''Graue'' Pflegehilfe kommt an Grenzen

Joachim Vetter
Joachim Vetter, Präsident des Landesarbeitsgerichtes Nürnberg, beim Symposium der Evangelischen Hochschule zur Hauspflege. Foto: Borée

Forschungsnetzwerk für Osteuropäische Betreuungskräfte nach Symposium gegründet

Acht Hochschulen, Universitäten und Praxiseinrichtungen aus Deutschland und Polen schlossen sich in Nürnberg zu einem "Forschungsnetzwerk Osteuropäische Betreuungskräfte" zusammen. Die Gründung kam im Rahmen des Symposiums "Osteuropäische Betreuungskräfte in der häuslichen Pflege" zustande. Diesen Gedankenaustausch veranstaltete die Evangelische Hochschule Nürnberg (EVHN).

Die Unterstützung von pflegebedürftigen Menschen zu Hause mit Hilfe einer "Betreuungskraft" aus Osteuropa ist mittlerweile zur flächen­deckenden Versorgungsform in Deutschland geworden. Eine zunächst wildfremde Frau wohnt unter einem Dach mit einem alten Menschen. Sie lebt, isst und schläft in direkter Nähe. Für viele Pflegebedürftige und deren Angehörige ist diese Hilfestellung eine ideale Lösung, um trotz Pflegebedürftigkeit in den eigenen vier Wänden bleiben zu können. Doch wie gut ist die Qualität dieser Unterstützung? Wie korrekt verläuft die Anstellung dieser Hilfe? Diesen Fragen ging das Symposium nach.

Die Veranstalter hoffen durch das Symposium und das Netzwerk verstärkt mit den politischen Akteuren zusammenzuarbeiten. Dabei wollen sie sowohl die gesetzliche und finanzielle Situation der Betreuungskräfte als auch die Interessen von Pflegebedürftigen und ihrer Familien berücksichtigen. Das Netzwerk soll Transparenz schaffen bei Beschäftigungsverhältnissen oder Arbeitszeiten.

"Wir werden den Kontakt zu den beiden Berufsverbänden der Betreuungskräfte und Haushaltshilfen weiter ausbauen", erklärt Barbara Städtler-Mach, Präsidentin der Evangelischen Hochschule Nürnberg und Initiatorin des Forschungsnetzwerkes gegenüber dem Sonntagsblatt. Gemeinsame internationale Publikationen des Forschungsnetzwerkes helfen die Diskussion um das Thema weiter vorantreiben.

Die Gründungsmitglieder finden sich sowohl auf polnischer als auch deutscher Seite. Für die nächsten zwei Jahre haben die Beteiligten halbjährliche Treffen vereinbart. "So ist für das Wintersemester ein Austausch mit der Caritas Wien vorgesehen", ergänzt Städtler-Mach. "Insgesamt geht es darum, Wissen, Kräfte und Interessen zu bündeln."

Ziel des Nürnberger Symposiums war es, mit den Teilnehmenden ethisch verantwortete Schritte für den Umgang mit dieser Versorgungsform in der Zukunft zu finden. Grundsätzliche Fragestellungen nahmen einen wesentlichen Teil der Tagung ein. "Es entstehen Probleme da, wo Frauen aus Osteuropa ausgebeutet werden", erklärt Professorin Barbara Städtler-Mach. Und weiter: "Es ist ethisch nicht korrekt, wenn pflegebedürftige, demente Menschen von jemand versorgt werden, der das nicht richtig kann. Und es ist auch nicht korrekt von einem Sozialstaat Unterstützung zu versprechen -  aber faktisch fehlen die Rahmenbedingungen. Von den Betroffenen, von Angehörigen kann ich doch nicht verlangen, dass sie sich für eine geänderte Sozialgesetzgebung einsetzen."

Da die Familien von Pflegebedürftigen meist froh über möglichst billige Angebote sind, sei es wichtig, rechtliche Rahmenbedingungen zu finden, wie etwa in Österreich. Dort gilt es, verbindlich einen ambulanten Pflegedienst einzubinden. Die ausländische Betreuungskraft muss dazu ihren Wohnsitz und ihr Gewerbe in Österreich anmelden - auch beim Finanzamt. Sie arbeitet auf Honorarbasis. Der Arbeitsvertrag muss in Einklang mit dem österreichischen Arbeitsrecht sein - gerade bei Arbeitszeiten oder Entlohnung. Billiganbieter wie in Deutschland sind da viel weniger möglich.

Einen Ausweg aus der deutschen sozialpolitischen Grenzsituation forderte etwa Sandra Schuhmann vom Fachvorstand des Diakonischen Werkes Bayern e.V. Die Versprechen  der Anbieter klängen verführerisch. Aber auch Familien der pflegebedürftigen Personen berichten von Schwierigkeiten mit Betreuungsdiensten und -kräften. Selbst können sie eine Pflege rund um die Uhr kaum mehr leisten. Das Lohngefälle Richtung Polen und Ungarn macht es attraktiv, Kräfte von dort einzustellen. Ohne besondere Ausbildung dürfen diese jedoch nur im Haushalt und bei der Grundpflege helfen.

Polnische Diakonieeinrichtungen, etwa in Kattowitz, kümmern sich um Kinder, deren Eltern im Westen arbeiten, merkte Schuhmann an. Gleichzeitig herrsche vor Ort ein Mangel an Ärzten und medizinischem Fachpersonal. In Polen werden wiederum Pflegekräfte aus der Ukraine eingesetzt. Um diesen Zuständen und Kettenreaktionen den Boden zu entziehen, forderte Sandra Schuhmann den Ausbau der familienentlastenden Angebote wie Tagespflege oder ehrenamtliche Betreuung. Der Eigenanteil der betroffenen Familien bei der Pflege sei gerecht zu begrenzen, um unseriösen Betreuungsangeboten den Boden zu entziehen.

Über die Anwendbarkeit des deutschen Arbeitsrechtes dachte Joachim Vetter, Präsident des Landesarbeitsgerichtes Nürnberg, nach. Das deutsche Mindestlohngesetz und die Begrenzung von Arbeitszeiten gelte auch für sie: Gerade als Selbständige - wie sie meist offiziell eingesetzt würden - hätten sie das Recht, ihre Arbeitszeit eigenständig zu bestimmen. Wenn sie aber über eine so genannte "A1-Bescheinigung" verfügten, die ursprünglich ihre soziale Absicherung gewährleisten sollte, sei eine deutsche Kontrolle nach geltender Rechtsprechung fast unmöglich.

Erfahrungen aus der Pflegeberatung steuerte Eileen Goller vom Seniorenamt der Stadt Erlangen bei: Sie hätten Anbieter eingeladen, um Fragen zu klären. Grundsätzlich haben aber nur die Stiftung Warentest oder die Verbraucherzentrale eine valide Datengrundlage, um die Betreuungsanbieter zu bewerten.

Je billiger sie seien, desto ungünstiger seien ihre Bedingungen für das Personal und letztlich auch für die gepflegten Personen. Um zu seriösen Anbietern zu kommen, hilft auch die Beratung durch eine unabhängige Stelle vor Ort wie das Seniorenamt oder eine Pflegeberatung. Barbara Städtler-Mach rät davon ab sich im Internet zu informieren. "In der Regel haben Familien, die sich erstmals mit dieser Versorgungsform beschäftigen, nicht das Fachwissen, um die seriösen von den weniger seriösen Vermittlern zu unterscheiden."

Michael Gomola vom polnischen Anbieter CareWork aus Gliwice/Gleiwitz, stellte wiederum sein Angebot für Betreuungskräfte vor, mit dem er Qualität gewährleisten will. Zu ihm gäbe es bereits einen langen Kontakt, so die Evangelische Hochschule. Sie schätzt seine Agentur als seriös ein.

"Die große Resonanz sowohl auf dem Symposium als auch bei der Gründung des Netzwerkes bestätigt den enormen Bedarf und das große Interesse, endlich zu einer ethisch verantwortbaren Lösung in diesem Bereich des Pflegemarktes zu kommen", freut sich Professorin Barbara Städtler-Mach. 

                      Susanne Borée

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