Alle Wege verschlossen, um einen zu gehen, Teil I

Laine Villenthal als junges Mädchen
Laine Villenthal als junges Mädchen Foto: Privat

Lebenslinien in Gottes Hand (109): Ein Leben für Kirche und Gemeinde als erste Pfarrerin

Eins ist klar: Wir werden gewinnen." Diese Worte ließ der evangelische Erzbischof Jaan Kiivit an Laine Villenthal ausrichten. Es ist Herbst geworden 1954 im kleinen Örtchen Misso tief im Südosten Estlands. Predigerin Laine Villenthal, 1922 geboren, sollte dort als Predigerin für die evangelische-lutherische Kirche beginnen. (=> Mehr über die estnische evangelisch-lutherische Kirche).

Im Herbst 1954 war Josef Stalin gerade anderthalb Jahre tot. Seit Wochen wartete Laine Villenthal auf ihre Arbeitserlaubnis. Mehr als drei Monate lang, bis zum November 1954, konnte sie weder arbeiten, noch überhaupt richtig leben. Menschen, die ihr ein Zimmer in ihrer Wohnung zur Verfügung stellten, wurden bedroht.

Allein schon diese Lebensepisode zeigt das Beharrungsvermögen der damals 32-Jährigen. 13 Jahre später, im November 1967 wurde sie zur ersten Pfarrerin Estlands ordiniert. Da hatte sie bereits ihren 45. Geburtstag gefeiert. Zum 50-jährigen Jubiläum der Amtseinführung hat nun das Gustav-Adolf-Werk ihre Lebensbeschreibung auf Deutsch herausgebracht. In der Folgezeit erlebte Laine Villenthal weitere Repressionen der "sowjetischen Gesetzgebung zu religiösen Kulten" der Breschnew-Ära, bis zur Unabhängigkeit 1991.

Matthias Burghardt, Pfarrer an der deutschsprachigen Gemeinde Estland, hat sie noch persönlich kennen gelernt. "Eine kleine, geschmackvoll gekleidete, energische Frau mit wachem Blick, die, schon aufgrund ihrer Lebensgeschichte und ihres Dienstes während der sowjetischen Zeit meine (und nicht nur meine) Hochachtung hatte."

Laine Villenthal erfährt ihr Leben als Berufung. Kurz vor ihrem 30. Geburtstag "spürte ich eine starke, nicht zu stillende Sehnsucht, etwas zu lernen." Denn danach gab es keine Chance mehr auf ein geregeltes Studium. Ihr Abitur und ihre Lehrerinnenausbildung fielen aber gerade in die Zeit nach 1942, als Estland unter deutscher Besatzung stand. Noch nach dem Krieg konnte sie als Lehrerin und Kindergärtnerin arbeiten. Doch die Anerkennung ihrer Kenntnisse und Erfahrungen von Seiten des Staates wurde offenbar zunehmend schwerer. Außerdem war einer ihrer Brüder deportiert.

Als sich Laine Villenthal nun fragte, wie sie ihre Zukunft gestalten sollte, öffnete sie eine Truhe und obenauf lag - ein theologisches Buch. Ihre neuen Studien erscheinen mehr als ein Notnagel. Ähnliche Wegweisungen prägten ihr Leben immer wieder.

Dies böte den Stoff für fulminante Erweckungserlebnisse. Doch Villenthal berichtet äußerst sachlich, fast unterkühlt. Das englische Wort "Understatement" trifft es am ehesten.  Auch das Ringen um ihre Ordination als Pfarrerin scheint allein auf Initiative der Gemeinde geschehen zu sein. Kirchenvorstand und ihre Vorgesetzten ringen um einen Weg. Villenthal will noch nicht einmal dabei sein, als diese Angelegenheit einmal in ihrem Beisein verhandelt wird.

Spannend und beklemmend, gerade auch im Understatement, die Beschreibung ihrer Lebensumstände als Jugendliche unter deutscher und russischer Besatzung. Gerade die Leerstellen in ihrer Darstellung bringen die eigenen Vorstellungen erst richtig in Gang. In den 1980er Jahren wird die Beschreibung Villenthals zäher. Nun werden viele Baumaßnahmen in epischer Breite erzählt. Das mag wohl für die Gemeindearbeit wichtig gewesen sein und viel Kraft erfordert haben. Doch wenig leserfreundlich.

Mit 75 Jahren reichte sie dann ihren Antrag auf Emeritierung ein. Erzbischof Jaan Kiivit (der Jüngere) lehnte ihn ab: "Wir brauchen Sie."

Halt: Wir schreiben nun das Jahr 1997. Und 1954 hatte Jaan Kiivit Laine Villenthal bereits zum Durchhalten aufgefordert, richtig? Heftiges Blättern in der Lebensbeschreibung. Ja, richtig. Leider fehlt ein Personenregister bei all diesen estnischen Namen. Wikipedia weiß Rat: Es gab zwei evangelische Erzbischöfe in Estland gleichen Namens, Vater und Sohn.

So begann der Ruhestand Laine Villenthals erst 2004, als sie 82 Jahre alt war. Dankenswerterweise gibt es in Villenthals Buch eine Zeitleiste sowie eine Karte Estlands mit den wichtigsten Orten, die in ihrem Leben eine Rolle spielten. In Nissi, unweit ihres Geburtsortes im Nordwesten Estlands findet sie Aufnahme. Im Kreise der Kinder ihrer Geschwister kommt sie zur Ruhe. 2009 verstarb sie.

An dieser Stelle ist augenfällig, was ansonsten im Buch überhaupt nie thematisiert ist: Selbstverständlich gründete Laine Villenthals nie eine Familie. 

Sie lebte nur für die Kirche => weiter