben kaum Zugang zur Literatur. Das finde ich unfair. Ich will unbedingt mithelfen, diesen Missstand zu ändern.
Gerade im Lutherjahr muss ich immer wieder an Luther und seine Bibel denken. Welch ein Sturm der Entrüstung brach da los, als er sie allen zugänglich machen wollte. Luther hat übrigens ebenfalls in einer sehr klaren und einfachen Sprache gesprochen.

Gibt es Regeln für die Einfache Sprache?

Ich muss mich natürlich an gewisse Regeln halten. Die Sätze sollen kurz sein, eine klare Aussage haben und möglichst keine Fremdwörter beinhalten.  Man kann sagen, die Einfache Sprache vermeidet alles, was einen Text schwierig macht, zum Beispiel mehrfach eingebettete Ne­bensätze, doppelte Verneinungen, Häufung von Fachbegriffen, Häufung von Abstrakta und vieles mehr. Zum Beispiel besteht ein Satz in "Leichter Sprache" aus maximal 7 Wörtern ohne Nebensätze, auf den Genitiv wird verzichtet. Oft wird der Inhalt der Sätze mit klaren Zeichnungen veranschaulicht.

Man begegnet dieser Sprache im Moment auf vielen Wahlplakaten. Die Regeln für die "Einfache Sprache" sind nicht ganz so starr und bieten mehr literarischen Spielraum: Es gibt etwa 15 Wörter pro Satz, es darf ein Komma geben und hin und wieder einen Genitiv.

Übrigens: Die Bild-Zeitung erscheint seit Jahrzehnten in Einfacher Sprache. Ich denke, aus diesem Grund hat sie (auch) eine so hohe Auflage.
"Leicht" wird oft mit "seicht" verwechselt. Viele Menschen wissen gar nicht, was "Einfache Sprache" ist. Sie denken, dass das nur etwas für Menschen mit geistiger Behinderung ist. Damit wollen sie nichts zu tun haben. Der Begriff "Leichte Sprache" ist ein Fachbegriff und kommt aus der Behindertenselbsthilfe. Sie wurde für und mit Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt, Analphabeten profitieren davon. Die Menschen, die sie brauchen, brauchen auch einen Begriff der ihnen sagt: Das kannst Du lesen, das verstehst Du.

Gibt es besondere Herausforderungen solche Bücher zu schreiben?

Normalerweise schreibe ich gern lange Sätze. Ich musste bei diesem Buch lernen, die jeweilige Aussage inhaltlich zu fokussieren. Ich muss mir genau überlegen, worum es geht, was das Wichtigste ist. Und das dann kurz und knapp sagen. Da bleiben dann plötzlich von einem Satz mit 28 Wörtern nur noch fünf Wörter übrig. Erstaunlicherweise war der kurze Satz immer konkreter, greifbarer, detaillierter und gefiel mir besser. Es ist bei diesem Stil schlicht nicht möglich, im Ungefähren zu bleiben. Auf Deutsch: rumzulabern. Zu schwafeln. Die Handlungsebene gerät bei der Einfachen Sprache deutlich in den Vordergrund, das langatmige Reflektieren verschwindet. Diese Texte sind viel erlebarer.

Wird die "Einfache Sprache" überhaupt wahrgenommen und geschätzt?

Ich hatte schon mehrere Lesungen aus diesem Buch. Auffallend waren für mich dabei zwei Dinge: Zum einen die spürbare Konzentration der Zuhörer, sie waren ganz dabei. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Und dann, nach dem Ende der Lesung, wollte jeder etwas aus seinem Leben erzählen. So wie es Martha in diesem Buch macht. Da tauchten so viele wunderbare, bewegende Geschichten auf, dass ich am liebsten gleich mitgeschrieben hätte!  Viele Leser haben mir gesagt, dass sie das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnten. Sie haben es in einem Rutsch durchgelesen. Das ist das Schönste, was man einer Autorin sagen kann. 

Mehr über Doris Bewernitz können Sie auf ihrer Homepage www.doris.bewernitz.net nachlesen. Weitere Bücher und Informationen über den Verlag edition naundob finden Sie auf www.naundob.de

                          Inge Wollschläger

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