''Verschweigen ist keine Lösung''

Frank Niemanns
Frank Niemanns, Geschäftsführer des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V. von Schleswig-Holstein, läutet eine Schiffsglocke zum Gedenken an gefallene Soldaten der Marine. Fotos: Bek-Baier

Gedenkstätte in Kiel-Möltendorf erinnert an die Opfer des U-Boot-Krieges

''Das Einzige, was mich während des ganzen Krieges mit Angst und Schrecken erfüllte, waren die Periskope deutscher U-Boote - und der bis zum Ende ungebrochene Geist ihrer Besatzungen", schrieb Winston Churchill, der britische Premierminister während des Zweiten Weltkrieges, nach Kriegsende nieder.  Keine andere Waffengattung hatte im Zweiten Weltkrieg eine so hohe Verlustrate. Mehr als 30.000 U-Boot-Fahrer blieben auf hoher See. Das sind über 80 Prozent aller Soldaten die auf U-Booten fuhren.

Der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V. hilft Angehörigen das Gedenken an ihre auf See gefallenen Väter, Großväter und Verwandten zu bewahren. Aber er sorgt auch dafür, dass die schlimmen Geschehnisse des Kriegs und ihre Opfer nicht vergessen werden.

Das hier ist immer noch der Ort wo Angehörige hinkommen und sich an ihre Verwandten erinnern", erläutert Frank Niemanns. Der Geschäftsführer des Volksbundes ­Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V. Schleswig-Holstein führt an den 101 schwarzen Bronzetafeln vorbei, auf denen die Namen von mehr als 36.000 gefallenen deutschen U-Boot-Fahrern beider Weltkriege und der Bundeswehr festgehalten sind.

Das Ehrenmal für die U-Bootwaffe in Möltendorf bei Kiel liegt direkt an der Kieler-Förde. Heute dient das Ehrenmal nicht nur dem Gedenken an die in Kriegs- und Friedenseinsätze gefallenen U-Boot-Fahrer, sondern dem Gedenken aller Opfer des U-Boot-Krieges und den im Dienst gestorbenen Soldaten an Bord von U-Booten der Bundeswehr. Die Pressereise des Volksbundes Bayern führte an die Küste zu den Kollegen des Schleswig-Holsteinischen Verbandes, um der militärischen aber auch der zivilen Opfer zur See zu gedenken. Unterstützt wurde dieses Projekt durch die Volksbund-Stiftung "Gedenken und Frieden".

Die U-Bootwaffe hatte im Zweiten Weltkrieg in Relation die meisten Verluste. Insgesamt wurden bis Kriegsende 1.174 deutsche U-Boote in Dienst gestellt. Davon gingen durch Feindeinwirkungen 721 Boote verloren. 81 wurden durch Feindeinwirkung im Heimatgebiet oder in den Heimathäfen zerstört, 42 gingen durch Unfälle verloren.

Das Gedenken hält an

Hier in Möltendorf wird ausdrücklich an alle gefallenen Soldaten und alle versenkten U-Boote erinnert. "Oben neben der U-Boot-Nummer steht zunächst der Name des Kommandanten zum Zeitpunkt der Versenkung. Darunter sind alle Gefallenen  auf diesem Boot aufgeführt", erklärt Niemanns den Aufbau einer Gedenktafel. Manchmal fehlt der Name des Kommandanten. "Das bedeutet dann, dass er nicht mit dem Boot unterging und sich retten konnte."

Zu Füßen mancher Tafel liegen Kränze, Blumen und Fotos. Manchmal liegt ein in Plastik eingeschweißter Lebenslauf oder Brief bei. "Die Nachkommen der gefallenen U-Boot-Männer schreiben nicht nur ins Besucherbuch, sie hinterlassen auch Fotos zu Füßen der Tafel", erläutert Niemanns. Er bückt sich und hebt einen Brief mit Foto auf. "Hier hinterließ beispielsweise ein Enkel ein Foto  mit Text: 'U 452, Mark-Robert Bartl. In Erinnerung an seinen Großvater den er nie kannte.' Wir sammeln diese Einzelbiografien."

Auch an einer anderen Tafel hängt ein Brief: "In Erinnerung an unsere Ur-Großmutter, deren erste Liebe mit U 543 unterging. In Gedenken an Rudolf Münch aus Görlitz." Und tatsächlich findet man den Namen Münch auf der Tafel. "Das zeigt die Bedeutung dieses Ortes für viele Menschen." Viele der Gefallenen auf den Tafeln haben allerdings keine Hinterbliebenen mehr. Die Tafeln sorgen dafür, dass auch ihre Namen nicht vergessen werden.

Gerügte Seemannsehre

Zu einigen der U-Boot-Fahrer, die hier auf den Tafeln verewigt sind, weiß Niemanns jedoch die ganze Geschichte. Besonders eindrücklich ist die von U 156. Besonders deshalb, weil sie einen gravierend unmenschlichen und sadistischen Befehl nach sich zog. Ein Befehl, der tausenden von Seeleuten das Leben kosten sollte.

Kommandant Werner Hartenstein hatte den britischen Truppentransporter Laconia vor der afrikanischen Küste versenkt. Auf ihm waren auch sehr viele italienische Kriegsgefangene. Bevor die Laconia sank, ­retteten sich viele Matrosen und Gefangene durch einen Sprung ins Wasser.  Hartenstein versuchte nun die Schiffbrüchigen zu retten. Er hat sie teilweise auf dem Deck seines Bootes aufgenommen und die Rettungsboote, die noch schwammen, zusammengebunden.

Er rief per Funk zwei weitere U-Boote hinzu, um noch mehr Schiffbrüchige zu bergen. "Man hat Menschen außen auf die Boote gesetzt. Auf U-Booten kann man ja nicht größere Mengen von Menschen unterbringen. Sie haben dann alle Rettungsboote und Flöße zusammengebunden und zwischen den U-Booten vertäut, damit sie nicht auseinander treiben", erzählt Niemanns. "Dann hat er gegen die Order offen und frei andere Schiffe aller Nationen zu Hilfe gerufen und seine Position bekannt gegeben. Er hat zugesagt, er würde nicht angreifen." Es kamen tatsächliche andere Schiffe.

Doch die Amerikaner hielten es für eine Finte und griffen die U-Boote mit Flugzeugen an. Die U-Boote tauchten daraufhin und brachten sich selbst in Sicherheit." Die meisten Schiffbrüchigen wurden jedoch  gerettet. Die deutsche Admiralität war von dem Vorfall entsetzt. Hartenstein  fiel selbst im März 1943, als sein U-Boot versenkt wurde. Konsequenzen hatte der Vorfall für ihn also nicht mehr.

Folgenschwerer Befehl

Auch wenn Hartenstein wie ein aufrechter Seemann gehandelt hatte und einen Seemanns-Kodex umsetzte, nämlich, dass Schiffbrüchige gerettet werden müssen, hatte dieser Vorfall gegenteilige Wirkung. Die verheerende Folge von Hartensteins Handeln war der sogenannte "Laconia-Befehl" vom deutschen Befehlshaber der U-Boote Admiral Karl Dönitz. Der Befehl besagte, dass "jeglicher Rettungsversuch von Angehörigen versenkter Schiffe, also auch Auffischen von Schwimmenden und Anbordgabe auf Rettungsboote, Aufrichten gekenterter Rettungsboote, Abgabe von Nahrungsmitteln und Wasser" zu unterbleiben habe. Die "Rettung widerspricht den primitivsten Forderungen der Kriegführung nach Vernichtung feindlicher Schiffe und Besatzungen", so der Befehl weiter. "Hart sein. Daran denken, dass der Feind bei seinen Bombenangriffen auf deutsche Städte auf Frauen und Kinder keine Rücksicht nimmt", schrieb Dönitz.

Dieser Laconia-Befehl war ein Anklagepunkt, der Dönitz nach dem Krieg von den Alliierten im Kriegsverbrecher-Prozess neben anderen zur Last gelegt wurde. 

Tod nach Kriegsende => weiter

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 19. November 2017:

- Lyrikerin, Fastnachter und Heimatpflegerin erhalten Frankenwürfel

- Seit fünf Jahren hilft bayerisches Wohnprojekt "Scheherazade" bei drohender Zwangsheirat

- Prior Christian Schmidt über zehn Jahre Evangelischer Konvent Kloster Heilsbronn

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo