Editorial: Der Klang des Herbstes

Susanne Borée
Susanne Borée

Ging er so mir nichts, dir nichts vorbei - der Goldene Herbst in diesem Jahr? Statt dem letzten Aufglühen des Laubes im Oktober macht sich oftmals viel eher graue Novemberstimmung breit. "Rote Blätter fallen, / graue Nebel wallen, / kühler weht der Wind." So summte ich in den vergangenen Tagen öfter mal heimlich vor mich hin.

Und dann stockte ich: Da war doch noch etwas? Wie ging eigentlich der Text weiter? Nein, nicht nur mit einer "vollen Traube" und "frohem Erntetanz" bei "Mondenglanz" wie weitere Strophen behaupten. Irgendetwas mit "Stille" und "ruhender Zeit" im Herbst.

Endlich hatte ich den Zipfel einer Zeile, mit dem es in einem anderen Lied weiterging: "Herbst ist da, es ruhet die Zeit, / klagendes Lied wird still. / Will nichts mehr fragen, / will nichts mehr sagen, / Welt hat ein End und Ziel." Die Luft riecht schon nach Dämmerung. Doch ruht sie in sich. Die Endlichkeit des Novembers beginnt.

Ja, da brauche ich kaum mehr goldenes Herbstlaub im Sonnenschein. Selbst dann nicht, wenn die letzten ihrer wärmenden Strahlen in diesem Jahr noch auszukosten sind. So hatte das Windsheimer Freilandmuseum zu einem seiner letzten Feste in diesem Jahr am ­ersten Oktoberwochenende noch Glück mit dem Himmel: Wie vorbestellt folgte die Sonne auf das Gewitter - ebenso wie auch bei vielen Erntedankfeiern überall im Land. 

Sonne und Novemberhimmel wechselten teils so schnell ab, dass weder mein Herz noch meine Garderobe mitkam. Meinen Morgennebel jedenfalls ­genieße ich: In den Senken hält sich viel Dunst, über dem manchmal doch schon die Sonne oder noch der Mond scheint.

"Wahrlich, keiner ist weise, / Der nicht das Dunkel kennt, / Das unentrinnbar und leise / Von allem ihn trennt." Diese Zeilen Hermann Hesses kamen mir dann in regnerischen Stunden in den Sinn. Der Nebel verschluckt unnützen Lärm.

Scheinbar verhindert er den Durchblick - und wirft uns auf uns selbst zurück.
Darauf folgen Bonhoeffers Zeilen: "Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, / so laß uns hören jenen vollen Klang / der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, / all deiner Kinder hohen Lobgesang."

Halt: Der Herbst ist nicht mehr still, er hat Stil. So jedenfalls korrigierte mich das Internet - Angaben zu angesagten Modetrends über­fluteten meine lyrischen Augenblicke.

Susanne Borée

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