Bronzeplatten
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräber e.V. erinnerte mit seiner Pressefahrt an die Opfer des U-Boot-Krieges. In Kiel-Möltendorf sind auf 101 schwarzen Bronzeplatten die gesunkenen U-Boote festgehalten und es wird an ihre Besatzungen erinnert.

Tod nach Kriegsende

Dann macht Niemanns auf ein seltsames Datum für ein Mahnmal des zweiten Weltkrieges aufmerksam: U 852, Kapitän Walther Eck mit Todesdatum 30. November 1945. Ein halbes Jahr nach Kriegsende? "Das ist deren  Hinrichtungsdaten. Er zählt mit zwei seinen Besatzungsmitgliedern zu den einzigen verurteilten Kriegsverbrechern von einem U-Boot." Eck hatte vor Afrika den griechischen Frachter Piräus versenkt. "Er hatte Order keine Spuren zu hinterlassen und nahm das wörtlich. Er schoss auf Rettungsflösse und Schiffbrüchige mit der Bordwaffe." Dennoch gab es Überlebende, mit deren Hilfe Eck nach dem Krieg  verurteilt werden konnte. Er und seine Mitangeklagten wurden von einem britischen Kriegsgericht wegen der Schüsse auf Schiffsbrüchige zum Tode verurteilt.

Auf der gleichen Tafel steht weiter oben der Name von Oberleutnant zur See Oskar Kusch. "In Kiel ist er sehr bekannt", weiß Niemanns. Er war Kommandant von U 154. Er wurde von seinem ersten Offizier denunziert wegen "wehrkraftzersetzenden Aussagen". "Er wurde hier in Kiel-Altenholz erschossen." Nach dem Krieg wurden Straßen und Wege in der Umgebung Kiels nach ihm benannt, um ihn zu ehren. 

Grautöne

"Auf einer Tafel haben wir somit oben Kusch und unten Eck." Ein Beispiel wie ein Opfer und ein Täter auf einer Tafel vereint genannt werden können. "Wir haben 36.000 Namen und es gab dazu 36.000 Geschichten, die wir natürlich nicht alle kennen", berichtet Niemanns. "Aber es ist nicht alles nur schwarz-weiß, sondern auch eine ganze Menge grau, dort wo man sich dazwischen bewegt. Das ist auch der Punkt wie wir mit Geschichte umgehen müssen: Wir wissen,  Geschichte hat auch viele Grautöne."

Das selbe gilt für die Opfer der U-Boote. "Hier stehen die Namen von 36.000 gefallenen U-Bootfahrern. Aber wir wissen auch, dass gerade durch die deutschen U-Bootfahrer in etwa die selbe Zahl an Menschen ums Leben gekommen sind", gibt Niemanns zu. "Wenn wir hier nur einen Ausschnitt von deutscher Geschichte darstellen können, heißt das nicht, dass wir rechts und links nichts sehen. Wir wissen, dass deutsche U-Boote eine Menge Leid über Menschen gebracht haben. Das wollen wir nicht verschweigen."

Daher hat man das Gebet von Pfarrer Alfons Kordecki, das er einmal hier gesprochen hat, in Bronze gegossen und im Ehrenmal an der Stirnseite einer Absiss aufgehängt.

Gebet für alle

"Im Gebet wird noch einmal deutlich ausgesagt: Durch den Krieg erlitten viele Menschen auf allen Seiten Leid", fasst Niemanns zusammen. "Sowohl in den U-Booten als auch durch die U-Boote kamen Menschen zu Schaden und verloren ihr Leben."

Die erste große Tragödie, die sich durch einen deutschen U-Boot-Angriff ereigente, war die Versenkung des britischen Passagierdampfers Lusitania. SIe hatte die Brandmarkung der deutschen U-Bootfahrer als "Monster" und den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg zur Folge.

Mythos U-Boot-Monster

Kommandant Walther Schwieger versenkte mit U 20 am 7. Mai 1915 den britischen Passagierdampfer RMS Lusitania der Cunard Line, wobei 1198 Menschen ums Leben kamen. "Die Geschichte ist bis heute umstritten", gibt Niemanns zu bedenken. Die Lusitania war ein britischer Passagierdampfer mit 1.900 Menschen an Bord von denen 1.200 ums Leben kamen. Davon waren 169 Amerikaner. "Sie war als britischer Hilfskreuzer und somit als Kriegsschiff registriert. Das haben damals viele Reedereien gemacht, da gab es Gelder dafür. Sie war nicht bewaffnet, hatte aber Munition an Bord." Das ist ebenfalls eine Grauzone, weiß Niemanns. "Durfte er, oder durfte er nicht?", sei die Frage. In den USA gilt Schwieger bis heute als das Urbild des deutschen "U-Boot-Monsters".

Verbrecher an Bord

Niemanns kann von noch mehr Grauzonen berichten. So hält er wiederum bei einem Namen inne, der beinahe von der Tafel geschlagen werden sollte: "Marine-Oberarzt Ernst Baumhard war, bevor er zur Marine kam, kein Soldat. Er war maß­geblich beteiligt an der T4 Aktion der Eutanasieaktion."

Ernst Baumhard war im Rahmen des nationalsozialistischen "Euthanasie"-Programms T4 als Vergasungsarzt in den NS-Tötungsanstalten Grafeneck und Hadamar tätig.  T4 ist die Bezeichnung für die systematische Ermordung von mehr als 70.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen in den Jahren 1940 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. "Wir wissen heute,  dass er hunderte oder gar tausende Menschen persönlich umgebracht hat", weiß Niemanns.

"Man hatte den Ärzten angeboten sich an dem T4 Programm zu beteiligen", so Niemanns. "Sie haben es getan, um selbst davon zu profiteren, Karriere zu machen und grausame Experimente durchführen zu können." Baumhard wechselte schließlich mit dem Arztkollegen Günther Heneke zur Marine und sie wurden als Schiffsärzte auf U-Booten eingesetzt. "Beide sind mit ihren Booten untergegangen und werden hier auf den Gedenktafeln namentlich erwähnt."

Namen löschen oder nicht?

"Das alles erfuhren wir erst vor drei Jahren durch einen Angehörigen, dessen Großonkel in Hadamar ums Leben gekommen ist", erklärt Niemanns. "Dann führten wir eine Diskussion, wie geht man um mit diesen Namen?" Es wurde überlegt, ob man die Namen löscht. "Wir kamen zu dem Schluss, die Namen zu behalten und in der Ausstellung zu dokumentieren, dass wir sehr wohl wissen, was diejenigen Ärzte vorher gemacht haben. Und dass sie sich schuldig gemacht haben", so Niemanns. "Verschweigen ist keine Lösung. Wir wollen das Unrecht benennen. Die Namen zu löschen,  ist ein Umgang mit Geschichte, der wenig hilfreich ist. Wenn man etwas  was löscht, ist es weg. Dadurch wird es aber nicht ungeschehen", so die Argumentation des  Geschäftsführers des Volksbundes Schleswig-Holstein.

"Diese Anlage hat den Sinn, dass Menschen sich Gedanken machen, über die damalige Zeit und die Dinge, die damals geschehen sind, und dass Schlimmes möglich war." Etwas zu löschen hat keinen Sinn, denn es macht die Tat nicht ungeschehen, ist die Erkenntnis des Volksbundes. "Man muss es benennen, um heute Menschen zu zeigen, diese Verbrechen waren damals möglich und wurden gefördert."

Niemanns Schlussfolgerung ist heute aktueller denn je: "Wir können daraus lernen, dass wir uns heute bemühen müssen, nicht wieder solche Zustände aufkommen zu lassen, die solche Verbrechen möglich machen."

                      Martin Bek-Baier

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 10. Dezember 2017:

- Ein besonderer Erinnerungsort: Synodale besuchen Johann-Flierl-Projekt im oberpfälzischen Fürnried

- Der Regensburger Regionalbischof Hans Martin Weiss über Fortschritte in der Ökumene

- Kinderarbeit im Kongo: Amnesty International sieht Autokonzerne in der Pflicht

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo